Corona-Aufholprogramm für Kinder

Schülerförderung noch ohne Plan

Das Zwei-Milliarden-Aktionsprogramm der Bundesregierung soll die Folgen der Corona-Pandemie für Kinder und Jugendliche abmildern, unter anderen mit Nachhilfe. Beobachter sind skeptisch.
10.05.2021, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Irene Niehaus
Schülerförderung noch ohne Plan

Nachhilfeangebote, da sind sich Schulleiter einig, kann Kindern helfen, ihre Bildungsdefizite zu beseitigen.

Uwe Anspach

Lilienthal/Borgfeld. Mit zwei Milliarden Euro will die Bundesregierung die Folgen der Corona-Pandemie für Kinder und Jugendliche abmildern. Das Bundeskabinett brachte in der vergangenen Woche das „Aktionsprogramm Aufholen“ auf den Weg. Eine Milliarde Euro ist für Nachhilfe- und Förderprogramme gedacht.

„Der Bedarf ist vorhanden, Lücken im Lernstoff sind bei uns in vielen Jahrgängen festzustellen“, weiß Denis Ugurcu, Leiter des Gymnasiums Lilienthal. Betroffen seien vor allem die Fächer Mathematik und Deutsch sowie - und das ganz deutlich - die Fremdsprachen, weil die Sprachkompetenz gelitten habe. Das bestätigt Karina Kögel-Renken, Leiterin der IGS Lilienthal, für ihre Schule, und auch sie betrachtet Nachhilfe als hilfreich.

Infolge der Schulschließungen müssen sich viele Schüler Unterrichtsinhalte eigenständig erarbeiten und können dabei Hilfe nicht wie gewohnt in Anspruch nehmen. „Vielen Schülern geht es darum, dass sie noch mal nachfragen können und den Stoff erklärt bekommen. Wir haben die Rolle, die sonst ein Lehrer übernimmt“, sagt Petra Diaz Casals, Eigentümerin des Studiencenters Schoofmoor, einer Nachhilfeeinrichtung in Lilienthal. Das neue Förder-Programm der Bundesregierung beurteilt sie allerdings skeptisch. „Ich befürchte, dass qualifizierte Nachhilfe, die ihren Preis hat, durch die Mittel der Bundesregierung nicht realisierbar ist.“ Ihren Zweifel begründet sie mit ihren Erfahrungen bei den Anträgen auf Kostenübernahme für Nachhilfe im Rahmen des Teilhabe- und Bildungspakets. „Sie sind bei uns bislang immer abgelehnt worden.“

Anders als das Studiencenter Schoofmoor, das laut Petra Diaz Casals mehr Anmeldungen als vor der Pandemie verzeichnet, erhielt die Nachhilfe-Schule Lerntreff am Lehester Deich in Borgfeld etliche Kündigungen. „Die Eltern sagten mir, wenn kein Schulunterricht stattfindet, brauchen wir auch keine Nachhilfe“, erzählt Inhaberin Sabine Frömming-Koslowski. Die Zahl ihrer Schüler sei um 20 Prozent zurückgegangen. Ob ihre Nachhilfeschule und die anderer Anbieter vom Aktionsprogramm der Bundesregierung profitieren werden, vermag Frömming-Koslowski nicht einzuschätzen. „Ich kann nicht sagen, für welche Art von Nachhilfe - ob privat, in einem Institut oder in der Schule - das Geld verwendet werden soll.“

Tatsächlich fühlen sich Nachhilfeschulen seit geraumer Zeit übergangen. Der Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen (VNN) beklagt, dass die Institute in der Corona-Krise von der Politik nicht einbezogen würden. Sabine Frömming-Koslowski, Mitglied im VNN, bot nach eigenen Angaben mehreren Bremer Politikern an, durch die gezielte Förderung der Schüler in ihren Räumlichkeiten dazu beizutragen, die Wissenslücken zu schließen und die Lerndefizite auszugleichen, die Schulschließungen und Homeschooling nach sich zogen. Sie sei damit jedoch auf taube Ohren gestoßen, „ich habe keine Antworten bekommen.“

Eine klare Position dazu hat die niedersächsische Lehrergewerkschaft GEW. Das Geld dürfe nicht in private Nachhilfe-Institute fließen, sagt Laura Pooth. Es sei in den Schulen besser aufgehoben und sollte zum Beispiel für mehr Personal eingesetzt werden.

Am Gymnasium Lilienthal ist das Kollegium gerade dabei, ein Förderkonzept für das kommende Schuljahr zu entwickeln, um die coronabedingten Folgen bei den Schülern abzubauen. „Lernrückstände im normalen Unterricht auszugleichen ist angesichts der langen Ausfallzeit schwierig“, betont Leiter Ugurcu. Die Idee sei, freiwillige Angebote für bestimmte Themen eines Faches zu unterbreiten, die eine Lehrkraft dann mit den Schülern am Nachmittag im Rahmen des Ganztagsunterrichts durchgeht. „Dieses Förderprogramm kann aber nur ein Baustein sein, um Wissenslücken zu schließen.“ Geplant sei außerdem ein gutes AG-Angebot, das sportliche Highlights bieten soll.

Bei dem Programm der Bundesregierung geht es vorrangig um Lernrückstände. Der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne meint, dass Pauken aber nicht um jeden Preis im Mittelpunkt stehen solle. „Im Fokus steht die Förderung von emotionalen und sozialen Kompetenzen und Persönlichkeitsstärkung durch Partizipation“, so Tonne. Ähnlich sieht es IGS-Leiterin Karina Kögel-Renken. Sie hebt hervor, dass soziale und emotionale Defizite schwer durch Nachhilfe aufzuholen seien. „Kinder brauchen Kinder, Jugendliche brauchen ihre Peergroup.“

Sandra Pohl, Leiterin der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Tarmstedt, hält das Angebot zusätzlicher Förderung grundsätzlich für positiv und als freiwilliges Angebot für sinnvoll. Sie sehe in der Situation aber auch eine Chance, die ohnehin schon vollen Lehrpläne zu entschlacken.

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Zur Sache

Weniger Schule, mehr Fernsehen

Die deutschen Schulkinder haben im Corona-Lockdown Anfang 2021 im Schnitt 4,3 Stunden am Tag mit schulischen Tätigkeiten verbracht. Das ist zwar eine knappe Dreiviertelstunde mehr als während der ersten Schulschließungen im Frühjahr 2020. Aber immer noch drei Stunden weniger als an einem üblichen Schultag vor Corona. Das geht aus einer Befragung des Ifo-Instituts unter 2122 Eltern hervor. 23 Prozent der Kinder waren nicht mehr als zwei Stunden am Tag mit der Schule beschäftigt. Weiterhin hätten die Schulkinder täglich mehr Zeit mit Fernsehen, Computerspielen und Handy (4,6 Stunden) verbracht als mit dem Lernen für die Schule. Ein knappes Drittel der Eltern berichtete, dass ihr Kind während der Corona-Pandemie wegen Bewegungsmangel an Körpergewicht zugenommen habe, so das Ifo-Institut, das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München.

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