66 Mitarbeiter erkrankt

Landkreis will nach Corona-Ausbruch Schlachthof in Lohne nicht schließen

Schon wieder ein Corona-Ausbruch in einem Schlachthof - dieses Mal ist mit einer Hähnchenschlachterei einer der modernsten Betriebe betroffen. Betreiber und Landkreis sagen, das Hygienekonzept sei gut.
19.07.2020, 16:28
Lesedauer: 3 Min
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Landkreis will nach Corona-Ausbruch Schlachthof in Lohne nicht schließen

Von den 1046 Mitarbeitern wurden 66 positiv auf Covid-19 getestet.

Mohssen Assanimoghaddam / dpa

Nach einem größeren Corona-Ausbruch von Mitarbeitern einer Hähnchenschlachterei in Lohne darf der Betrieb weitergehen. Es handele sich um eine Ermessensfrage, sagte der Landrat des Landkreises Vechta, Herbert Winkel (CDU), am Sonntag. „Wir konnten keinen bestimmten Infektionsherd feststellen“, sagte Winkel. Es gebe zwar ein größeres Ausbruchsgeschehen, das sich auf ein Kartonage-Lager zurückführen lasse, wo sich einige Mitarbeiter in den Pausen getroffen hatten. Das Hygienekonzept des Betriebs sei aber gut. Die Mehrheit der Betroffenen habe sich wohl in der Freizeit infiziert.

Bei einem Reihentest unter Mitarbeitern der Hähnchen-Schlachterei der PHW-Gruppe (Wiesenhof) wurden von 1046 Mitarbeitern 66 positiv auf Covid-19 getestet. Alle Infizierten wurden unter Quarantäne gestellt. Auch 70 direkte Angehörige seien bereits unter Quarantäne, sagte Winkel. Weitere Kontaktpersonen sollen ab Montag ermittelt werden.

Für den Lankreis bedeuten die Corona-Fälle, dass die Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen 7 Tage auf einen Wert von mehr als 41 gestiegen sind. Ab einem Wert von 50 drohen wieder Einschränkungen im öffentlichen Leben. „Wir beobachten die Entwicklung mit Argusaugen“, sagte Winkel. Ein Reißen der 50er-Marke wäre für den Landkreis sehr schlecht. Allerdings könne der Kreis in einem solchen Fall nach einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster auch örtlich begrenzte Maßnahmen wie etwa Ausgangssperren verhängen.

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Der Landkreis habe die Massentests vergangene Woche veranlasst, nachdem dem Schlachthof selbst bei eigenen Tests vermehrte Infektionen aufgefallen seien. Zwei der Infizierten seien im Krankenhaus, sie seien aber schon wieder auf dem Weg der Besserung, sagte Winkel. „Die Verläufe sind zum Glück relativ problemlos.“

Der Hähnchenschlachthof in Lohne war nach einem Brand im Jahr 2016 komplett neu aufgebaut worden. „Es ist einer der modernsten, vielleicht sogar der modernste Schlachthof weltweit“, sagte PHW-Chef Peter Wesjohann. Das Hygienekonzept werde stetig weiterentwickelt. Nun solle zusätzliches Personal auf die Einhaltung der Hygieneauflagen achten. In dem Lohner Schlachthof erfolge die Schlachtung und Zerlegung der Tiere vollautomatisch. Personal werde nur bei leichten Schneide-, Verpackungsarbeiten oder im Bereich der Logistik eingesetzt. In der Belüftungsanlage werde bereits ein Keimfilter eingesetzt.

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Die Mitarbeiter sollen nun verstärkt auf Infektionen getestet werden. Eine Komplettdesinfektion des Wiesenhof-Standorts sei geplant, das Aufsichtspersonal im Kartonlager und in Pausenräumen solle verstärkt werden. Bei früheren Tests gab es dem Unternehmen zufolge bis auf zwei Nachweise keine bekannten Infektionen unter Mitarbeitern.

In Absprache mit den Behörden sollten 95 weitere Beschäftigte in Quarantäne. Künftig sollten die Beschäftigten mit Blick auf das Hygienekonzept geschult werden, zusätzliche Pausenräume sollten entstehen und die verschiedenen Arbeitsschichten voneinander getrennt werden. Rückkehrer aus Risikogebieten müssten für 14 Tage vorsorglich in Quarantäne. Urlaubsrückkehrer und neu Eingestellte müssten sich auf das Coronavirus testen lassen. Auch nach einer Quarantäne seien künftig Tests nötig. Schutzkleidung und Desinfektionsmittel sollten zur Verfügung gestellt werden.

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Der katholische Pfarrer Peter Kossen sprach angesichts der erneuten Ausbrüche in dem Schlachthof von „moderner Sklaverei“ in den Fleischfabriken. Von Ankündigungen großer Fleischkonzerne, Werkarbeiter fest anstellen zu wollen, dürfe sich der Gesetzgeber nicht täuschen lassen, sagte der aus dem Kreis Vechta stammende Pfarrer aus Lengerich im nordrhein-westfälischen Kreis Steinfurt am Sonntag. Wenn jetzt zu hören sei, „die Werkvertragsarbeiter würden demnächst von Tochtergesellschaften angestellt, dann ist das doch die gleiche Masche, mit der die Fleischindustrie schon lange Arbeitsmigranten ausgebeutet hat, indem sie nämlich als eigener Subunternehmer auftritt und genau damit Löhne und Sozialstandards drückt“, mahnte Kossen. Der Pfarrer setzt sich seit Jahren für die Interessen der Werkarbeiter in der Fleischindustrie ein.

Die Konzerne Tönnies, Westfleisch und PHW (Wiesenhof) hatten angekündigt, ab 2021 auf Werkarbeiter weitgehend verzichten zu wollen. Die Bundesregierung plant zum 1. Januar zudem ein Verbot der Werkarbeit in der jetzigen Form.

Der Corona-Ausbruch in Lohne ist der dritte große Infektionsfall in der niedersächsischen Fleischindustrie seit Beginn der Corona-Pandemie. Im Mai hatten sich bei einem gemeinsamen Schweine-Zerlegebetrieb von Westfleisch und Danish Crown in Dissen bei Osnabrück insgesamt 146 Mitarbeiter infiziert. Im Landkreis Oldenburg wurden bei einem PHW-Putenschlachthof in Wildeshausen im Juni 46 Mitarbeiter positiv getestet. In beiden Fällen wurden die Betriebe vorübergehend geschlossen. (dpa)

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