Musik-Flashmob geht weiter

Die Mutmacher vom Balkon

An diesem Sonntag sind erneut Musiker und sangesfreudige Menschen dazu aufgerufen, ein musikalisches Zeichen in der Corona-Krise zu setzen. Der zweite Musik-Flahmob steht an, und viele wollen wieder mitmachen.
28.03.2020, 12:53
Lesedauer: 4 Min
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Von Lutz Rode und Johannes Heeg
Die Mutmacher vom Balkon

Janike Meyerdierks vom Spielmannszug Lilienthal hat beim ersten Musik-Flashmob auf dem Balkon ihrer Wohnung in Lilienthal zur Konzertflöte gegriffen und als Mutmacher in der Corona-Krise und Zeichen der Verbundenheit "Ode an die Freude" gespielt.

CARMEN JASPERSEN

Landkreise Osterholz/Rotenburg. Für Janike Meyerdierks war es schon ein merkwürdiges Gefühl, als sie am vergangenen Sonntag um Punkt 18 Uhr allein auf den Balkon ihrer Wohnung trat und auf der Konzertflöte die ersten Töne von „Ode an die Freude“ spielte. „Ehrlich gesagt habe ich mich ein bisschen verkrümelt. Das war ungewohnt und ganz anders als sonst bei unseren Auftritten“, sagt die musikalische Leiterin des Spielmannszugs Lilienthal. Doch die 28-Jährige ist sich sicher: An diesem Sonntag wird sie wieder dabei sein, wenn der zweite Musik-Flashmob ansteht, zu dem der Niedersächsische Musikverband aufgerufen hat – als ein Zeichen der Solidarität und des Mutmachens in der Corona-Krise. Und sie weiß schon jetzt: Beim nächsten Mal wird sie die Sache schon mehr genießen können.

Beim Auftakt am vergangenen Sonntag haben sich etliche Musiker aus der Region mit ihren Instrumenten nach draußen gestellt und losgespielt. Auf Facebook machten Fotos und Videos zu den Ständchen die Runde. Doch Luft nach oben ist ja immer, und so setzen die Initiatoren darauf, dass sich am 29. März ab 18 Uhr mehr Leute beteiligen. Man muss dafür nicht unbedingt ein Instrument beherrschen: Mitsingen ist ausdrücklich erwünscht – Hauptsache, es kommt ein Wir-Gefühl auf.

Bianca und Yule Sachs-Pein vom Spielmannszug Lilienthal.

Bianca und Yule Sachs-Pein vom Spielmannszug Lilienthal.

Foto: FR

Auch Kai Widhalm hofft, dass die Lilienthaler, Grasberger, Worpsweder, Borgfelder, Tarmstedter und all die anderen Menschen in der Umgebung ihre musikalische Ader auf diese Art ausleben. Widhalm engagiert sich nicht nur im Lilienthaler Spielmannszug, sondern gehört auch dem Vorstand des Musikverbandes in Niedersachsen an, der das Projekt „#wirbleibenzuhauseundmachenmusik“ angeschoben hat. Vorbild ist Italien, wo viele Musiker sich und anderen mit Gesangseinlagen vom Balkon Mut machen.

In Deutschland soll am Sonntag nicht nur „Freude schöner Götterfunken“ erklingen, sondern auch das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, das aus Sicht des Musikverbandes gut in die Zeit passt. Die Verse drücken Zuversicht und Vertrauen aus. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer schrieb das Lied vor 75 Jahren im Gestapo-Gefängnis. Heute zählt es zu den bekanntesten religiösen Liedern. Auch Kai Widhalm hält die Auswahl für passend. „Langsam, getragen und nicht zu schwer zu spielen“, lautet seine musikalische Einschätzung. Und das Repertoire soll noch größer werden: Geplant ist, dass jedes Mal am Sonntag ein weiteres Stück dazu kommt und das Programm nach und nach wächst.

Auch Widhalm hat seine erste Flashmob-Erfahrung hinter sich: Er setzte sich am Sonntag zu Hause an sein Schlagzeug und trommelte zur Europa-Hymne im Takt, mit dem kleinen Haken, dass die Melodie dabei doch naturgemäß auf der Strecke blieb. Erst als der Borgfelder ausnahmsweise zur Blockflöte griff, klang der Schlusssatz der berühmten neunten Sinfonie van Beethovens richtig rund. Aus der Ferne hörte Widhalm auch andere Musiker: Klavierklänge drangen an sein Ohr, auch ein Glockenspiel und ein Flügelhorn waren zu hören. Es gab Applaus. Das tat gut, nicht nur ihm. „Der persönliche Kontakt außerhalb der Familie ist ja derzeit stark begrenzt. Die Aktion zeigt, dass man nicht allein ist und die Situation gemeinsam meistern kann. Das ist ein tolles Erlebnis“, sagt er.

Melanie, Harold und Jutta Struss beim Kurzkonzert auf der Terrasse.

Melanie, Harold und Jutta Struss beim Kurzkonzert auf der Terrasse.

Foto: FR

Das kann auch Jutta Struss nur bestätigen. Gemeinsam mit ihrem Mann Harold und ihrer Tochter Melanie spielt die Lilienthalerin im örtlichen Blasorchester, und als der Aufruf für den vergangenen Sonntag kam, war es für die Familie keine Frage, die Notenblätter zu schnappen und auf der Terrasse die Querflöte und die Klarinetten anzustimmen. „Das lenkt ab und hebt die Stimmung“, fasst sie ihre Erfahrung zusammen. Und ganz nebenbei kann man durchaus auch neue Leute kennenlernen, wie sich zeigen sollte. Denn als die ersten Töne erklangen, tauchte eine neu zugezogene Mutter mit ihrem Kind aus der Nachbarschaft der Julius-Frank-Straße auf, die dem Kurzkonzert lauschte und applaudierte – ein Plausch über den Gartenzaun inklusive, aus sicherer Entfernung versteht sich.

Frank Tibke wird am Sonntag wieder bei geöffnetem Fenster musizieren.

Frank Tibke wird am Sonntag wieder bei geöffnetem Fenster musizieren.

Foto: fr

Doch nicht überall sind Nachbarn in Reichweite: Wenn Stefan Niegel, der Vorsitzende des Blasorchesters Lilienthal, im Garten seines Hauses in Grasberg steht, sieht er rundherum nur weites Land. Doch das hielt ihn nicht davon ab, trotzdem am letzten Sonntag die Trompete zu blasen. Andere dürften davon nicht viel mitbekommen haben, doch zum Glück gibt es ja die sozialen Medien, über die sich die Ereignisse weltweit verbreiten lassen. Nette Kommentare ersetzten in diesem Fall den Applaus. Ein guter Ausgleich für das, was die Orchestermusiker gerade durchstehen. Wie überall fallen die Übungsabende derzeit wegen des Coronavirus aus. Das Hobby liegt brach, und den Mitgliedern fehlt das gemeinsame Musizieren im Alltag ganz schön. Auch insofern helfen die spontanen Musik-Aktionen, diese Leere zumindest ein bisschen auszugleichen.

Das sagen sie sich auch beim Musikzug Kirchtimke. „Ein halbes Dutzend unserer Mitglieder, die ja nicht nur aus Kirchtimke kommen, macht am Sonntag mit“, so Andreas Klaffke, der Vorsitzende. Auf diese Weise bleibe der Verein in Gang, „wir haben das Gefühl, dass wir zusammen sind“, meint Klaffke. Er selbst hat am vorigen Sonntag in seiner Straße Kattensteert in sein Tenorhorn geblasen. „Und weil es ansonsten so still im Dorf war, habe ich auch andere Instrumente gehört.“ Möglicherweise war es die Trompete, zu der Bürgermeister Frank Tibke gegriffen hat. Tibke, lange Jahre musikalischer Leiter des Musikzugs, wird an diesem Sonntag wieder ins Dorfgemeinschaftshaus gehen und um 18 Uhr bei geöffnetem Fenster musizieren.

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In der Cloppenburger Straße in Tarmstedt spielen Ulrike und Henry Michaelis jeden Abend um 19 Uhr einige Stücke auf der Posaune. „Wir wollen damit in diesen Zeiten der Kontaktsperre zeigen, dass wir da sind“, so Ulrike Michaelis, „das ist so einfach.“ In der Breddorfer Straße in Hepstedt mache es ihre Tochter mit der Familie genauso. „Die Eltern spielen Trompete und Tuba, und die Kinder singen dazu.“

Wer beim Flashmob mitmachen möchte, findet die Noten und Texte im Internet unter www.nds-musikverband.de.

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