Friseursalons öffnen wieder

Comeback mit Sechs-Tage-Wochen

Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen: Dieses Sprichwort trifft in vielerlei Hinsicht auf die Gegebenheiten zu, wenn an diesem Montag die Friseursalons im Landkreis Verden wieder öffnen dürfen.
03.05.2020, 16:42
Lesedauer: 4 Min
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Comeback mit Sechs-Tage-Wochen
Von Marius Merle
Comeback mit Sechs-Tage-Wochen

Seman Papazoglu, Obermeister der Friseur-Innung Verden-Osterholz, und seine Stellvertreterin Margit Lochowicz sind mit ihren Salons bereit für den Neustart.

Björn Hake

Mit rotem Klebeband auf dem Boden sind die Arbeitsflächen der Mitarbeiter genauestens ausgewiesen. Im Schrank der Kaffeeecke lagern nun statt Tassen Desinfektionsmittel im Wert von mehreren Hundert Euro. Über der Theke hängt eine große Plexiglaswand der Marke Eigenbau. Und neben der Tür steht ein Spender zum Desinfizieren der Hände bereit. Beim Friseursalon Heitmann in Oyten-Bassen ist man gerüstet für den Kundenansturm, wenn der Laden ab diesem Montag die Türen nach wochenlanger coronabedingter Zwangsschließung wieder öffnen darf. Und mit ihren umfangreichen Vorbereitungsmaßnahmen waren Bernd und Klaus Heitmann nicht alleine. Überall im Landkreis wurden die Salons für den Neustart so hergerichtet, damit die aufgetragenen Hygieneauflagen erfüllt werden können.

Und die haben es in sich: Mindestabstand, Maskenpflicht für Personal und Kunden, Arbeitsplatzreinigung und -desinfektion sowie Umhangwechsel nach jedem Kunden, keine Trockenhaarschnitte und keine „gesichtsnahen Arbeiten“ wie Bartrasur mehr oder Listen anlegen mit den Kontaktdaten der Kunden, um mögliche Infektionsketten nachvollziehen zu können. Zudem dürfen der Kundschaft keine Getränke und Zeitschriften mehr angeboten werden. Trotz all der Auflagen zeigen sich die Salonbetreiber aber glücklich, öffnen zu dürfen. „Wir freuen uns, endlich wieder loszulegen“, sagt Klaus Heitmann, der etwas Vergleichbares in mehr als 50 Jahren Friseurtätigkeit noch nicht erlebt habe. Und auch Margit Lochowicz, Inhaberin eines Salons in Thedinghausen und stellvertretende Obermeisterin der Friseur-Innung Osterholz-Verden, wollte vergangene Woche betont haben: „Genau wie die Kunden fiebern den Salonbetreiber dem 4. Mai entgegen.“

Einfallsreichtum gefragt

Dafür galt es in den vergangenen Tagen und Woche insbesondere, ausreichend Material zu beschaffen. „Der Versorgungsmechanismus funktioniert nämlich nicht“, kritisiert Petra Behrmann, die in Langwedel einen Salon betreibt. Alle Inhaber mussten zuletzt selbst sehen, wie sie irgendwie an ausreichend Masken, Desinfektionsmittel und Co. kommen. Dafür war dann auch schonmal großer Einfallsreichtum gefragt. Da im Achimer Salon „Das Duo“ auf Einweg-Umhänge gesetzt wird, der Markt diese aber nicht mehr hergab, habe man kurzerhand Regencapes eingekauft, wie sie sonst etwa bei Festivals genutzt werden, erzählt Inhaberin Kerstin Adämmer. „Bei denen haben wir einfach die Kapuze abgeschnitten.“ Auch sonst hat man sich für den Betrieb im Salon an der Obernstraße einiges einfallen lassen. In dem kleinen Raum, der eigentlich für die – noch nicht wieder erlaubte – Nagelpflege vorgesehen ist, wird nun die Kundschaft bedient, die zur Corona-Risikogruppe zählt, um ihr Infektionsrisiko weiter zu minimieren.

Friseure dürfen bald wieder öffnen

Rotes Klebeband markiert die einzelnen Arbeitsbereiche im Herren- und Damenbereich des Friseursalons Heitmann von Klaus (links) und Bernd Heitmann.

Foto: Björn Hake

Für all die Umstellen und Anschaffungen mussten die Betreiber erheblich in Vorleistung gehen. „Alleine für Desinfektionsmittel haben wir weit über 1000 Euro ausgegeben“, erklärt Bernd Heitmann. Angesichts zuletzt ohnehin ausbleibender Einnahmen und fortlaufender Kosten eine weitere große finanzielle Belastung. „Es ist schon sehr schwer für uns kleine Unternehmen“, sagt Behrmann. Seman Papazoglu, Salonbetreiber in Achim und Obermeister der Innung Osterholz-Verden, hofft daher auf Entlastung für die Inhaber vonseiten der Politik. „Es würde uns helfen, die Mehrwertsteuer von 19 auf sieben Prozent zu senken.“

Preise werden steigen

Denn auch wenn er und seine Kollegen nun wieder arbeiten dürfen, an reguläre Einnahmen ist nicht zu denken, da aufgrund der Beschränkungen weniger Kunden bedient werden können. „Ich rechne mit 30 Prozent weniger Umsatz“, sagt Papazoglu. Auch das Thema Kurzarbeit bleibt in vielen Salons aktuell. „Ich kann nicht alle Mitarbeiter auf einmal wieder voll beschäftigen“, sagt Adämmer und erklärt, dass wie in vielen anderen Salons auch, mit extra Schichtplänen gearbeitet werde. Hohe zusätzliche Ausgaben bei gleichzeitig weniger Kunden am Tag – das kann nur eines zu Folge haben: „Friseurdienstleistungen werden teurer werden“, sagt Lochowitz. Kollegin Ädammer schätzt, dass die Preise um drei bis fünf Euro ansteigen werden.

Der Nachfrage tut dies aber keinen Abbruch. Viele Menschen können es kaum erwarten, sich ihre Frisuren endlich wieder in Form und Farbe bringen zu lassen. „Jetzt noch kurzfristige Termine zu bekommen, ist fast unmöglich“, erzählt Lochowitz. Der komplette Mai ist vielerorts schon komplett ausgebucht. Selbst beim Friseursalon Heitmann, wo man als Kunde eigentlich einfach vorbeischaut, wurden nun angesichts der besonderen Umstände Termine vergeben. Dennoch seien laut der Betreiber auch spontane Besucher weiter willkommen, wenn sie denn Wartezeit mitbringen – die sie dann jedoch nicht im Salon, sondern etwa in ihrem Auto davor verbringen müssten.

Während sich viele Kunden glücklich gezeigt haben, nun wieder einen Termin in Aussicht zu haben, hätten manche allerdings auch wenig Verständnis gehabt, nun auch noch lange auf einen Termin warten zu müssen. „Man muss sich dann am Telefon auch beschimpfen lassen“, erzählt Behrmann. Insgesamt habe sie aber das Gefühl, dass durch den Ausfall aller Friseurdienstleistungen zuletzt „die Wertschätzung insgesamt etwas mehr gestiegen ist“. Auch Lochowitz und Papazoglu versuchen der Corona-Krise etwas Positives abzugewinnen. „Wir merken, dass die Friseure im Landkreis Verden zusammenrücken.“ Der Innung, der sie vorsitzen, gehören insgesamt 58 Friseursalons aus den Landkreisen Verden und Osterholz an.

Insgesamt sei nach Ansicht von Lochowitz nicht davon auszugehen, dass alles unter den neuen Umständen direkt glatt verlaufen werde. „Es wird für uns alle erst einmal ein Probelauf“, betont sie und bittet in diesem Zusammenhang auch die Kunden um Verständnis, wenn es an diesem Montag los geht. Apropos Montag: Eigentlich haben an diesem Wochentag ja ein Großteil der Salons geschlossen. Um aber möglichst viele Kunden nach der Schließungszeit beglücken und die Mitarbeiter auch so lange wie möglich wöchentlich einsetzen zu können, wird vielerorts in nächster Zeit auf Sechs-Tage-Wochen gesetzt.

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