Hohe Nachfrage nach E-Bikes

Lieferengpässe bei den Fahrradhändlern

Die hohe Nachfrage nach Fahrrädern in der Corona-Pandemie bringt die Branche in Schwierigkeiten. Viele Händler warten aufgrund von Lieferproblemen auf Fahrräder und Ersatzteile. Das hat Folgen für die Kunden.
01.05.2021, 17:00
Lesedauer: 3 Min
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Lieferengpässe bei den Fahrradhändlern
Von Mario Nagel

Die Fahrradbranche steht vor einem großen Problem: Der ungebrochen hohen Nachfrage stehen erhebliche Lieferengpässe gegenüber. „Es fehlt an neuen Fahrrädern und Ersatzteilen“, sagt Jörg Kappmeyer, Vorsitzender der Osterholzer Kreisgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Ein Großteil der Fahrräder werde in Asien produziert, doch durch die Corona-Pandemie sei nicht nur in Deutschland das Interesse an den Zweirädern gestiegen. Dazu seien Überseecontainer, in denen Fahrradteile, Rahmen und Räder nach Europa verschifft werden, Mangelware.

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„Die Lieferketten sind unterbrochen, die Situation ist katastrophal“, sagt Helmut Wrieden vom Lilienthaler Fahrradgeschäft Kück. Vor allem die fehlenden Ersatzteile machen dem Fahrradhändler zu schaffen, doch auch auf neue Räder müsse er lange warten. „Unser Lager ist nur noch zu gut einem Drittel gefüllt. Besonders bei den Kinder- und Jugendrädern haben wir einen Engpass. Da ist, für unsere Verhältnisse, kaum noch etwas da.“ Die Nachfrage sei aber weiter gewaltig, vor allem die Elektrofahrräder seien sehr begehrt. „Gefühlt ist jedes zweite verkaufte Fahrrad ein E-Bike“, sagt Helmut Wrieden.

Bereits zu Beginn der Krise hatten die Händler bei den Elektrofahrrädern einen regelrechten Boom erlebt. Doch nicht nur wegen den motorisierten Gefährten, sondern auch für die Reparatur des alten Fahrrades rannten die Menschen förmlich bundesweit den Händlern die Läden ein. Das war im Landkreis nicht anders – und hat sich bis heute nicht geändert: „Der Markt ist unheimlich nachgefragt“, sagt Jörg Kappmeyer.

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Klassische Fahrräder würden inzwischen nur noch einen geringen Anteil für die Händler ausmachen, sagt Kappmeyer. „Wenn ein Rad ohne Motor gekauft wird, dann handelt es sich meistens um höherpreisige Fahrräder oder Maßanfertigungen." Zu Beginn der Corona-Krise hätten viele Menschen für sich entschieden, aus Gründen des Infektionsschutzes nicht mit dem öffentlichen Nahverkehr zu fahren und auf ein Elektrofahrrad umgestiegen. „Die Menschen haben gemerkt, dass sie mit dem Rad wunderbar zur Arbeit kommen oder bis zum Supermarkt. Dass sich der Boom aber so fortsetzt, damit konnte keiner rechnen“, sagt Jörg Kappmeyer.

In der Tat blickten einige Händler mit Vorsicht in die Zukunft, als sich die WÜMME-ZEITUNG im Juni 2020 im Landkreis Osterholz bei ihnen umhörte. Die Kurzarbeit könne finanzielle Auswirkungen bei den Kunden haben, das Interesse abebben oder ganz wegbrechen, sollte die Pandemie schneller als gedacht beendet sein, hieß es. „Die Händler müssen ja kalkulieren, viele können nicht das ganz große Risiko eingehen“, weiß Jörg Kappmeyer. Einige hätten ihren Nachschub deshalb mit Bedacht bestellt, andere seien das Wagnis eingegangen und hätten mehr geordert. „Es gibt sicherlich einige Händler, die containerweise bestellt haben und sich jetzt eine goldene Nase verdienen.“

Vor allem im Internet seien viele Teile, die ansonsten nicht lieferbar oder ausverkauft sind, verfügbar, bestätigt Rüdiger Schallich vom gleichnamigen Zweiradhaus in Borgfeld. „Wenn ich unbedingt ein Teil benötige, schaue ich inzwischen auch auf Amazon oder Ebay und werde fündig.“ Die Preise seien hier aber erheblich höher, die Mehrkosten könne man jedoch nicht in gleichem Maße weitergeben. „Die Preise müssen fair bleiben. Wenn ich ein Teil im Internet kaufe, gebe ich das an den Kunden weiter, ohne daran groß etwas zu verdienen“, sagt Schallich, der die Situation als „nicht normal“ beschreibt.

Auch Eckhard Eyl vom Fahrradladen Worpswede schaut sich inzwischen auf Internetportalen um: „Die Lage ist grauenhaft. Wenn jemand extrem aufs Rad angewiesen ist, muss ich die benötigten Teile in der Not eben im Internet bestellen.“ Da auch er auf seine bestellte Ware warten muss, hat der sein Geschäft mittlerweile mit verfügbaren Rädern von Marken bestückt, die er sonst gar nicht verkauft. Seine Hauptmarke könne erst im August wieder liefern, andere Hersteller sogar erst am Ende des Jahres. „Die Nachfrage ist weiter hoch, trotzdem kann ich noch jeden bedienen“, sagt Eyl. Eine gewisse Auswahl könne er den Kunden bieten, doch letztlich sei eben nur da, was da ist. Besonders die Elektrofahrräder seien gefragt: „E-Bikes machen mittlerweile 90 Prozent unserer Verkäufe aus.“

Der Trend zum motorisierten Fahrrad sieht Jörg Kappmeyer allerdings auch etwas kritisch: „Was uns als ADFC Sorge bereitet ist, dass die Unfallraten mit E-Bikes erheblich gestiegen sind.“ Laut einer Erhebung des ADFC stieg die Zahl der Unfälle mit E-Bikes bundesweit im ersten Halbjahr 2020 um 48 Prozent auf über 6.000 Unfälle. „Die Leute unterschätzen oft die Geschwindigkeit. Ein untrainierter, durchschnittlicher Fahrer kommt ohne Motor auf zehn bis 15 km/h, aber die E-Bikes schaffen bis zu 25 km/h. Das ist nicht ohne.“ Auch Autofahrer würden die Geschwindigkeit nicht immer richtig einordnen, mutmaßt der Osterholzer ADFC-Vorsitzende. „Es ist deshalb wichtig, dass die Infrastruktur weiter ausgebaut wird“, sagt Kappmeyer.

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