Schaustellerverband arbeitet an Konzepten

Neue Plätze für Marktstände

Beim Bremer Ordnungsamt läuft eine Anfrage: Schausteller wollen ihre Stände und Wagen punktuell im öffentlichen Raum öffnen. Für Vegesack kann sich der Ortsamtsleiter eine Öffnung im Hafenwald vorstellen.
04.05.2020, 10:53
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Iris Messerschmidt

Für die Schausteller könnte es ein kleiner Lichtblick in Zeiten der Corona-Pandemie sein. Zum einen arbeitet der Bremer Schaustellerverband an Konzepten zur Umsetzung des Freimarktes sowie des Vegesacker Herbstfestes. Zum anderen läuft für die Schausteller eine Anfrage beim Bremer Ordnungsamt. Ziel ist es, punktuell auf städtischen Flächen und mit entsprechenden Vorkehrungen zum Schutz vor dem Coronavirus Stände und Wagen zu eröffnen. „Gibt es diese Erlaubnis, kann ich mir durchaus vorstellen, dass wir die Schausteller unterstützen mit der Öffnung ihrer Geschäfte, beispielsweise im Hafenwald“, sagt Vegesacks Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt auf Nachfrage.

„Wir sind noch zuversichtlich und mitten in der Planung“, betont im Gespräch mit der NORDDEUTSCHEN Marktmeister Timo Enterich. Damit meint er den Vegesacker Herbstmarkt. Der sei für den 4. bis 9. September geplant. Das offizielle Veranstaltungsverbot gelte derzeit bis zum 31. August, „aus diesem Grund sind wir noch optimistisch“, so Enterich. Die Absage des Münchner Oktoberfestes, das normalerweise ja auch erst im September stattfindet, ist für Enterich kein Vergleich. „Das ist etwas ganz anderes. Da kommen bis zu vier Millionen Menschen zusammen. Auf dem Vegesacker Herbstmarkt sind wir doch mit Nord- und Stadtbremern sowie einigen Besuchern aus dem Umland eher unter uns.“

„Es wäre fahrlässig, jetzt schon den Markt abzusagen“, macht auch Rudolf Robrahn deutlich. Auf Nachfrage bezieht sich der Vorsitzende des Bremer Schaustellerverbandes ebenso auf den Vegesacker Herbstmarkt wie auf den Bremer Freimarkt. „Je mehr das öffentliche Leben hochgefahren wird, umso realistischer wird es auch, dass die Märkte veranstaltet werden können“, so Robrahn. Wichtig sei ein faires Zeitfenster für die endgültige Zu- oder Absage. Schließlich müssten die Betriebe entsprechend planen können.

„Wir wissen alle noch nicht, was passiert, aber da es für die großen Fahrgeschäfte schon Vorab-Zulassungen gab, bezogen auf den Bremer Freimarkt, sehe ich dieses erst einmal als gutes Signal“, so Robrahn. So werde seitens des Verbandes und der Schausteller schon an diversen Sicherheitsvorkehrungen gearbeitet.

Erste Idee ist es, eine „Einbahnstraßen-Bewegung“ des Besucherstromes zu organisieren, überhaupt die Besuchersteuerung nach dem Motto „Bummeln, statt Party an einer Stelle“. Es muss entsprechende Abstände bei Sitzgelegenheiten vor Getränke- und Ess-Ständen durch mögliche Trennwände geben, Vier-Personen-Gondeln, die nur mit zwei Personen besetzt werden, zusätzliche Handwaschbecken oder vermehrte Desinfektionsspender.

Mehr Sicherheit und Hygiene

„Die Sanitäreinrichtungen auf den Märkten könnten unentgeltlich die Nutzung der Handwaschbecken anbieten. Bereiche auf den Märkten, die oft berührt werden, werden häufiger gereinigt. Vorkehrungen durch Schutzscheiben, Abstandshalter, Absperrungen können auch kurzfristig den Gegebenheiten angepasst werden“, sagt Rudolf Robrahn und macht so deutlich, dass der Verband verschiedene Konzepte in der Schublade habe.

Im Übrigen arbeitet der Bremer Schaustellerverband gemeinsam mit dem Deutschen Schaustellerbund laut Robrahn schon an einem weiteren Rettungsschirm für die Schausteller. Dabei seien die Betriebe so unterschiedlich wie individuell. „Einige haben vorab große Investitionen getätigt und sehen sich nun vor einem finanziellen Ruin, anderen reicht die Grundsicherung“, berichtet Robrahn von den vielen Gesprächen, von Ängsten, Sorgen und Befürchtungen der Bremer Schausteller, von denen er täglich hört.

Hart getroffen

Von der schweren Situation kann auch Oliver von Salzen berichten: „Die momentane Situation ist unbefriedigend und hat uns hart getroffen.“ Aufgeben möchte der Nordbremer, der aus einer lokalen Schaustellerdynastie kommt, nicht. „Ich bin optimistisch, aber auch ein Realist“, gesteht er und befürchtet deshalb für den Vegesacker Herbstmarkt und den Bremer Freimarkt eher eine Absage. Dennoch: „Es muss ja irgendwie weitergehen“, sagt von Salzen und hat sich, ähnlich wie viele andere Schausteller, ein mögliches Geschäftsfeld gesucht. So steht er derzeit mit seiner Fisch-Insel auf dem Betriebsgelände seiner Schwiegereltern in Oldenburg.

„Wir hatten schon drei Tage geöffnet, und es läuft gut.“ Zwar reiche die Öffnung dort nicht an die normalen Einnahmen auf den Märkten heran, „aber Jammern hilft nicht. Und die Kosten laufen ja weiter“. Sollte es die Möglichkeit geben, in Bremen über den Sommer auf öffentlicher Fläche zu stehen, „dann werde ich eventuell noch etwas aufbauen“.

Die Schausteller helfen im Übrigen selbst, wo sie können. „Es gab gerade einen Hilferuf aus einem Krankenhaus in Oranienburg. Dort war die Schutzkleidung ausgegangen“, erzählt Robrahn. Mehr als 1000 Regenponchos, die der Bremer Schaustellerverband als Schutzkleidung für Erwachsene und Kinder auf Vorrat hatte, chauffierten die Schausteller selbst in die Havelberg-Klinik. Die Schausteller waren es ebenfalls, die im Rahmen der Aktion „Hand in Hand“ Stände für die Bremer Suppenengel aufbauten, damit die Ehrenamtlichen an Obdachlose eine warme Mahlzeit – mit Sicherheitsabstand – verteilen konnten.

Robrahn weiß von Schaustellern aus der Region, die die Gelegenheit nutzen, ein paar Einnahmen zu generieren, indem sie von privatem Grund oder dem Betriebsgelände ihr Geschäft betreiben. Das gilt beispielsweise auch für Bohne-Eis. Das Unternehmen hat ein Gelände im Schwaneweder Ortsteil Beckedorf, direkt an der Nordbremer Grenze, wo sich am Wochenende so manche Familie mit den süßen Schleckereien versorgt.

Diese Möglichkeit haben nicht alle. Rudolf Robrahn möchte auch weiteren Schaustellern Geschäftsmöglichkeiten bieten – und dies auf öffentlicher Fläche. Dafür hat der Schaustellerverband jetzt den Antrag beim Bremer Ordnungsamt gestellt – laut Robrahn verbunden mit der Hoffnung, „dass wir über den Sommer so viele Flächen in Bremen mobilisieren können, wie es geht“.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+