Ärger über Auflagen Niedersächsische Gastronomie öffnet wieder

Nach zwei Monaten Pause dürfen Restaurants und andere Gastronomiebetriebe in Niedersachsen nun wieder öffnen. Dass einige Betriebe im Landkreis darauf verzichten, liegt an den strengen Auflagen.
11.05.2020, 09:11
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Niedersächsische Gastronomie öffnet wieder
Von Felix Wendler

Der Montag ist für viele Restaurants und Gaststätten traditionell ein Ruhetag. Eigentlich. Ruhetage hatten die Gastronomen im Landkreis Osterholz in den vergangenen Wochen nämlich mehr als ausreichend. Seit dem 21. März waren alle gastronomischen Betriebe in Niedersachsen geschlossen; fast zwei Monate hatte die Corona-Krise die Branche fest im Griff. An diesem Montag tritt die zweite Stufe des niedersächsischen Lockerungsplans in Kraft (wir berichteten). Für Restaurants, Gaststätten, Cafés und Biergärten sind das potenziell gute Nachrichten: Sie alle dürfen wieder öffnen. Die Auflagen, unter denen das möglich ist, sind jedoch umfangreich – für einige Gastronomen zu umfangreich.

Am vergangenen Donnerstag veröffentlichte der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) für Niedersachsen eine 17-seitige Handlungsempfehlung. Zu den Maßnahmen, die dort als „gesetzlich verpflichtend“ angeführt werden, zählen: Reservierungspflicht für Gäste, die Erhebung der Personendaten sowie das Verbot von Buffetangeboten. Grundsätzlich dürfen die Gastronomiebetriebe zudem nur die Hälfte ihrer Platzkapazitäten besetzen.

Kritik und Optimismus

Darüber hinaus empfiehlt der Dehoga zahlreiche weitere Maßnahmen. Dessen Vorsitzender im Landkreis Osterholz, Carsten Rohdenburg, hatte Ende vergangener Woche im Interview mit der WÜMME-ZEITUNG betont, die Betriebe seien froh über die Lockerungen. Dass das zumindest nicht uneingeschränkt gilt, wird zum Beispiel im Gespräch mit Karin Schnakenberg deutlich. Die Auflagen seien eine Zumutung, meint die Betreiberin vom Grasberger Hof. „Das hat in dieser Form für die Gäste nichts mehr mit gemütlich essen gehen zu tun“, sagt Schnakenberg. „Wir sollen keine Getränke zapfen, möglichst nicht mit den Gästen reden, Salz und Pfeffer abgepackt auf die Tische stellen.“ Mit ihren Mitarbeitern habe sie besprochen, ob und wie man die Maßnahmen umsetzen könne. Eine konkrete Entscheidung gebe es noch nicht. Schnakenberg sagte am Freitagvormittag, sie warte auf eine Verordnung des Landkreises. „Solange die nicht da ist, werden wir ohnehin nicht öffnen.“

Dies ist ein Punkt, der auch im Austausch mit anderen Gastronomen deutlich wird: Noch am Freitagmittag herrschte Unklarheit darüber, welche Auflagen ab dem 11. Mai nun tatsächlich verbindlichen Charakter haben. Zuständig für eine solche Verordnung ist das Niedersächsische Wirtschaftsministerium. Erst am Freitagnachmittag bestätigte das Ministerium dann offiziell die bereits vom Dehoga angeführten Auflagen; am Sonnabend zog der Landkreis Osterholz nach.

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Sarah Martini blickt einer Wiedereröffnung trotz dieser schwierigen Umstände optimistisch entgegen. Mit ihrem Mann betreibt sie das Restaurant Zum Hemberg in Worpswede, in dem am Montag nach langer Pause wieder Gäste sitzen sollen. Zumindest für die ersten Tage erwartet Martini einen großen Andrang. Ob dieser auch länger anhalte, müsse man abwarten. „Schlechter als momentan kann es nicht werden“, sagt Sarah Martini. Mit dem Außer-Haus-Verkauf erziele sie nur zehn Prozent des üblichen Umsatzes. Die Handlungsempfehlungen finde sie sehr umfangreich und wahrscheinlich nicht komplett umsetzbar. So könne sie es dem Personal in der heißen Küche kaum zumuten, den ganzen Tag Schutzmasken zu tragen. Mit der Informationspolitik des Dehoga sei sie grundsätzlich jedoch sehr zufrieden, sagt Sarah Martini. „Auch wenn das jetzt alles sehr aufwendig und kurzfristig ist, können wir die Auflagen wohl ganz gut einhalten, da wir einen großen Außenbereich haben“, sagt Sarah Martini. Sie vermute allerdings auch, dass die Wiedereröffnung für viele kleinere Betriebe nicht rentabel sei.

Nicht alle wollen öffnen

Karin Schnakenberg kritisiert hingegen besonders die mangelnde Vorbereitungszeit. „Die Empfehlung des Dehoga kam am Donnerstag. Bis Montag einen Hygieneplan zu entwickeln und die nötigen Materialien zu beschaffen, ist kaum möglich.“ Gastronomen aus dem Landkreis Rotenburg berichten ähnliches. Er höre von der Empfehlung zum ersten Mal, sagte am Freitag ein Gasthofbetreiber aus der Samtgemeinde Tarmstedt, der namentlich nicht genannt werden möchte. Hans Drewes, Betreiber der Gaststätte Köster's in Bülstedt, will seinen Betrieb noch mindestens zwei Wochen geschlossen halten. Die Auflagen seien zu streng, zudem lohne sich der Aufwand finanziell nicht. „Ich habe das durchgerechnet“, sagt Drewes. Selbst wenn er die erlaubten 50 Prozent Auslastung erreichen könnte, wäre es ein Minusgeschäft. Zudem bezweifle er, dass viele Gäste kommen würden. „Ohne Tischdecken, ohne Blumen“, sagt Drewes mit Bezug auf die Handlungsempfehlungen. „Das wäre eine Atmosphäre wie in der Bahnhofshalle.“ Die Angst, dass Gäste ausbleiben könnten, äußerten gegenüber dieser Zeitung noch weitere Gastronomen, die allerdings anonym bleiben möchten.

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Ob eine Öffnung unter den aktuellen Umständen finanziell lohnenswert ist, bezweifelt auch Karin Schnakenberg. Zwar habe es sofort Anfragen von Gästen gegeben, nachdem die Erlaubnis zur Wiedereröffnung verkündet worden war. „Die dachten allerdings, jetzt sei alles wieder normal. Wir mussten sie dann vertrösten, weil wir selbst noch nichts Genaueres wussten.“ Die Reservierungspflicht werde viele Kunden abschrecken, befürchtet Schnakenberg. Größere Feiern, von denen der Grasberger Hof sonst profitiere, seien zudem weiterhin nicht möglich. Eine Regelung für die hauseigenen Kegelbahnen gebe es ebenfalls noch nicht. Bei einer maximalen Auslastung von 50 Prozent könne man auch nicht jene Mitarbeiter zurückholen, die sich gerade in Kurzarbeit befänden. Und Spaß werde die Arbeit, zu der ja nicht zuletzt auch Kommunikation und Scherze gehören würden, in dieser Form ohnehin nicht machen, vermutet Karin Schnakenberg.

Info

Zur Sache

Umfangreiche Empfehlungen

Neben den verpflichtenden Auflagen empfiehlt der Dehoga den Betrieben eine Vielzahl weiterer Maßnahmen. Um Warteschlangen zu vermeiden, soll mit den Gästen eine möglichst genaue Ankunftszeit vereinbart werden. Zudem ist von einer möglichen Beschränkung der Aufenthaltsdauer die Rede. Dadurch solle das Infektionsrisiko vermindert werden. Desinfektionsspender am Eingang werden empfohlen. Beim Servieren und Abräumen sollen die Mitarbeiter möglichst nicht mit den Gästen sprechen. Zudem sei es ratsam, feste Teams in Schichten arbeiten zu lassen. Kontakte mit betriebsfremden Personen gelte es so gut wie möglich zu vermeiden. „Wir sind uns bewusst, dass diese Einschränkungen eine große Herausforderung für das Gastgewerbe darstellen“, sagte Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) am Freitag bei der Vorstellung des neuen Gastro-Konzeptes.

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