Interview mit Langeoogs Bürgermeisterin

„Das war ungeschickt von der Politik“

Mehrere Bundesländer haben einen Drei-Stufenplan für den Tourismus und die Inseln entwickelt. Wir haben mit Langeoogs Bürgermeisterin Heike Horn darüber gesprochen, was davon zu halten ist.
04.05.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Das war ungeschickt von der Politik“
Von Marc Hagedorn
„Das war ungeschickt von der Politik“

Abstand halten am Strand, da sieht Langeoogs Bürgermeisterin Heike Horn noch die geringsten Probleme. Anders sei es etwa bei der Beförderung der Gäste.

Friso Gentsch /dpa
Frau Horn, wie lebt es sich zurzeit auf Langeoog?

Heike Horn: Das Leben auf der Insel hat zwei Seiten im Moment. Einerseits ist es schön für die Insulaner, ihre Insel einmal ruhig und ganz anders zu erleben in einer Jahreszeit, in der sonst viel Betrieb herrscht. Die Menschen haben Ecken entdeckt, die sie noch gar nicht kannten, obwohl sie seit der Geburt hier leben. Die andere Seite ist aber, dass uns die Gäste fehlen – und das nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Es fehlt insgesamt an Lebendigkeit, es fehlt Lachen, es fehlt Leben. Es fehlt die Freude in den Gesichtern der Gäste, aber auch bei den Insulanern.

Wie lange hält man das noch aus?

Das ist die entscheidende Frage. In welchem Tempo kehrt man zu einer Art Normalität zurück? Klar ist: Es muss wieder losgehen, alles ist vorbereitet. Aber es ist von der Politik nicht so geschickt gewesen, sofort mit Daten zu arbeiten.

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Der 7. Mai wurde genannt, als der Tag, an dem Zweitwohnungsbesitzer zurückkehren könnten…

Und seitdem dieser Termin genannt wurde, werden wir überschwemmt mit Anfragen von Zweitwohnungsbesitzern. Dabei ist noch überhaupt nichts klar. Dürfen die Zweitwohnungsbesitzer Angehörige mitbringen? Wie soll das kontrolliert werden? Und dann erfährt man aus der Pressekonferenz vom Ministerpräsidenten, dass am 6. Mai etwas entschieden wird.

Klingt ein bisschen wie mit heißer Nadel gestrickt.

So ist es. Denn selbst wenn die Verordnung direkt erlassen wird, muss sie 24 Stunden veröffentlicht sein, ehe sie wirksam werden kann. Das heißt, wir sind rein technisch schon mindestens beim 8. Mai. Das ist für die Menschen sehr irritierend.

Wie sehr hat es Sie überrascht, dass überhaupt ein Drei-Stufen-Plan entwickelt worden ist?

Dass es einen Stufenplan geben soll, darüber sind wir uns als ostfriesische Inseln schon lange einig. Die Geschwindigkeit, mit der das Thema jetzt an die Öffentlichkeit gekommen ist, hat uns allerdings sehr, sehr überrascht. Und ganz ehrlich: den 7. Mai oder den 11. Mai als Datum für erste Veränderungen, den sehen wir nicht.

Ab 11. Mai, so war zu hören, könnte es zu Belegungen von Ferienwohnungen und Lockerungen für die Gastronomie kommen.

Und da sind wir skeptisch. Wenn auf Langeoog die Ferienwohnungen geöffnet sind und die Zweitwohnungsbesitzer wieder zurückkehren, decken wir damit 83 Prozent unserer Gäste ab. Grundsätzlich ist das natürlich toll, aber bei 10.000 Betten auf der Insel bedeutet dies, dass wir 8300 wieder belegt haben.

Das klingt eher nicht nach Stufenplan, sondern von null auf fast 100.

Wir fragen uns, wie das mit der Einhaltung von Abstandsregeln oder den Beförderungsrichtlinien in Einklang zu bringen ist.

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Wie wichtig ist es, überhaupt wieder eine Perspektive zu haben?

Absolut wichtig. Für die Betriebe, die planen müssen, die Gespräche mit Banken führen. Aber auch für die Gäste, die zum Teil storniert haben, zum Teil aber auch nicht. Man kann ja nicht am 7. Mai sagen: Am 9. Mai könnt ihr wieder kommen. Es stehen nicht alle Gäste Gewehr bei Fuß.

Welche Bedenken haben Sie, wenn die Insel wieder geöffnet wird?

Es gibt einen Flaschenhals, und das ist die Beförderung, also bei der Überfahrt und bei der Inselbahn. Da ist es nahezu unmöglich, die Abstände einzuhalten. Das ist an Land im ÖPNV, in Bussen und Bahnen, zwar nicht anders, aber wenn wir 10 000 Gäste auf der Insel haben und es leben 1800 Insulaner hier, ist das Verhältnis ein anderes als am Festland. Und die große Sorge ist natürlich, dass es eine größere Zahl an Coronafällen geben kann und die Insel dann wieder geschlossen werden müsste. Das würden wir, ganz direkt gesprochen, nicht überleben.

Wie sieht es bisher mit Corona auf Langeoog aus?

Wir hatten drei Fälle.

Das klingt sehr überschaubar.

Aber alles, was wegen Corona entschieden wird, ist eine Gratwanderung. Auch wenn es viele nicht so deutlich formulieren: Es geht um die Frage zwischen einem wirtschaftlichen Tod und dem Tod von Menschen. Ich möchte keine Insulaner erkrankt wissen und auch keine Gäste. Aber wir dürfen auch nicht so tun, als sei das wirklich auszuschließen. Wir bewegen uns da auf einem sehr schmalen Weg.

Aber das ist ja auch der Kurs der Bundesregierung, die sagt: Infektionen ja, aber in einem verträglichen Maß für das Gesundheitssystem. Das sollte auch das Motto für die Inseln sein. Todesfälle möchte ich im Zusammenhang mit Langeoog nicht haben, das sehen meine Kollegen für ihre Inseln genau so. Es sind gemischte Gefühle, die ich habe. Allerdings habe ich auch die Hoffnung, dass wir es schaffen, einen vernünftigen Weg zu wählen.

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Unabhängig vom Tempo der Lockerungen müssen Sie grundsätzliche Entscheidungen schon jetzt treffen oder getroffen haben. Wie wird es zum Beispiel mit dem Transport der Gäste aussehen?

Ich habe schon am 17. März die Reduktion der Fahrgastzahlen veranlasst, obwohl von einem kompletten Reisestopp zu der Zeit noch nicht die Rede war. Die Reederei und der Touris­musservice gehören als Eigenbetriebe der ­Gemeinde. Und wir sind seit dem 20. März ­nahezu auf null gesetzt. Wir fahren hohe ­Defizite ein. Wenn es zu Lockerungen kommt, werden wir mehr Schiffe einsetzen, damit die Gäste die Abstandsregeln besser einhalten können. Dadurch wird unser Defizit aller-
dings weiter steigen. Ist doch klar: Wenn ich dreimal fahren muss, ist es teurer, als wenn ich alle Gäste mit einer Fahrt auf die Insel bringe.

Wie kann das Hochfahren in Hotels und bei den Ferienwohnungen funktionieren?

Das ist noch schwieriger. Die Frage ist ja: Wer ordnet was an? Wer will festlegen, wer kommen darf und wer nicht? Wer ruft die Gäste an und sagt: Tut mir leid, Sie dürfen kommen, Ihr Nachbar aber leider nicht? Das sind Fragen, über die man sich in der hohen Politik, vielleicht verständlicherweise, nicht so große Gedanken macht. Aber das sind ganz reale Probleme, die unsere Beherbergungsstätten haben. Wir stecken da in einer Zwickmühle: Man will keinen Gast verprellen, und man will auch nicht der Richter sein, der sagt: du ja, du nein.

Abstandhalten am Strand…

….sollte kein Problem sein. Die Strandkörbe stehen sowieso schon sieben Meter auseinander. Langeoog hat außerdem einen schönen, langen Strand, da sehen wir die geringsten Probleme.

Und in den Supermärkten?

Wenn Sie das Verhältnis von Gästezahl zu vorhandenen Supermärkten nehmen, wird das interessant. Die Supermärkte werden sich an die Abstands- und Hygieneregeln halten, und deshalb wird das Einkaufserlebnis mit sehr viel Geduld verbunden sein. Wenn zum Beispiel immer nur zehn oder 20 Leute gleichzeitig ins Geschäft dürfen, stehen dafür 200 oder 300 Leute draußen. Das erfordert sehr viel Disziplin. Die Vorstellung, mit zwei quengelnden Kindern an der Hand eine Stunde lang draußen warten zu müssen, ist nicht unbedingt die Wunschvorstellung von einem Urlaub.

Was ist mit Tagestouristen?

Sie wird es erst einmal nicht geben. Hier wären Infektionsketten am schlechtesten nachzuvollziehen. Ob irgendwann Tagestouristen wieder auf die Inseln dürfen, wird eine der allerletzten Fragen sein.

Wenn die ersten Gäste aber wieder kommen…

…wird alles getan, was möglich ist, damit sie sicher sind. Wir freuen uns wirklich auf unsere Gäste. Es wird eine andere Normalität sein, aber auch die kann sehr, sehr schön sein.

Das Gespräch führte Marc Hagedorn.

Info

Zur Person

Heike Horn (55) ist seit November 2019 Bürgermeisterin von Langeoog. Die gelernte Krankenschwester und studierte Betriebswirtin ist am Rhein geboren und über Bremen und die Lüneburger Heide an der Küste gelandet. Zuletzt war sie Geschäftsführerin der Volkshochschule Friesland-Wittmund.

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