Kinderbetreuung in Niedersachsen

Elternvertretung kritisiert Umgang mit Kitas während Corona-Krise

Dass Niedersachsen darüber nachdenkt, die Kitas schneller wieder zu öffnen, freut die Landeselternvertretung. Allerdings übt der Verein auch Kritik. „Wir fühlen uns bislang überhaupt nicht mitgenommen.“
29.05.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Elternvertretung kritisiert Umgang mit Kitas während Corona-Krise
Von Marc Hagedorn
Elternvertretung kritisiert Umgang mit Kitas während Corona-Krise

73 Prozent der Eltern sind für eine baldige Öffnung der Kindertagesstätten. Das ergab eine Umfrage der Landesvertretung für niedersächsische Kindertagesstätten.

Sebastian Kahnert /dpa
Frau Heymann-Splinter, wie bekommen Sie Beruf und Kinderbetreuung aktuell unter einen Hut?

Christine Heymann-Splinter: Ich habe Glück gehabt. Ich habe nach sieben Wochen eine Genehmigung für einen Notbetreuungsplatz erhalten. Ich nutze die Notbetreuung an drei Tagen. An den anderen beiden Tagen mache ich Homeoffice.

Und wie klappt es?

Jetzt sehr viel besser. Sie sehen ja, ich habe Zeit, um in der Mittagspause mit Ihnen zu telefonieren.

Und wie war es vorher?

Ich habe Urlaub genommen, Überstunden abgebaut und im Homeoffice bis in die Abendstunden hinein gearbeitet. Das hat sehr geschlaucht. Man hat wenig Schlaf, ist nicht mehr so geduldig, auch die Kinder nicht. Ein Einjähriges hat kein Verständnis dafür, wenn man die ganze Zeit am Telefonieren ist, auch wenn es dienstliche Gespräche sind.

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Die Landeselternvertretung hat in Niedersachsen eine große Umfrage gemacht, über 47.000 Eltern haben teilgenommen. Was waren die wichtigsten Ergebnisse?

Das wichtigste Ergebnis war, dass 73 Prozent der Eltern für eine baldige und schnelle Öffnung der Kindertagesstätten sind, also noch vor den Sommerferien. Bis jetzt helfen sich die Eltern unterschiedlich, ein Fünftel befindet sich in Elternzeit, andere sind von Kurzarbeit betroffen, aber gut ein Drittel macht Homeoffice und damit den Spagat zwischen Job und Kinderbetreuung.

Wie erleben die Befragten diesen Spagat?

Die Eltern haben sehr ehrliche Antworten gegeben, etwa gesagt, dass die Kinder immer wieder doch sich selbst überlassen seien, wenn man beispielsweise in einer Videokonferenz steckt oder dringend eine E-Mail beantworten muss. Dann sind die Augen und die Aufmerksamkeit auf den Bildschirm gerichtet und nicht aufs Kind.

Wie geht die niedersächsische Landespolitik aus Ihrer Sicht bisher mit dem Thema um?

Wir fühlen uns als Eltern bislang vom Kultusministerium noch überhaupt nicht mitgenommen. Wir wünschen uns, mit am Tisch zu sitzen. Man sollte lieber mit uns statt über uns reden. Wir Eltern können sehr gut aufzeigen, welche Lösungen hilfreich sind und welche nicht.

Was klappt bisher?

Es ist erkennbar, dass sich die Notbetreuung ausweitet. Das ist gut. Aber wir haben immer noch einen Flickenteppich. Es gibt Regionen, in denen es super läuft, ich weiß das zum Beispiel aus der Stadt Lingen oder aus Langenhagen. Aber es gibt auch negative Beispiele, in denen Eltern stark um ihr Recht kämpfen müssen.

Woran liegt das?

Die kommunalen Spitzenverbände fordern bei der Ausgestaltung sehr viel Freiheit ein, die das Kultusministerium auch gewährt. Allerdings kommt nicht überall an, was das eigentlich bedeutet. Wir sind ein Flächenland mit ganz unterschiedlichen Bedingungen und Voraussetzungen. Das aber wird nicht berücksichtigt.

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Kultusminister Grant Henrik Tonne hat die Kommunen kritisiert, dass sie nicht flexibel genug seien bei der Ausschöpfung der Obergrenzen in der Notbetreuung. Sieben Bürgermeister aus dem Landkreis Oldenburg haben sich daraufhin in einer gemeinsamen Stellungnahme gewehrt und der Landesregierung vorgeworfen, einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, nämlich die Gesundheitsvorsorge plötzlich hinter die Betreuungsnotwendigkeit zu stellen.

Das ist ein schönes Beispiel für das, was ich meine. Dass jede Kommune ein eigenes Konzept ausarbeitet, kostet viele Ressourcen und Energien, die wir eigentlich anderweitig viel dringender bräuchten. Andere Bundesländer machen das besser: Rheinland-Pfalz zum Beispiel hat den Kommunen ein ganz tollen Leitfaden zur Verfügung gestellt, an dem sich jede Kommune entlanghangeln kann. An der Erarbeitung waren auch die Eltern beteiligt. In Niedersachsen dagegen ist man zu sehr auf der hohen politischen Ebene unterwegs.

Jetzt stehen Lockerungen im Raum, wie von Ihnen und von vielen Eltern gefordert. Das müsste Sie doch freuen, oder?

Ja, das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Aber?

Die Eltern sollten eingebunden werden, damit man Lösungen schafft, die auch praktikabel und vor allem für alle sind.

Was fehlt denn bisher?

Nur ein Beispiel: Wir betrachten im Moment noch überhaupt nicht die Kinder, die in Pflegestufen sind, also Kinder, die eine Eins-zu-eins-Betreuung brauchen. Über diese Kinder reden wir noch gar nicht, dabei gehen genau deren Eltern gerade ans äußerste Limit und darüber hinaus. In diesen Fällen sprechen wir nicht mehr über die Probleme von Homeoffice und schlechter Laune, sondern hier geht es um existenzielle Fragen.

Diese Eltern leisten seit neun Wochen einen Sieben-mal-24-Stunden-Dienst. Es gibt Träger, die in diesem Bereich schon etwas machen, die AWO ist da ein sehr schönes Beispiel. Aber generell gilt, dass nicht divers genug betrachtet wird. Dabei ist es auch oder gerade in der Corona-Zeit wichtig, dass jedes Kind mitgenommen wird und keines verloren geht.

Wie könnte das Hochfahren des Kita-Betriebes überhaupt aussehen? Erzieher, die zum Beispiel zur Risikogruppe gehören oder Vorerkrankungen haben, können im Moment nicht arbeiten.

Es stehen nicht genügend Erzieher zur Verfügung, das stimmt. Aber es gibt Möglichkeiten, zum Beispiel über Wechselmodelle, also dass in der einen Woche eine Gruppe von Kindern dran ist und in der nächsten Woche die andere. Man könnte auch die Erzieher- und Sozialassistenzschüler einbinden. Zum 1. August ist die dritte Krippenkraft Pflicht, man könnte darüber nachdenken, ob man sie schon jetzt einsetzt.

Man kann selbstverständlich auch die Eltern miteinbeziehen, die in Elternzeit sind oder aus anderen Gründen gerade nicht arbeiten können. Eltern könnten in privaten Betreuungsgruppen das Personal aufstocken. Dafür müsste es aber eine Art Schutzschirm für private Gruppen geben, der wie in einer Kita regelt, dass die Kinder bei Unfällen zum Beispiel ausreichend versichert sind.

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Wir haben jetzt viel über kurzfristige Ansätze gesprochen. Corona wird uns aber vermutlich noch monatelang beschäftigen. Wie sehen die Aufgaben perspektivisch aus?

Da gibt es mehrere wichtige Punkte. Die Kinderkrankentage für Arbeitnehmer zum Beispiel müssen nach oben angepasst werden. Es wird vermutlich mehr kranke Kinder geben, und dann sind die 20 Tage pro Kind nicht genug. Wenn das Kind hüstelt, und die Eltern entscheiden, dass es zum Schutz der Erzieher und der anderen Kinder lieber zu Hause bleiben soll, ist das vernünftig. Aber dann braucht es eben auch mehr Kinderkrankentage. Vor allem wenn wir uns Richtung Herbst bewegen. Außerdem gibt es eine große Sorge.

Und zwar?

Die Politik hat in diesen Wochen das Signal gesendet, dass frühkindliche Bildung von jedem geleistet werden kann. Es wird so getan, als seien es adäquate Lösungen, wenn Kinder im Homeoffice betreut werden, wenn sie zu Hause ohne Spielkameraden bleiben. Wir haben die Sorge, dass die Qualitätsschraube nach unten gedreht wird mit dem Hinweis, dass es während Corona ja auch ging. Es ist bekannt, dass es einen Fachkräftemangel gibt. Jetzt darf es nach Corona aber nicht passieren, dass Schulungen und Fortbildungen oder auch die Ansprüche an die Ausbildung von Erziehern heruntergefahren werden. An der Qualität darf nicht gespart werden.

Das Gespräch führte Marc Hagedorn.

Info

Zur Person

Christine Heymann-Splinter ist Mutter von zwei Kindern, eins und drei Jahre alt. Sie lebt im emsländischen Salzbergen und arbeitet in einem Rechenzentrum für Banken in Münster. Sie ist im erweiterten Vorstand der Landeselternvertretung für niedersächsische Kindertagesstätten.

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