Coronakrise und Kultur Verlegen statt streichen

Die Coronakrise hat Veranstalter und Kulturschaffende schwer getroffen. Konzerte müssen verlegt werden. Die Ticketrückgabe ist klar geregelt, sagt Jurist Mathias Hufländer von der Bremer Verbraucherzentrale.
24.03.2020, 16:49
Lesedauer: 5 Min
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Von Lars Fischer und Christian Valek

Landkreis Osterholz. Der Saal oder die Ausstellungsräume sind leer, die Kassen auch. Nicht nur Wirtschaft, Gesundheitswesen oder Gastronomie haben mit den Folgen der Coronakrise zu kämpfen, auch Kultureinrichtungen sind hart getroffen, zumal die wenigsten finanziell so ausgestattet sind, dass sie Rücklagen schaffen konnten. Wenn dann nicht nur Einnahmen wegbrechen, sondern auch noch massenhaft bereits gekaufte Eintrittskarten storniert werden, ist die Lage schnell prekär.

In den sozialen Medien findet die „Aktion Ticket behalten“ gerade viele Anhänger. Die Idee ist simpel: Einmal gekaufte Eintrittskarten für Kulturveranstaltungen sollen auch bei Absage nicht zurückgegeben werden, der Verkaufspreis wandert so als Spende an die Veranstalter, um ihnen zu helfen, die Krise überleben zu können. Auch die Worpsweder Music Hall bittet ihre Besucher, zu schauen, ob sie auf ihr Recht, Tickets zurückzugeben, nicht verzichten können. Das habe es in den vergangenen Tagen auch schon funktioniert, berichte die Vereinsvorsitzende Doris Fischer. Mancher Gast habe beispielsweise zwei Karten zurückgegeben und sich nur eine erstatten lassen, andere verzichteten ganz und leisteten so ihren solidarischen Beitrag, um den Kultclub zu erhalten.

Alle Hände voll zu tun

Dort lautet die Maxime: Verlegen statt streichen. Fischer und ihr Vorstandskollege Uli Kern, aber auch Bürokraft Claudia Mucha haben also trotz leerer Halle alle Hände voll zu tun. Die Bürozeiten sind auf eine Stunde Telefondienst – wochentags von 11 bis 12 Uhr unter 0 47 92 / 95 01 39 – oder auf E-Mail eingeschränkt, nicht zuletzt, weil auch Mucha zu Hause die Kinderbetreuung sicherstellen muss. Das Team arbeitet sich durch den Veranstaltungskalender, der in den kommenden Wochen zum Glück nicht ganz so eng gefüllt war wie sonst üblich im Frühjahr.

Einige Veranstaltungen, wie etwa das Festival Women In (E)Motion, die Sessions oder die Ü30-Partys im März und April sind ersatzlos gestrichen. Bei allen anderen Konzerten gibt es schon Ausweichtermine: Olli Schulz tritt statt am 26. März am 10. September auf. Ex-Luxuslärm-Sängerin Jini Meyer kommt am 26. Februar 2021 statt am 4. April, Echoes wird vom 17. April auf den 16. Oktober verschoben, Thorbjörn Risager vom 18. April auf 25. September, Lazuli spielen statt am 25. April am 31. Oktober und das Roberto Fonseca Trio statt am 30. April am 18. Oktober. Die Tickets für all diese Konzerte behalten ihre Gültigkeit.

Auch bei Terminen im Mai wird schon jetzt vorsorglich eine Verlegung geplant, zumal etliche Künstler auch komplette Touren absagen mussten. Walter Trout etwa hat seine Europa-Tournee ins kommende Jahr verlegt: Er kommt statt am 6. Mai nun erst am 12. Februar 2021 nach Worpswede. Allerdings sind Veranstaltern die Hände gebunden: Solange ihnen nicht staatliche Stellen Veranstaltungen untersagen, können sie zwar verschieben, aber nicht vorsorglich absagen ohne hohe Konventionalstrafen zu riskieren. „Die Verträge sehen meistens vor, dass die Künstlergagen bei einer Absage unsererseits dennoch zu zahlen sind“, berichtet Uli Kern. Nur bei „höherer Gewalt“, also beispielsweise einer Untersagung durch den Landkreis wie sie bislang für alle März-Konzerte vorliegt, kommen beide Seiten mit einem „blauen Auge“ davon. „Dann zahlt eben jeder seine bisher entstandenen Kosten, beispielsweise für die Werbung, aber es gibt keine weiteren Forderungen gegeneinander.“

Die Terminkoordination ist schwierig, denn auch die Agenturen wissen nicht, wann und wie es weitergeht. Darüber hinaus gibt es aber in der Music Hall noch etliche Arbeiten, die im Alltagsbetrieb liegen bleiben und jetzt erledigt werden können. Der Haustechniker beschäftigt sich mit kleineren Instandsetzungen. Für die zwei Festangestellten ist Kurzarbeitergeld beantragt. Alle geplanten Investitionen für dieses Jahr sind ausgesetzt, „bis wir sehen, wie hart es uns trifft“, so Kern.

Die gute Nachricht

Die gute Nachricht: Wenn die Schließung nicht über die Sommerpause hinausgeht, werde die Music Hall die Krise überstehen, da ist sich der Vereinsvorstand sicher. „Besser wäre aber, wenn es nicht mehr als vier Monate würden“, sagt Uli Kern. Das letzte, noch angestochene 180-Liter-Bierfass habe man noch kurzerhand verschenkt, bevor es schal wurde. Konzerte ohne Publikum, die dann im Internet gestreamt werden wie unlängst bei James Blunt in der Elbphilharmonie, soll es in der Music Hall aber nicht geben.

„Ein großes Desaster“ sei die Situation für die Galerie Kühn und das angeschlossene Atelier sowie das Elefantenmuseum in Lilienthal, sagt Maria Kühn. Nahezu alles stehe still, nicht nur der Besucherbetrieb, auch die Bestellungen für Kunstwerke wie Volker Kühns „Art in boxes“ blieben aus. Einige Mitarbeiter arbeiten noch Restaufträge ab, räumlich und zeitlich getrennt voneinander, aber bald drohe Kurzarbeit. Dass sie und ihr Team die Krise überstehen werden, ist für Kühn klar, wie, weiß sie allerdings nicht.

Auch die Lilienthaler Kunstschau in Trupe ist ein privat geführtes Haus, aber mit einer Stiftung im Hintergrund, die ein wenig Sicherheit in der Krise bietet. Der Vorsitzende Hans Adolf Cordes macht aber deutlich, dass die Schließung des Hauses wehtue. Wie sehr, vermag er nicht zu sagen. Er hat die beiden Angestellten erst mal nach Hause geschickt, sie sollen sehen, ob sie dann und wann ein paar Stunden von dort oder vor Ort arbeiten können. Den Lohn zahlt er aber weiter: „Das ist unsere soziale Verantwortung.“

Er hofft, dass es zügig staatliche Unterstützung für Kultureinrichtungen gibt, darum werde sich die Kunstschau bemühen. In der Zwischenzeit kümmere man sich darum, die Digitalisierung des Bestands voranzutreiben, außerdem baut die Stiftung gerade ein Haus mit 18 Seniorenwohnungen. Auf der fast vollendeten Baustelle gibt es ebenfalls viel zu regeln in diesen Tagen. Der Erlös dieses Projekts soll mittelfristig auch die Kunstschau finanziell absichern. So wird sie noch ein bisschen krisenfester.

„Ticketrückgabe klar geregelt“

Die Rückgabe von Veranstaltungstickets ist für die Verbraucherzentrale Bremen rechtlich klar geregelt. Sobald ein Fixtermin für eine Veranstaltung auf dem Ticket vermerkt ist und diese nicht wie angekündigt stattfinden kann, muss der Kunde das Geld zurückbekommen, erläutert der Verbraucherzentrale-Jurist Mathias Hufländer im Gespräch mit der Redaktion. „Man muss sich auch nicht mit einem Gutschein zufrieden geben“, betont er. An dieser Stelle jedoch komme der Solidaritätsgedanke zum Tragen: Jeder müsse sich fragen, ob er das kulturelle Angebot in Deutschland erhalten will, gibt Hufländer zu bedenken.

Der Manager der Stadthalle Osterholz-Scharmbeck, Matthias Renken, bittet darum, den Beteiligten der Unterhaltungsbranche Zeit zu geben, sich zu sortieren. Die aktuelle Lage habe die Agenturen, Künstler und Veranstaltungshäuser wie ein Tsunami überrollt. Zugleich betont er, dass es unterschiedliche Rechtsauffassungen der Akteure gebe. Außerdem sei die Verordnung zunächst nur auf die Zeit bis zum 18. April beschränkt. Wie es danach weitergehe, stehe in den Sternen. In Zeiten, in denen einige Menschen ums Überleben kämpften, gebe es wichtigeres, als gezahlte Ticketpreise einzufordern, ist er überzeugt. Natürlich arbeite man daran, alle Kunden zufriedenzustellen und Alternativvorschläge zu unterbreiten. „Es ist nicht in unserem Interesse, Ansprüche zu verwehren, die berechtigt sind“, betont Renken. „Die Tickets behalten ihre Gültigkeit.“

Der Stadthallen-Manager weist auf die Initiative des Europäischen Verbandes der Veranstaltungscentren (EVVC) hin. Dort lautet das Motto: "Ticket behalten". Veranstalter, Dienstleister und Bühnenmitarbeiter appellieren an die Konzertbesucher: "Deshalb bitten wir euch, bei Verlegungen von Veranstaltungen, für die ihr Eintrittskarten habt, möglichst den neuen Termin wahrzunehmen und das Ticket nicht zurückzugeben. "Jedes Ticket, das nicht zurückgegeben wird, sichert in den Zeiten nach der Krise die Existenz der Veranstaltungsbranche und damit Euer Erlebnis von attraktiven Events."

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