Seniorenheime in der Corona-Krise

Nähe aus der Distanz schaffen

Die Corona-Pandemie verändert den Alltag in Seniorenheimen der Region grundlegend. Während Bewohner mit dem Besuchsverbot zu kämpfen haben, bereitet sich das Personal auf das Virus vor.
02.04.2020, 16:30
Lesedauer: 3 Min
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Von Antonia Blome
Nähe aus der Distanz schaffen

Im Kampf gegen die Einsamkeit schreiben viele Senioren in Pflegeheimen Briefe an ihre Familie oder nehmen telefonisch Kontakt auf.

Sebastian Kahnert/dpa

Mit dem Enkel durch die Stadt bummeln, an Gruppenangeboten teilnehmen oder den eigenen Geburtstag feiern – die Corona-Pandemie verändert das Leben vieler Senioren und lässt Aktivitäten wie diese vorerst in die Ferne rücken.

Insbesondere Bewohner von Seniorenheimen begegnen zurzeit grundlegenden Veränderungen ihres Alltags. So hat der Landkreis Verden für ambulant betreute Wohngemeinschaften und andere Formen des betreuten Wohnens ein Besuchs- und Betretungsverbot erlassen (wir berichteten). Betreiber solcher Einrichtungen sollen ihre Bewohner außerdem dazu anhalten, die Einrichtung und das Gelände nicht zu verlassen. Laut einer Allgemeinverfügung, die vorerst bis zum 18. April gilt, dürfen Pflegeheime außerdem keine neuen Bewohner aufnehmen.

Bewohner telefonieren viel

Trotz der außergewöhnlichen Umstände ist die Stimmung der Bewohner des Caritasstifts St. Josef in Verden laut Bianca Nellen-Brand erstaunlich gut und zuversichtlich. „Angesichts des Besuchsverbots telefonieren unsere Bewohner viel und die Angehörigen lassen sich viele Dinge einfallen, um sie zu kontaktieren“, erzählt die Heimleiterin. Erst vor Kurzem habe sich eine Familie mit einem großen Banner vor dem Balkon einer Bewohnerin aufgestellt und ihr aus der Distanz ein Geburtstagslied gesungen. „Auch die Mitarbeiter des Heimes rücken zusammen und zeigen große Solidarität“, lobt Bianca Nellen-Brand die Belegschaft.

Eines stellt sie klar: „Es gab bis jetzt keinen Corona-Fall in unserem Heim.“ Sobald ein Mitarbeiter Erkältungssymptome aufweise, müsse er einen Mundschutz tragen. „Die Mitarbeiter sind sich ihrer großen Verantwortung bewusst und haben bereits Wochen vor der Kontaktsperre ihre sozialen Kontakte eingeschränkt“, schildert die Heimleiterin die getroffenen Vorkehrungen. Sollte sich doch ein Bewohner des Pflegeheimes infizieren, werde entsprechend dem Pandemieplan das Gesundheitsamt verständigt und die Bewohner würden isoliert.

Der Landkreis Verden betreibt die zwei Pflegeeinrichtungen: das Haus am Hesterberg in Dörverden und Haus in der Bürgerei in Thedinghausen. Auch dort herrscht aufgrund der Corona-Krise seit Wochen ein Besuchs- und Vertretungsverbot. Zum Schutz der Bewohner würden außerdem auch innerhalb des Hauses kontaktreduzierende Maßnahmen ergriffen, teilt Heimleiterin Elke Lindhof mit. So gebe es nun statt großer Gruppenangebote viele Einzelgespräche mit den Bewohnern und Aktivitäten in kleinen Gruppen.

Außerdem stehe es den Bewohnern seit Kurzem offen, zwei Stunden am Tag per Videochat mit ihren Angehörigen in Kontakt zu treten. So könnten die Senioren auch aus der Distanz ein Stück weit Nähe zu ihrer Familie erfahren. „Mit den Möglichkeiten, die wir nun haben, versuchen wir, den Bewohnern diese Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten“, betont Elke Lindhof. Ferner würden die Bewohner viel telefonieren und mitunter auch Briefe verfassen, um Kontakt zu ihren Angehörigen herzustellen.

Aufklärung ist wichtig

Neben unterhaltsamen Aktivitäten sei es außerdem besonders wichtig, den Bewohnern die Situation und die neuen Regeln so gut wie möglich zu erklären. „Für einige ist es schwer zu verstehen, wieso das Heimleben nicht mehr wie gewohnt stattfindet und warum kein Besuch mehr gestattet ist“, klärt die Heimleiterin der zwei Pflegeeinrichtungen auf. Gespräche, die Fragen und Sorgen rund um die Corona-Pandemie klären, seien daher nun unabdingbar.

„Wir haben neben Notfalleinsatzplänen für das Personal einen Pandemieplan aufgestellt, den wir angesichts der dynamischen Situation ständig aktualisieren“, führt Elke Lindhof fort. Im Voraus könne man jedoch keine eindeutige Aussage darüber treffen, welche Schritte im Falle einer Infektion notwendig seien. „Die Maßnahmen würden abhängig von der Situation abgewägt und in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt getroffen werden“, informiert die Heimleiterin.

Auch im Oytener Seniorenpflegeheim Haus Hubertus laufen die Vorbereitungen laut der Hygienebeauftragten Angela Wahlers seit Wochen auf Hochtouren. Die 57 Bewohner und die Belegschaft vor dem Coronavirus zu schützen, habe nun schließlich oberste Priorität. „Wir haben ein Gremium gebildet und einen Pandemieplan erstellt“, schildert die Mitarbeiterin. Getreu dem Motto „Vorsicht ist besser als Nachsicht“ sei der Besuch bereits vor mehreren Wochen eingeschränkt und kurz darauf das Besuchsverbot ausgesprochen worden.

Trennung der Wohnbereiche

Auch im Hinblick auf Mundschutz sei schon frühzeitig vorgesorgt worden. Angesichts der Lieferengpässe habe aber auch die Belegschaft des Seniorenheims nun angefangen, eigene Mundbedeckungen zu nähen. Zurzeit würden die Wohnbereiche des Pflegeheimes außerdem voneinander getrennt, damit gegen einen Corona-Fall besser vorgegangen werden könne. Die Häuser der Hubertus-Seniorenbetreuung stünden derweil im ständigen Austausch und würden sich gegenseitig unterstützen.

Weitere Unterstützung erfahre das Seniorenheim außerdem vom Bundesverband privater Anbieter für soziale Dienste (BPA). Dieser versorge das Team mit vielen Informationen und helfe dabei, Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel zu beschaffen. Die Stimmung unter den Bewohnern sei derweil den Umständen entsprechend gedrückt. Ein Trost sei jedoch, dass „die Bewohner zurzeit unglaublich viel Post von Angehörigen, die ihnen eine Freude machen wollen, erhalten“.

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