Sozialministerin Özkan setzt bei Benefizvortrag zugunsten der Schuldnerberatung Schwerpunkt auf Vorbeugung

Damit Schulden gar nicht erst entstehen

Harpstedt. Überschuldung ist nicht nur für die Betroffenen selbst ein Problem, sondern für die gesamte Gesellschaft. Das hat die niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) gestern Nachmittag bei einem Benefizvortrag in der Christuskirche betont. Vor knapp 100 Gästen sprach sie über "Schuldenprävention und Schuldnerberatung - Elemente niedersächsischer Sozialpolitik".
08.01.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ute Winsemann

Harpstedt. Überschuldung ist nicht nur für die Betroffenen selbst ein Problem, sondern für die gesamte Gesellschaft. Das hat die niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) gestern Nachmittag bei einem Benefizvortrag in der Christuskirche betont. Vor knapp 100 Gästen sprach sie über "Schuldenprävention und Schuldnerberatung - Elemente niedersächsischer Sozialpolitik".

Die Ministerin schilderte, wie ein Freund sie kurz vor Weihnachten auf die Lage einer alleinerziehenden Mutter mit einem neunjährigen Sohn aufmerksam gemacht habe. Wegen ausstehender Zahlungen war ihnen gerade der Strom abgedreht worden. Mutter und Sohn konnte kurzfristig zumindest soweit geholfen werden, dass es rechtzeitig zum Fest doch wieder Licht gab. Doch Özkan interpretierte das Vorkommnis geradezu sinnbildlich für all die Menschen, denen die Schulden über den Kopf gewachsen sind: "Sie sitzen im Dunkeln, im wahrsten Sinn des Wortes." Als "erschreckend" bezeichnete sie insbesondere, dass viele Betroffene warteten, bis nichts mehr zu gehen scheine - etwa weil sie sich schämten, aber auch, weil sie nicht wüssten, an wen sie sich wenden könnten.

An diesem Punkt setzen die Schuldnerberatungen an. Mit mehr als 200 Beratungsstellen verschiedener Träger gebe es in Niedersachsen ein "flächendeckendes Netz", sagte die Ministerin. Dafür stelle das Land in diesem Jahr 570000 Euro zur Verfügung. Weitere 510000 Euro kämen vom Sparkassenverband. "Das ist gut angelegtes Geld", meinte Özkan. "Dort, wo es den Betroffenen nicht gelingt, sich aus der Schuldenfalle zu befreien, muss der Staat bereitstehen." Nicht nur, weil die finanziellen Sorgen und oft genug damit verbundene soziale Abwertung und Ausgrenzung die Schuldner selbst erdrückten. Sondern auch, weil sich Überschuldung ebenso beispielsweise auf den Arbeitgeber auswirke, wenn die Arbeitsleistung unter dem Druck leide, auf die Gläubiger, deren Forderungen nicht beglichen werden, und auf die öffentliche Hand.

Neben der Hilfe in der akuten individuellen Krise maß die Ministerin der Vorbeugung große Bedeutung zu. In diesem Zusammenhang lobte sie die Soziale Schuldnerberatung der Kirchenkreise Syke-Hoya und Grafschaft Diepholz beziehungsweise deren Förderkreis. Sie haben beispielsweise das Spiel "-Way" erfunden, das an dem Nachmittag auch zu kaufen war. Dabei müssen die Spieler möglichst geschickt mit 250 Euro durch den Monat kommen. Außerdem haben die Schuldnerberater einen "Finanzführerschein" entwickelt. In dem Programm für Schüler der Sekundarstufe I werden Grundkenntnisse beispielsweise über Handy-Kosten, Geschäfte im Internet, Versicherungen und Bürgschaften vermittelt und am Ende nach Art der theoretischen Führerscheinprüfung abgefragt. Ein erster Durchlauf mit Zehntklässlern der KGS Stuhr-Brinkum sei allgemein als Erfolg gewertet worden - und selbst Özkans Nachbar auf der Kabinettsbank, Finanzminister Hartmut Möllring, "war begeistert".

Denn "das Leben in der Konsumgesellschaft erfordert Wissen über den Umgang mit Geld", sagte Özkan. Hauptzielgruppe der Präventionsarbeit seien Kinder und Jugendliche. In einer Umgebung, in der soziale Anerkennung und Teilhabe oft von materiellen Dingen abhingen, müssten ihnen "Gegenbilder zur Werbung" geboten werden. Und "Eltern müssen auch Nein sagen können", meinte die Mutter eines achtjährigen Sohns. Denn am besten sei es, "die Menschen so zu stärken, dass Schulden gar nicht erst entstehen".

In der anschließenden Fragerunde wurden auch kritische Töne laut, etwa zum Zusammenhang von Überschuldung mit Niedriglöhnen oder Hartz IV. Auch die Finanzierung der Schuldnerberatung selbst wurde hinterfragt. Özkan verwies darauf, dass trotz Sparzwangs in diesem Bereich zumindest nicht gekürzt worden sei. Der Förderkreis der hiesigen Schuldnerberatung profitierte sogar direkt von dem Besuch: Er erhielt die Kollekte in Höhe von 286,98 Euro.

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