Die Lehren aus der Pandemie

Wie das Nordseebad Dangast durch die Corona-Krise kommt

Corona hat im Etat von Dangast für ein Minus von 1,8 Millionen Euro gesorgt. Die Pandemie trifft das Nordseebad hart, aber Kurdirektor Johann Taddigs sagt, dass man viel aus der Krise gelernt habe.
05.10.2020, 05:00
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Wie das Nordseebad Dangast durch die Corona-Krise kommt
Von Marc Hagedorn
Wie das Nordseebad Dangast durch die Corona-Krise kommt

Corona hat auch das Nordseebad Dangast hart getroffen. Aber die Macher vor Ort wollen sich nicht unterkriegen lassen, sie machen neue Pläne.

Jürgen Hinrichs

Unten im Keller verrät Johann Taddigs seine neuesten Gedankenspiele. Der Kurdirektor von Dangast führt seinen Besuch durch das Weltnaturerbeportal, so nennt sich das Gebäude direkt am Strand etwas umständlich. Hier sind unter anderem die Kurverwaltung, die Touristen-Information, ein Restaurant und eine Saunalandschaft untergebracht – und ganz unten das Schwimmbad, das DanGastQuellbad mit geschwungener Röhrenrutsche und großem Außen- und Innenbecken. Taddigs hält prüfend den Zeigefinger ins Wasser, „wird für die Herbstferienzeit auf Temperatur gebracht“, sagt er.

Alles top in Schuss hier unten und keine fünf Jahre alt. Trotzdem sagt Taddigs: „Vielleicht verkleinern wir das Innenbecken auf ein Drittel der jetzigen Größe. Für die gewonnene Fläche können wir spannende Ideen entwickeln.“ Warum das? Ist doch schön so, wie es ist. „Warum nicht?“, fragt Taddigs.

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Ja, warum nicht? Wenn die vergangenen Wochen und Monate den Kurdirektor Taddigs eines gelehrt haben, dann dies: Mit Gewissheiten ist das so eine Sache. Nichts ist mehr sicher. Man muss immer auf alles gefasst sein. „Corona hat uns gezwungen, aus der Komfortzone zu kommen“, sagt Taddigs. Wer hätte Anfang des Jahres gedacht, dass ein Virus die Welt in den Schwitzkasten nimmt?

Wer hätte damit gerechnet, dass in diesem Sommer so viele Menschen wie noch nie zum ersten Mal ihren Urlaub in Dangast verbringen würden? Und dass viele davon gesagt haben, dass ihnen das Schwimmbad gar nicht so wichtig sei. „Eine Lehre aus Corona ist, dass die Leute vor allem eines bei uns suchen: Natur, Nordsee, Nordseestrand“, sagt Taddigs, „große, technische Infrastrukturen stehen eher an zweiter Stelle.“ Also machen sich Taddigs und sein Team Gedanken. „Es gibt keine Denkverbote“, sagt der Chef.

Umsatz um zwei Drittel eingebrochen

Die Corona-Krise hat auch Dangast voll erwischt. 1,8 Millionen Euro fehlen dem Tourismus-Service Nordseebad Dangast Eigenbetrieb. Zu diesem Wortungetüm gehören die wichtigsten städtischen Tourismuseinrichtungen, etwa das DanGastQuellbad, dessen Umsatz wegen Corona um zwei Drittel eingebrochen ist. Oder der städtische Campingplatz, der nur noch die Hälfte seines sonstigen Umsatzes gemacht hat, auch weil Teile des Platzes aufwändig modernisiert werden.

Dass zwei defizitäre Bäder der Stadt Varel seit diesem Jahr auch noch zum Eigenbetrieb zählen, macht die Sache nicht leichter. So erklärt Taddigs das Minus von 1,8 Millionen Euro. Die Nachricht hat für Aufregung gesorgt. „So pleite ist Dangast wirklich“, titelte die Nordwest-Zeitung kürzlich über ein Interview, in dem der Kurdirektor die Frage beantworten musste: Ist Dangast am Jahresende pleite? „Natürlich nicht“, sagt Taddigs, „wir haben viel vor, wir sind voller Ideen.“

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Corona hat den Ort tüchtig durchgeschüttelt. Dangast, das war auf den ersten Blick viele Jahre lang eine Erfolgsgeschichte. Die Übernachtungszahlen sind in weniger als zehn Jahren von 500.000 auf 700.000 gestiegen. Das Weltnaturerbeportal wurde aus dem Boden gestampft. Direkt am Deich steht inzwischen ein Großteil des Nordseeparks, für den ein Investor 40 Millionen Euro in die Hand genommen hat, um exklusive Ferienwohnungen mit 700 neuen Gästebetten zu bauen. Das Projekt hätte das Dorf, Dangast selbst hat nur rund 550 Einwohner, fast zerrissen.

Eine Bürgerinitiative kämpfte gegen die Realisierung des Nordseeparks. Sie wirbt für einen „sanften Tourismus“ und will nicht, dass Dangast eine überlaufene Touristenhochburg wird. Gutachten wurden in Auftrag gegeben, Demos organisiert und Gerichte bemüht, langjährige Freundschaften sollen an dem Streit zerbrochen sein und Familien sich entzweit haben. „Ich habe meine eigene Bürgerinitiative, aber die ist nicht für, sondern gegen mich“, scherzt Taddigs.

Hier ist Dangast noch Künstlerdorf

Und dann kam auch noch Corona. Thomas Nedballa sitzt am Tresen in der Wattseife, der Dangaster Seifenmanufaktur, wie sich das kleine Geschäft im ursprünglichen Teil des Dorfes nennt. Hier, direkt am Strand, stehen das historische Kurhaus und die Kurhaus Klause. Niedliche Läden, Galerien, Skulpturen am Ufer und am Wasser sorgen für ein Postkartenidyll. Hier ist Dangast noch Künstlerdorf. Nedballas Frau verkauft in der Wattseife handgemachte Lotionen, Liköre – und natürlich Seifen in allen Formen, Farben und Duftmarken.

„Wir sind, wenn man das so sagen darf, ein Krisengewinner“, sagt Nedballa. Zwar fehlen auch der Wattseife Einnahmen aus fast acht Wochen, als der Laden wegen Corona zu hatte. Aber weil zur Zeit alle Welt Hände desinfiziert und damit auch die Haut strapaziert, finden Nedballas Seifen und Balsame reißenden Absatz. „Die Leute schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe“, sagt Nedballa, „sie kaufen unsere Seifen als Urlaubssouvenir und tun ihrer Haut etwas Gutes. Unsere Qualität überzeugt.“

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Qualität ist auch ein Wort, das Kurdirektor Taddigs im Gespräch mit dem WESER-KURIER häufig in den Mund nimmt. Als er davon erzählt, wie sie den Campingplatz für viel Geld, vier Millionen Euro, hübsch machen, sagt er ausdrücklich, dass die Zahl der Stellplätze nicht erhöht werden soll, wohl aber sollen Stellflächen und Service komfortabler werden. „Es geht nicht um Quantität, sondern um Qualität“, sagt Taddigs. Seine Gegner aus der Bürgerinitiative werden bei solchen Sätzen aufhorchen. Es geht nicht um Quantität? Bisher war ihr Eindruck ein anderer. „Ich weiß“, sagt Taddigs, „aber die Phase des quantitativen Wachstums ist abgeschlossen.“

Das Wachstum ist längst an Grenzen gestoßen. Wer in der Saison an Wochenenden als Tagesbesucher nach Dangast will, braucht gute Nerven und viel Zeit. Kilometerweit staut sich der Verkehr auf der einzigen Zufahrtsstraße. Jetzt wird an einem Verkehrskonzept gearbeitet. Corona war nicht notwendig, um dieses Problem zu erkennen. Aber Corona hat die Dringlichkeit einer Lösung noch einmal vor Augen geführt: Wenn die Nordsee für die Deutschen jetzt ganzjährig immer beliebter wird als Reiseziel, muss etwas passieren.

Die letzten Meter bequem zurücklegen

Die Lösung soll ein großer Parkplatz am Dorfeingang sein, vielleicht mit Fahrradstation und/oder einem E-Roller-Service, damit die Besucher die letzten Meter bequem zurücklegen können. Dafür soll die Straße „shared space“, als geteilter und gleichberechtigter Raum für alle Verkehrsteilnehmer werden, also Fußgänger, Fahrrad- und Autofahrer. Dass die Bürgerinitiative vieles davon auch oder schon länger fordert? Taddigs sagt: „Das zeigt doch, dass unsere Positionen kompatibler werden, auch wenn jetzt einige in der Bürgerinitiative sicher die Augen verdrehen.“

Wenn man sich nach mehr als sechs Monaten Corona-Einschränkungen im Ort umhört und umschaut, bekommt man einen guten Eindruck davon, wie sehr die Pandemie die Menschen anstrengt und herausfordert. Corona begegnet einem auf Schritt und Tritt. Aufgeklebte Pfeile in greller Farbe weisen den Weg durchs schicke Foyer des Welterbeportals. Der Künstlerpfad zur Klause führt in die Sackgasse statt wie sonst direkt auf die Terrasse. „Bei uns essen Sie mit Abstand am besten“, wirbt ein Restaurant doppeldeutig.

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Maren Tapken führt das Kurhaus, für dessen legendären Rhababerkuchen auch viele Bremer nach Dangast fahren. Mit einem „dicken blauen Auge“ sei die örtliche Gastronomie bisher durch die Corona-Krise gekommen, meint sie. Aber der Betrieb sei „viel anstrengender und personalintensiver“ geworden. Und auch wenn das Kurhaus nach wie vor Kultstatus hat, Tapken sorgt sich, etwa um die Kultur. Das Watt-en-Schlick-Fest, das sonst mehr als 5000 Besucher anlockt, musste ausfallen. Konzerte, Ausstellungen, Lesungen – Corona hat alles auf ein Minimum schrumpfen lassen. Die Kreativszene, die das besondere Flair Dangasts entscheidend ausmacht, leidet. Und kämpft. „Es muss ja weiter gehen“, sagt Tapken.

Tatsächlich geht das Leben am Strand weiter. Eine Besuchergruppe hat sich raus in den Schlick gewagt, Familien mit Kindern und Spaziergänger mit Hunden flanieren über die Promenade. Auf dem Campingplatz rollen und baggern schwere Maschinen. Im Sand werden die Strandkörbe sortiert, einige für den Winter eingemottet, aber anders als sonst sollen 70 Prozent der Körbe auch im Herbst draußen bleiben. Taddigs ist sich sicher, dass in den nächsten Wochen weiterhin viele Besucher nach Dangast kommen. Ein Ende von Corona ist nicht in Sicht. „Corona wird in vielen Bereichen für eine Selektion sorgen, nicht alle Branchen werden durchkommen“, sagt Kurdirektor Taddigs, „aber wer sich zukunftsfähig macht, wird die Krise überstehen, und Dangast gehört dazu.“

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