Wiedervernässung

Das Engelsmeer soll wieder ein Moor werden

Das Engelsmeer war mal ein Moor und soll wieder eines werden. Das Projekt in Friesland steht beispielhaft für die Wiedervernässung von Landschaft in Niedersachsen.
31.08.2019, 21:01
Lesedauer: 3 Min
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Das Engelsmeer soll wieder ein Moor werden
Von Jürgen Hinrichs
Das Engelsmeer soll wieder ein Moor werden

Ein Tümpel im Moor, das an anderen Stellen mit der Trockenheit zu kämpfen hat.

Frank Thomas Koch

Tido Bent pflückt Moos von der Fläche, nimmt das Büschel in die Hand und presst so lange, bis Wasser kommt. Überraschend, denn seit zwei Wochen hat es nicht mehr geregnet. Wald und Boden drumherum sind staubtrocken, ein Wetter, dass Feuer droht. Bent ist Förster und Ökologe beim Forstamt Neuenburg, er betreut unter anderem ein Projekt in Upjever, im Forst der Friesen. Dort zeigt er jetzt, was im Moos steckt, wie viel Feuchtigkeit. „Das 20- bis 30-fache seines eigenen Volumens“, erklärt der 50-Jährige . Es ist Moos aus dem Moor – mitten im Wald ein Feuchtgebiet, das Ergebnis von Renaturierung und ein Beispiel, wie in Niedersachsen ein Landschaftstyp zurückgewonnen wird, der wichtig für das Klima ist.

Das Engelsmeer, wie die Fläche heißt, ist so klein, dass man es gut überschauen kann, gerade einmal acht Hektar, die der umliegende Wald hergeben musste. Hier wird erprobt und informiert, Feldforschung, um woanders in größerem Maßstab Moore wiederauferstehen zu lassen.

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Die Sümpfe speichern Wasser, aber eben auch Kohlenstoff, der in Verbindung mit Sauerstoff das klimaschädliche Kohlendioxid in die Atmosphäre entlässt. Das Moor ist wie ein Schrank, den man besser nicht öffnet. Er bietet Platz und bewahrt auf, was in einem anderen Aggregatzustand gefährlich wäre. Der Schrank ist ein Giftschrank.

Das Projekt läuft seit zwölf Jahren, und Zeiten wie diese, in denen Dürre herrscht, helfen nicht gerade, es zügig voranzubringen. „Das Moor ist noch nicht stabil“, sagt Bent. Er kann die Fläche nicht sich selbst überlassen, sondern muss sie pflegen, was vor allem eines heißt: Alles rausreißen, was nicht hineingehört, angehende Bäume vor allem, meistens sind es Kiefern, Weiden und Birken.

Moor Renaturierung des Engelsmeer und Kriekemoor in Schortens - Förster Tido Bent

Tido Bent erklärt am Engelsmeer die Renaturierung einer ehemaligen Moorfläche.

Foto: Frank Thomas Koch

Irritation um scheinbare Zerstörung

150 Schüler jedes Mal, die mit allerlei Werkzeug einfallen, um diese Arbeit zu verrichten. „Viele Hände, schnelles Ende“, sagt Bent und lacht. Die jungen Gehölze werden entkusselt, wie es in der Fachsprache heißt. Nicht jedem erschließt sich der Sinn der Aktion, erzählt der Förster: „Wir erleben, dass Leute vorbeikommen und irritiert sind. Wird da etwa Natur kaputtgemacht?“ Genau das Gegenteil sei aber der Fall. In 20 Jahren, meint Bent, könnte es so weit sein, dass das Engelsmeer im Gleichgewicht ist und keine Hilfe mehr benötigt, um als Sumpfland für die Natur eine wichtige Funktion zu erfüllen.

Wenn Moore trockengelegt werden, um Torf abzubauen oder die Flächen als Weiden zu bewirtschaften, emittieren sie gewaltige Mengen Treibhausgase. Das ist schlecht fürs Klima, die Erde erwärmt sich, mit allen Folgen, die der Welt gerade Sorgen bereiten. Insgesamt, sagen Fachleute, entstehen durch trockengelegte Moore in Deutschland so viele Emissionen wie durch den Flugverkehr. Eine besondere Dynamik bekommt dieser Prozess, wenn das Moor zu brennen anfängt. Passiert ist das zuletzt vor knapp einem Jahr auf einem Truppenübungsplatz bei Meppen. Die Bundeswehr hatte Raketen getestet und dabei das Feuer verursacht. Es brannte wochenlang, so sehr, dass die Rauchschwaden bis nach Bremen zogen und den Himmel verdunkelten. Als die Flammen gelöscht waren, schwelte das Feuer noch lange unter der Oberfläche weiter vor sich hin.

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Torfbrände gelten als besonders umweltschädlich. Ausgelöst werden sie in der Regel durch Menschen, die unachtsam sind und im doppelten Sinne mit dem Feuer spielen, wenn sie glühende Zigarettenreste wegwerfen oder in der Natur grillen. Bei Trockenheit ist das in Moor und Wald ein großer und gefährlicher Frevel.

Heiße Sommer werfen das Projekt zurück

Die heißen Sommer im vergangenen und in diesem Jahr haben ausgezehrte Böden hinterlassen. „Das wirft uns zurück“, sagt Bent, „das Moor sieht im Moment nicht besonders gut aus.“ Dabei waren sie bereits auf bestem Wege. Das Moor entwickelte die typische Vegetation mit Pfeifengras, Gilbweiderich, Sonnentau, Sumpfbärlapp und Moorbürstenmoos. Schnell waren auch Frösche und Eidechsen da. Vor vier Jahren machte sich ein Biologiestudent für seine Masterarbeit nach Upjever auf und zählte auf der kleinen Fläche die Libellen. 26 Arten, die sich angesiedelt hatten, darunter spezielle Moor-Gattungen wie die Nördliche und die Kleine Moosjungfer. Mittlerweile werden es wieder weniger sein, denn ohne genügend Wasser wachsen die Insektenjäger erst gar nicht heran. Ihre Larven gedeihen in Tümpeln, meist dauert es Jahre, bis die Libelle schlüpft.

So lange ist es gar nicht her, dass in der friesischen Landschaft große Flächen von Mooren und Gewässern bedeckt waren. Sie wurden als „Meere“, „Pohle“ oder „Kuhlen“ bezeichnet. Vor gut 150 Jahren verschwand dieses „Unland“, wie die Menschen damals dazu sagten, nach und nach. Es wurde kultiviert und entweder für die Weidewirtschaft genutzt oder zum Aufforsten, um Holz zu gewinnen. Im Forst Upjever verschwanden binnen hundert Jahren rund 150 Hektar Moor- und Wasserflächen mit ihrer typischen Flora und Fauna. Jetzt kehrt an vier Stellen im Forst die alte Natur zurück.

Eine dieser Stellen ist das Engelsmeer. Vor Urzeiten sollen in dem Gewässer die ersten Friesen getauft worden sein, es gab ein Kloster ganz in der Nähe. Tido Bent, der Förster, erzählt davon: „Sie kamen als Heiden“, sagt er, „und gingen als Engel.“

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