Vergessener Ort in Vegesack

Das Geisterkino

Einst war es eines der größten Kinos in Deutschland, inzwischen steht es seit 30 Jahren leer: das Scala in Vegesack. Sitzreihen, Projektoren und selbst ein alter Flügel sind noch vorhanden.
03.01.2019, 18:23
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Platz (Fotos) und Patricia Brandt (Text)
Das Geisterkino

Der Schein der Taschenlampe offenbart es: Das frühere Kino "Scala" in Vegesack ist weitgehend erhalten und steht seit den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts leer.

Christian Platz

Zwischen Schlüsseldienst und Kneipe beginnt eine Reise in die Vergangenheit: Mitten in Vegesack existiert ein vor rund 30 Jahren verlassenes, aber noch vollständig eingerichtetes Kino. Das „Scala“ mit seinen ehemals 1000 Plätzen soll in den 50er-Jahren eines der größten deutschen Kinos gewesen sein.

Im unscheinbaren Eingang hängt noch der alte Schaukasten. Ein Plakat wirbt für den Film, den die letzten Gäste im Scala zu sehen bekamen: „Go Trabi Go“. Philipp Romeiser, Geschäftsführer der Bauträgerfirma M-Projekt, schließt die Eingangstür auf. Neben ihm steht sein Kollege Lennert Breternitz. M-Projekt hat das Kino bereits vor zwei Jahren gekauft – und lässt es leer stehen. Schuld ist eine Bauverordnung.

Der Treppenaufgang zum Kinosaal ist zugekleistert mit alten Filmplakaten. Der Actionstreifen "Full Metal Jacket" lief hier ebenso wie die Komödie "Harold & Maude".

Der Treppenaufgang zum Kinosaal ist zugekleistert mit alten Filmplakaten. Der Actionstreifen "Full Metal Jacket" lief hier ebenso wie die Komödie "Harold & Maude".

Foto: Christian Platz

Philipp Romeiser war in seiner Kindheit häufig im Scala. „Zum Schluss sind wir dann aber meist in die Stadt gefahren, weil die Filme hier immer später anliefen“, erzählt er auf dem Weg in den Flur. Tageslicht fällt durch die Glastür auf alte Ölbilder und ausrangierte Möbel aus den im oberen Geschoss liegenden Wohnungen in dem Haus. Der Architekt öffnet die erste Tür zum fensterlosen Saal im Erdgeschoss. Es ist plötzlich stockdunkel. Strom gibt es nicht. Philipp Romeiser leuchtet mit seiner Taschenlampe in den Raum. Der Lichtstrahl gleitet über nackten Betonboden und unverputzte Backsteinwände.

Auch die Filmprojektoren sind noch vorhanden. Zuletzt wurde die Filmspule "Go Trabi Go" abgespielt.

Auch die Filmprojektoren sind noch vorhanden. Zuletzt wurde die Filmspule "Go Trabi Go" abgespielt.

Foto: Christian Platz

Der Saal ist bis auf zwei Bartresen leer. Er sei zuletzt als Disko genutzt worden, weiß Romeiser. Der Lichtstrahl erhellt erst die großformatige Leinwand an der gegenüberliegenden Wand und wandert dann zur Decke, die jemand mit breiten Pinselstrichen in Himmelblau und Rosa getaucht hat. Das Licht lässt Metallrohre aufblitzen. Der Raum ist riesig, bestimmt an die zehn Meter hoch. Der frühere Besitzer Herbert Bereit soll nach dem Zweiten Weltkrieg 13 Kinos in Bremen-Nord betrieben haben. Das Scala war ein Kino mit Ober- und Unterrang. Es gab Platz für 1000 Besucher. Ein so großes Kino gab es sonst nur in München, berichtet einer seiner Nachfahren. Die Erben hatten kein Interesse an dem maroden Zweckbau. Sie sahen keine Zukunft für ein Kino in Bremen-Nord. Der spätere Pächter baute das Haus um: Nur unterm Dach blieb Platz für 250 Kinobesucher, im Erdgeschoss entstand eine Diskothek. An der Wand lehnt ein buntes Schild, das an vergangene Tanzabende im „Café Gala“ erinnert. Der Lichtschein streift ein weiteres Schild: Sekt kostete vier Mark. Zu hören sind nur die Schritte der Architekten, die den Raum erkunden. Philipp Romeiser bleibt vor einem schwarz glänzenden Flügel stehen. Er drückt ein paar Tasten und stellt fest: „Klingt noch gut.“ Der Lichtkegel verharrt auf einer Zahl am Instrument: 1927. Das Scala war 1917 als „Vegesacker Lichtspiele“ eröffnet worden.

Gefunden im ehemaligen Vorführraum: Eintrittskarten für das Kino.

Gefunden im ehemaligen Vorführraum: Eintrittskarten für das Kino.

Foto: Christian Platz

Der Schein der Lampe streift ein neueres Datum, das ein Unbekannter in den Staub geschrieben hat. „Irgendjemand ist hier drin gewesen“, stellt Philipp Romeiser fest. Auch ein alter Kronleuchter fehle. In der Decke klafft nur noch ein Loch. Hinter der nächsten Tür liegt das Kino. Erst ist alles schwarz. Die Architekten strahlen Reihen von fliederfarbenen Kinositzen an, ein paar sind herausgerissen. Aber die hellblauen Vorhänge sind noch da ebenso wie die Leinwand, die die ganze Rückwand einnimmt. Unter einem der Kinosessel blinkt ein verlorenes Pfennigstück auf.

Philipp Romeiser richtet seine Lampe auf ein Fenster in der Saalecke: Hinter dem Guckloch verbirgt sich der Vorführraum. „Theoretisch müsste man hier noch einen Film zeigen können“, meint er. Die Architekten gehen davon aus, dass es Jahre dauern wird, bis neues Baurecht geschaffen ist und der Wohnungsbau nach Vorstellungen der neuen Besitzer beginnen kann. Solange wird das Scala bleiben, was es ist: ein verlorener Platz.

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