Interview mit Hidenubo Tsukamoto

„Das Ich spielt keine große Rolle"

Hidenubo Tsukamoto spricht im Interview über die japanische Kultur und das große Interesse an Japanisch-Sprachkursen. Der 50-Jährige unterrichtet die Sprache seines Heimatlands unter anderem bei der VHS.
30.01.2019, 17:53
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrand

Herr Tsukamoto, wie sind Sie dazu gekommen, Japanisch zu unterrichten?

Hidenubo Tsukamoto : Ich wurde von einem 14-jährigen Mädchen aus Bremen-Nord gefragt, ob ich ihr die japanische Sprache beibringen könne. Aus dem Einzelunterricht wurden dann später Minigruppen, die ich an der Bremer Volkshochschule betreue.

Ist die Sprache für einen Deutschen nicht sehr exotisch, zumal man sie ja außerhalb von Japan fast nirgendwo spricht?

Japanisch wird unter allen außereuropäischen Sprachen am stärksten nachgefragt. Im Bamberger-Haus der VHS in der Bremer City gibt es noch zwei weitere Kolleginnen, die Japanisch unterrichten, und fast jede Volkshochschule in Deutschland bietet diese Fremdsprache an. Viele der Kursteilnehmer wollen nach Japan reisen und möchten sich Grundkenntnisse der Sprache aneignen. Ein wichtiger Grund ist auch, dass zwischen Japan und Deutschland ein intensiver Schüleraustausch besteht.

Dann sind unter ihren Kursteilnehmern auch viele junge Menschen?

Meine jüngsten Teilnehmer sind 16 Jahre alt, die ältesten sind 70, aber das Durchschnittsalter liegt um die 20 Jahre.

Liegt das große Interesse vielleicht auch an der fremden Kultur, mit der man beim Japanischlernen in Berührung kommt?

Das spielt bei vielen Teilnehmern eine große Rolle. Denn das alte, gute Japan pflegt eine nachhaltige Kultur. Die erste Firma entstand bereits im siebten Jahrhundert, sie betreibt Holzbau und existiert bis heute. Denn die japanische Geschichte weist viel mehr Kontinuität auf als die europäische. Es gibt zum Beispiel seit undenklich langen Zeiten ein Kaisertum, und viele kulturelle Eigenheiten werden bis heute gepflegt.

Wie zum Beispiel das japanische Theaterspiel No, oder die Art, sich in kurzen Gedichten, den Haikus, auszudrücken?

Viele Kostüme der Schauspielkunst haben sich über Jahrhunderte nicht verändert, und die Poesie nimmt im Alltag der Japaner bis heute einen großen Stellenwert ein: Viele schreiben in ihrer Freizeit Gedichte, sie haben nicht diese Hemmungen wie in Deutschland, sondern die Freude an der Sprache wird spontan ausgelebt.

Andererseits ist Japan ja auch eine hochmoderne Industrienation, die stark auf Digitalisierung und neue Medien setzt. Wie ist das vereinbar?

Japan ist in gewisser Weise realitätsfremd, das heißt, die Japaner trennen weniger stark zwischen Fantasie und Realität. Deshalb sind sie zum Beispiel auch bei der Entwicklung kreativer Computerspiele weltweit mit an der Spitze. Allerdings hält man sich streng an bestimmte kulturelle Regeln. Die japanische Firma Nintendo zum Beispiel, die Videospiele und Spielkonsolen herstellt, verpflichtet sich, auf Gewalt und Sexismus zu verzichten.

Japan ist für viele Deutsche also interessant, weil die fremde Kultur für sie attraktiv ist?

Das Besondere ist wohl die heraussprudelnde Lebendigkeit der Japaner, die Freude ist der Ausgangspunkt ihres Tuns. Doch das ist immer mit großer Disziplin verbunden. Weiterhin zieht viele Europäer auch die besondere Form der japanischen Ästhetik an: Silber ist erst schön, wenn es mit einer Oxidationsschicht einen dezenten Glanz zeigt, bei Holzarbeiten sollen die Gebrauchsspuren zu sehen sein, und erst etwas Rost macht Metall ästhetisch.

Nun zu Ihrem Japanisch-Unterricht: Ist diese Sprache nicht schwer zu erlernen – allein wegen der völlig anderen Schrift?

Zunächst gibt es viele Ähnlichkeiten mit der deutschen Sprache, zum Beispiel die Grammatik: Viele Nebensätze werden auch mit „dass“ gebildet, und der Infinitiv ist auch im Japanischen gebräuchlich. Was das Erlernen der japanischen Sprache erleichtert, ist ihre Einfachheit – sie ist synthetischer und gröber, mit einem viel geringeren Wortschatz – sie ist wie ein Integral in der Mathematik.

Wer also mit einer komplexen Muttersprache wie Deutsch aufgewachsen ist, kann eine simplere Fremdsprache leichter lernen als umgekehrt?

Ja, das Deutsche ist viel analytischer, allerdings muss man sich recht mühsam die japanische Schrift mit ihren 45 Buchstaben einprägen.

Was kann man im Rahmen eines Grundkurses bei Ihnen lernen?

Vor allem, wer nach Japan reisen will, lernt zum Beispiel, wie man sich begrüßt, wie man nach dem Weg fragt oder eine Speisekarte liest. Einfache Unterhaltungen mit Japanern sind schon nach dem Absolvieren der Grundkurse möglich. Um den Lernfortschritt zu kontrollieren, mache ich auch jede Woche einen kleinen Test, der allerdings freiwillig ist. Und außerdem gibt es Hausaufgaben, die von mir korrigiert werden.

Was ist die größte Schwierigkeit beim Lernen der japanischen Sprache?

Die Sprache und der Umgang miteinander sind eng verbunden. Für Deutsche ist es schwierig, die besondere Art der japanischen Höflichkeit zu lernen: Das Herz überträgt, was man sagen möchte, und 70 Prozent der Kommunikation von Mensch zu Mensch sind von Gesten geprägt.

Die Sprache zu lernen, heißt also, sich in eine andere Kultur hineinzuversetzen?

In Deutschland steht das eigene Ich an erster Stelle. Das ist in Japan ganz anders: Dort ist die Beziehung zwischen dem Ich und dem Du entscheidend. Die Japaner sehen das Ich als eine Illusion an, es spielt für sie keine große Rolle. Und wenn es zu Dialogen kommt, werden sie von einem gemeinsamen Gefühl getragen. Es ist schwer für einen Deutschen, sich für etwas einzusetzen, ohne dabei an das eigene Ich zu denken. Der Japaner macht das intuitiv. Indem die Kursteilnehmer dieses Andere unserer Kultur lernen, machen sie oft eine tief greifende neue Erfahrung.

Das Gespräch führte Jörn Hildebrandt.

Info

Zur Person

Hidenubo Tsukamoto (50)
gibt an der VHS Nord sowie im Bremer Westen Kurse in Japanisch. In seinem Heimatland hat er Sozialwissenschaften und deren Didaktik gelernt. Seit mehreren Jahren unterrichtet er nicht nur die Sprache seines Landes, sondern bringt mit seinen Kursen den Teilnehmern auch die japanische Kultur näher.

Info

Zur Sache

Japanisch-Kurse

Für die Kurse „Japanisch Grundstufe 1 und 2“ mit Hidenubo Tsukamoto gibt es an der VHS Nord noch freie Plätze. Beide Kurse laufen von Mittwoch, 13. Februar, bis Mittwoch, 3. April, jeweils acht Mal mit insgesamt 16 Unterrichtsstunden. „Japanisch Grundstufe 1“ findet mittwochs von 15.45 bis 17.15 Uhr statt, „Japanisch Grundstufe 2“ mittwochs von 17.30 bis 19 Uhr. Beide Kurse finden bei der VHS Nord, Kirchheide 49, Raum D 27, statt.

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