Erdgasförderung

„Das ist der Anfang“

Auf der Suche nach Erdgas will die Deutsche Erdöl AG (Dea) in Lilienthal und Grasberg seismische Untersuchungen durchführen. Was Bürgerinitiativen dagegen tun können, berichtet Andreas Noltemeyer.
27.10.2018, 12:07
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„Das ist der Anfang“
Von Silke Looden

Frage: Sie sind Sprecher der Bürgerinitiative (BI) „No fracking“ in Völkersen. Seit wann gibt es die BI und warum wurde sie gegründet?

Andreas Noltemeyer: Gegründet haben wir uns 2011. Damals hatten wir hier undichte Lagerstättenwasserleitungen, sodass es zu Bodenverunreinigungen kam. Das Ganze ist über eine Ortsratssitzung an die Öffentlichkeit gekommen. Wir haben uns gefragt, wie das passieren kann. Die Leitungen sind bei Nacht und Nebel gebaut worden. Jeder Chemiestudent im zweiten Semester hätte der Deutschen Erdöl AG (Dea) sagen können, dass die Rohre ungeeignet sind, aber aus wirtschaftlichen Gründen hat man die billigeren Rohre genommen. Bis dahin haben wir wirklich gedacht, dass die Ortschaft Völkersen für die Förderung von umweltfreundlichem Erdgas steht. Wir dachten, dass sei eine gute Alternative zur Kohle und zur Atomkraft. Jetzt wissen wir, es gibt keine umweltfreundlichen fossilen Energieträger.

Wie viele Mitstreiter haben Sie?

Wir waren in der heißen Phase 20 Aktive. Mit der Zeit hatten wir über 400 Personen in unserem E-Mail-Verteiler. Inzwischen gibt es sechs Bürgerinitiativen im Landkreis Verden. Wir sind also breit aufgestellt.

In Lilienthal und Grasberg sollen im Januar und Februar sogenannte Vibro-Trucks über die Straßen rollen und erste Erkundungen vornehmen. Was bedeutet das?

Die seismischen Untersuchungen sind der Einstieg in die Erdgasförderung. Die Dea schaut, ob in dem Bereich lukrative Vorkommen zu erwarten sind. Das ist der Anfang. Das ist damals bei uns auch so gelaufen. Die haben sich die Erlaubnis von den Grundstückeigentümern geholt und sind sogar über die Weiden gefahren. Es gab eine kleine Entschädigung. Die Vibro-Trucks verursachen jedoch, wie der Name schon sagt, Vibrationen im Untergrund. Da kann der Putz am Haus schon mal Risse bekommen. Das ist natürlich kein Erdbeben, aber die Schwingungen sind nicht ganz ungefährlich.

Was raten Sie den Anwohnern?

Das kommt auf die Einstellung an. Wenn einer kein Problem mit Erdgas hat, sollte er es erlauben. Wer die Förderung von Beginn an verhindern will, sollte die Überfahrt verweigern. Man muss nicht zustimmen. Gerade erst hat die Gemeinde Langwedel die Überfahrt für die Erschließung eines neuen Bohrplatzes versagt.

Nun betont das Energieunternehmen, dass die Grenzwerte eingehalten werden…

Die Dea lernt dazu und informiert die Öffentlichkeit. Wenn die erst einmal feststellen, dass lukrative Vorkommen da sind, werden sie aggressiver und wollen den Rohstoff natürlich auch fördern. Ich empfehle, möglichst vorsichtig zu sein und skeptisch zu bleiben. Das lehrt uns die Geschichte in Völkersen. Niedersachsen ist nun einmal das Erdgasland Nummer 1 in Deutschland. Gerade die Landkreise Diepholz, Verden und Rotenburg sind besonders stark durch Erdbeben und Immobilienschäden im Zusammenhang mit der Erdgasförderung betroffen.

Im Grasberger Hof findet am Montagabend eine Bürgerversammlung statt. Anschließend soll eine Bürgerinitiative gegründet werden. Wie können Sie da helfen?

Wir können etwas darüber erzählen, wie man sich aufstellen muss, wie oft man sich treffen muss und wie man mit der Dea und der Politik umgeht. Wir haben da Erfahrungen. Wir werden am Montagabend vor Ort sein und Fragen beantworten. Die meisten sind ja schon sensibilisiert durch die regionale und überregionale Berichterstattung.

Der Lilienthaler Bürgermeister Kristian Tangermann (CDU) wiederum glaubt, dass die Wahrscheinlichkeit, Erdgas am Rande des Untersuchungsgebietes in Lilienthal zu finden, gering ist…

Das ist naiv. Die Dea guckt nicht nur so. Die wissen, was sie tun. Die seismischen Untersuchungen werden dort gemacht, wo etwas zu erwarten ist. Die Frage ist, ob es am Ende des Tages auch lukrativ ist. Als Kommunalpolitiker halte ich es für fahrlässig, so zu argumentieren. Er müsste es besser wissen, wenn er sich schlau gemacht hätte. Bei uns hat es da einen Sinneswandel in der Politik gegeben. Er sollte sich mit Andreas Mattfeldt in Verbindung setzen.

Mattfeldt kämpft als CDU-Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Verden-Osterholz seit Jahren gegen die Erdgasindustrie. Wie glaubwürdig ist ein Politiker, der selbst durch Immobilienschäden betroffen ist?

Da wir nun beide aus Völkersen kommen, habe ich ein spezielles Verhältnis zu ihm. Dass er nun den Revoluzzer in der CDU spielt, kaufe ich ihm nicht ab. Er könnte deutlich mehr tun. Das hat man beim Thema Fracking gesehen.

Das Interview führte Silke Looden.

Info

Zur Person

Andreas Noltemeyer

ist Sprecher der Bürgerinitiative „No fracking“ und Ortsbürgermeister von Völkersen. Seit sieben Jahren kämpft er gegen Umwelt- und Immobilienschäden durch die Erdgasförderung.

Info

Zur Sache

Bürger treffen sich in Grasberg

Nachdem sich beim ersten Treffen vor knapp zwei Wochen schon viele Anwohner in Grasberg ausgetauscht haben, um ihre Fragen zu den geplanten Messungen der Deutschen Erdöl AG (Dea) vorzubringen, wollen sie nun den nächsten Schritt gehen. Die Initiatoren einer in Gründung befindlicher Bürgerinitiative laden für Montag, 29. Oktober, 19.30 Uhr, in den Grasberger Hof, Speckmannstraße 58 in Grasberg, ein. Dort sollen sich Bürgerinnen und Bürger informieren können. Als Gäste sind Vertreter bereits bestehender Bürgerinitiativen gegen die Gasförderung aus Langwedel und Thedinghausen eingeladen. Die Dea will die Veranstaltung nicht besuchen, sagte sie der Redaktion. Sie ist allerdings auch nicht eingeladen.

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