Osnabrücker Astrophysiker im Interview

„Das ist der helle Wahnsinn“

Andreas Hänel leitet das Planetarium Osnabrück. Im Interview spricht der Astrophysiker über verschmutztes Licht und helle Nächte, LED-Lampen in Weyhe und dunkle Ecken in Bremen.
10.01.2019, 21:41
Lesedauer: 4 Min
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„Das ist der helle Wahnsinn“
Von Nico Schnurr
„Das ist der helle Wahnsinn“

Hannover, Vorweihnachtszeit, die Innenstadt ist erleuchtet. Der Astrophysiker Andreas Hänel warnt vor zu hellen Nächten und dem Lichtsmog der Städte.

Hauke-Christian Dittrich /dpa

Herr Hänel, die Weihnachtszeit ist vorbei. Ich nehme an, Sie freuen sich, oder?

Andreas Hänel: Würde ich gerne. Aber ich habe das Gefühl, Weihnachten ist noch überhaupt nicht vorbei.

Wie kommen Sie darauf?

Weil überall noch immer Lichterketten brennen.

Obwohl Weihnachten vorbei ist?

Seitdem im weihnachtlichen Beleuchtungswettrüsten LEDs eingesetzt werden, weil das stromsparend sein soll, denken die Leute: Kostet weniger, das Lichterketten-Spektakel, also mehr davon, alles noch heller und länger. Klassischer Bumerang-Effekt.

Warum stört Sie das?

Viele LEDs, nicht nur zur Weihnachtszeit, beleuchten nicht nur den Boden, sie blenden, strahlen auch nach oben, in den Himmel. Damit tragen sie beträchtlich zur Lichtverschmutzung bei.

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Man kann Licht verschmutzen?

Aber sicher, so wie man Wasser oder Böden verunreinigen kann, geht das auch bei Licht. Das passiert, wenn künstliches Licht in natürliches Licht eindringt.

Entschuldigung, aber das bedeutet jetzt genau was?

Der Nachthimmel ist nicht komplett dunkel, es gibt natürliches Licht: Sterne, Polarlichter. Sie werden aber immer häufiger vom künstlichen Licht überlagert, wie ein Schleier.

Das Ergebnis: ein Himmel ohne Sterne?

Die Sterne sind schon noch da, aber wir können sie nicht mehr sehen. Oder nur noch vereinzelt. Viele Städter haben noch nie die Milchstraße gesehen, ein Trauerspiel. Als ich den Bryce-Canyon-Nationalpark im US-Bundesstaat Utah besucht habe, konnte ich nachts die Lichtglocke von Las Vegas erkennen, das etwa 250 Kilometer entfernt liegt.

Der helle Wahnsinn sozusagen.

Absolut, das ist der helle Wahnsinn, und im Fall von Las Vegas hat er vor allem etwas mit Werbung zu tun. Aber nicht nur dort, sondern überall werden die Werbetafeln immer heller.

Warum ist das so?

Das menschliche Auge gewöhnt sich schnell an größere Helligkeit. Deswegen überbietet sich die Werbebranche mit immer noch hellerer Beleuchtung. Es ist ein Kampf um Aufmerksamkeit, Hauptsache hell, auch in der Nacht.

Dauernd hell, das klingt, als würden Tag und Nacht langsam verschmelzen.

Die Gefahr besteht durchaus. Seit Ewigkeiten sind wir an einen Rhythmus angepasst, der zwischen Tag und Nacht wechselt. Und es sieht so aus, als würden wir den gerade in unserem Beleuchtungswahn zerstören.

Sie meinen, irgendwann sind alle nachtaktiv?

Wenn es immer hell ist, könnte das passieren. Aber das wird dann nicht ohne Folgen bleiben. Es gibt Hinweise, dass Menschen, die in der Nacht arbeiten und sich künstlichem Licht aussetzen, ein erhöhtes Risiko haben, an Krebs zu erkranken. Das hängt mit dem Hormon Melatonin zusammen, das ein ungebremstes Wachstum der Krankheit verhindern kann. Melatonin wird im Gehirn gebildet, bei Dunkelheit steigt die Produktion, bei Licht stoppt sie. Aber nicht nur wir, auch Tiere leiden unter dem künstlichen Licht in der Nacht.

Das müssen Sie jetzt natürlich erklären.

Nachtaktive Tiere wie Insekten sterben schon jetzt reihenweise, weil die Nacht nicht mehr natürlich dunkel ist. Sie werden von Lichtquellen mit hohem Blauanteil angezogen und getötet. Künstliche Beleuchtung verringert auch die nächtliche Bestäubung von Pflanzen durch Insekten deutlich.

Also besser an den Tag-Nacht-Rhythmus halten?

Das fängt schon bei der öffentlichen Beleuchtung in Städten an. In der Nacht sollte man sie stärker reduzieren. In Geschäften sollten die Lichter eine Stunde nach Ladenschluss ausgehen. Parkplätze, die nachts nicht benutzt werden, müssen auch nicht beleuchtet sein.

Die Gemeinde Weyhe hat vor einer Weile LED-Lampen eingeführt. Weniger Streulicht, längere Beleuchtungszeiten, heißt es. Ich fürchte, auch das überzeugt Sie nicht?

LED-Leuchten sind nicht grundsätzlich Teufelszeug. Mit ihnen kann man das Licht gut steuern. Strahlen sie tatsächlich zielgerichtet und indirekt, erspart das eine Menge Ärger, aber ein Grund, gleich länger zu beleuchten, ist das nicht.

Das soll, heißt es, die Sicherheit der Bürger erhöhen. Auch in Bremen gibt es gerade eine Debatte um dunkle Ecken.

Das ist Blödsinn. In einigen Ländern wird seit Jahren deutlich heller beleuchtet als bei uns, die dortigen Kriminalstatistiken sprechen nicht dafür, dass mehr Licht zu mehr Sicherheit führt.

Und wenn sich die Leute einfach ein bisschen sicherer fühlen, weil es heller ist nachts, ist dann nicht auch schon etwas gewonnen?

Nicht wirklich. Das Sicherheitsgefühl vermittelt ja nur Sicherheit, aber es ist keine tatsächliche. Sicherheitsfaktoren sind gesellschaftlich bedingt, sie sind keine Frage des Lichts. Und selbst wenn man dunkle Ecken mit LEDs bestrahlt, werden viele das Gefühl haben, es ist nicht heller geworden, im Gegenteil.

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Wie meinen Sie das?

Unter einer LED-Lampe hat man oft extrem helles Licht, das verstärkt die Kontraste im Straßenbild, sofort erscheint die Umgebung dunkel. Wenn man die dann auch noch bestrahlen will, schaukelt sich das immer weiter hoch, und der Lichtsmog wird immer heftiger.

Nur fürs Protokoll: Sie haben jetzt kein generelles Problem mit Licht?

Natürlich nicht, es kommt aufs richtige Maß an. Wir müssen künstliches Licht überlegter nutzen, bedarfsgerechter, vor allem nachts. Zeitschaltuhren und Bewegungsmelder können dabei helfen.

Sind Sie ein Lobbyist der Finsternis?

Wenn Sie so wollen, meinetwegen. Ich berate Politiker und Kommunen in Beleuchtungsfragen. Fulda etwa will die Lichtmenge in der Nacht begrenzen, und ich helfe der Stadt dabei.

Die Dunkelheit ist so out, dass es Lobbyarbeit braucht?

Es ist eher so, dass Licht eine zu große Lobby hat. Die Beleuchtungskörper-Industrie schafft sich ihre eigenen Vorgaben. Dem will ich etwas entgegensetzen.

Indem Sie die Schattenseiten des Lichts aufzeigen?

Nicht nur das. Ich bin an der Entstehung von Sternenparks in Deutschland beteiligt. Das sind Orte, an denen die natürliche Dunkelheit geschützt wird und ein Sternenhimmel zu sehen ist.

Klingt nach touristischem Potenzial.

Absolut, aber eigentlich geht es bei den Sternenparks gar nicht so sehr um die Himmelsbeobachtungen.

Sondern?

Sie sollen im lichtverschmutzten Deutschland zeigen, dass es auch anders geht und man beleuchten kann, ohne dass die Nacht verschwindet.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Andreas Hänel ist Astrophysiker. Er leitet das Planetarium Osnabrück und die Fachgruppe Dark Sky der „Vereinigung der Sternenfreunde“. Sie berät Politiker und Kommunen in Beleuchtungsfragen, mit dem Ziel, ein Mindestmaß an Dunkelheit zu erreichen.

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