Reformationstag „Das Leben soll ein Gottesdienst sein“

Neuer Feiertag, Halloween –da war doch noch etwas. Stimmt, am 31. Oktober ist auch Reformationstag. Was sich dahinter verbirgt, erläutern die evangelischen Theologen aus dem Kreisgebiet.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
„Das Leben soll ein Gottesdienst sein“
Von Jörn Dirk Zweibrock

Landkreis Verden. Weil sie sehr gern Geburtstag hatte und hat, findet sie es einfach nur schlüssig, dass ihr Wiegenfest seit diesem Jahr gesetzlicher Feiertag in Niedersachsen und Bremen ist. Während Gabriele Müller aus Verden an diesem Mittwoch, 31. Oktober, auf ihren Geburtstag anstößt, versammeln sich die gläubigen Protestanten in der Kirche. Doch was verbirgt sich eigentlich aus theologischer Sicht hinter dem neuen Feiertag? „Vor 501 Jahren nahm Martin Luther Hammer und Nägel in die Hand. Mit wuchtigen Hieben schlug er Flugblätter an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. So stellen sich die Menschen gerne die Veröffentlichung von Luthers 95 Thesen vor. Ob es tatsächlich so geschah, ist umstritten. Unstrittig ist, dass Luther in dieser Zeit einer breiten Öffentlichkeit seine Thesen zu Ablass und Buße vorgestellt hat. Damit leitete er die Reformation der mittelalterlichen Kirche ein“, erläutert Christoph Maaß, Pastor der Achimer Laurentius-Kirchengemeinde.

Holger Hermann, Pastor der Verdener Kirchengemeinde St. Nikolai, freut sich zwar, dass die vier nördlichen Bundesländer (Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein) mit dem zusätzlichen Feiertag gegenüber dem katholisch geprägten Süden aufholen, ist jedoch überrascht, dass die Länderparlamente dies mehrheitlich beschlossen haben. „Zum 500. Reformationsgeburtstag wurden Luthers Schattenseiten kritisch aufgearbeitet. Seine Judenfeindlichkeit, seine Wutreden gegen die aufbegehrenden Bauern und seine Maßlosigkeit in der Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche sind für uns heute kein Vorbild mehr“, findet der Theologe. Profillos, angepasst und zahnlos müssten die Protestanten deswegen aber keineswegs sein. „Wir haben gute Gründe, den Reformationstag 2018 zu feiern und dabei die Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren“, findet Hermann.

Gabriele Müller wurde im vergangenen Jahr von einem gläubigen jungen Mann aus einer Glaubensgemeinschaft interviewt. „Er hat mich gefragt, was der 31. Oktober für mich persönlich bedeutet. Als ich ihm erzählt habe, dass ich an diesem Tag Geburtstag habe, hat er sich sehr gefreut. Die meisten Menschen verbinden mit dem 31. Oktober inzwischen nämlich nur eins: Halloween.“ Stimmt, am Abend vor Allerheiligen ziehen auch durch den Landkreis Verden wieder zahlreiche schaurig-schön verkleidete Gestalten und stellen die Frage aller Fragen: „Süßes oder Saures?“ Die unendlich vielen ausgehöhlten Kürbisse auf den Türtritten natürlich nicht zu vergessen.

Doch das Reformationsfest, das fernab von jeglichem Kommerz begangen wird, ist weitaus mehr. „Die mittelalterliche Kirche predigte Gott als einen strengen Richter, der alle menschlichen Sünden hart bestraft. Während seiner Bibelstudien gewann der Mönch Martin Luther jedoch die Einsicht, dass dies falsch sei. Richtig sei viel mehr, dass Gott den gläubigen Menschen annehme und Schuld vergebe“, blickt Christoph Maaß in die Kirchengeschichte zurück. Und ergänzt: „Die mittelalterliche Kirche war hohl und morsch geworden. Päpste und Bischöfe bereicherten sich hemmungslos. Das verweltlichte und sittenlose Leben des Klerus empörte die Gläubigen.“

Der Mut des Wittenberger Theologen habe die Welt verändert, betont Holger Hermann. „Unabhängiges Denken und eine streitbare öffentliche Rede, die den Mächten und Mächtigen ins Wort fällt, ist gerade wieder hoch aktuell. Die grausame Ermordung des regimekritrischen Journalisten Jamal Khashoggi macht einmal mehr deutlich, wie gefährlich das freie Wort auch heute für die Mächtigen ist.“ Luthers Geschichte, sein mutiges Eintreten für die Wahrheit, seien eines Feiertages würdig und angemessen.

Zum großen Reformationsjubiläum im vergangenen Jahr war der Reformationstag einmalig ein gesetzlicher Feiertag in ganz Deutschland. Dass der 31. Oktober seit 2018 neben den neuen Bundesländern nun auch im Norden ein gesetzlicher Feiertag ist, findet Geburtstagskind Gabriele Müller natürlich entsprechend toll.

„Als Luther 1546 starb, hatte er die religiöse und politische Landschaft nachhaltig verändert. Die Spaltung der mittelalterlichen Kirche ist die Geburtsstunde der protestantischen Kirchen“, erklärt der Achimer Pastor. Reformation bedeute Veränderung. „Auf die Digitalisierung, den Klimawandel und die schrumpfende Zahl der Gläubigen muss die Kirche Antworten finden. Dass Veränderungen keine Angst machen müssen, hat uns Martin Luther vorgelebt.“

Obwohl die wesentlichen Grundideen der Reformation den evangelischen Christen nicht überall ins Auge fallen, sind sie doch stets präsent: „Wir sprechen und hören heute im Gottesdienst keine gedrechselte klerikale Sondersprache, sondern Alltagssprache. Verständlichkeit und Lebensnähe werden jeder sakralen Künstlichkeit vorgezogen. Unser ganzes Leben soll ein Gottesdienst sein. Dies bleibt allerdings eine bis heute nicht jederzeit eingelöste reformatorische Absicht“, weiß Holger Hermann.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+