100-jähriges Bestehen Museumsdorf Cloppenburg feiert lebendige Geschichte auf dem Land

Eines der bekanntesten Museen in Niedersachsen feiert in diesem Jahr Jubiläum: Vor 100 Jahren wird der Grundstock für das spätere Museumsdorf Cloppenburg gelegt.
13.08.2022, 14:45
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Von dpa

Eine Schulbank von 1699 ist recht hart. Ergonomie, Rückenfreundlichkeit, Platz für Hefte und Bücher – eher nicht vorhanden. Dicht gedrängt müssen die Kinder gesessen haben, vor Augen eine winzige Tafel an der weiß getünchten Wand und das Pult des Lehrers. Wie muss man sich das vorstellen – Schulunterricht auf dem Dorf vor mehr als 300 Jahren an dunklen Tagen im Herbst oder Winter? Ein Besuch im Museumsdorf Cloppenburg ist eine Zeitreise in die ländliche Welt Nordwestdeutschlands von der frühen Neuzeit bis fast in die Gegenwart. Auch wenn das Freilichtmuseum erst seit den 1930er Jahren aufgebaut wurde, feiert das Museum an sich in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen und hat für den Blick zurück eine Sonderausstellung aufgebaut.

Museumsdirektor Torsten Müller hat sich in die Schulbank hineingequetscht. „An eine Frage muss ich immer denken, wenn ich hier drin bin, sagt er. „Wie haben die das damals mit dem Licht gemacht?“ Elektrische Lampen gibt es nicht, nur eine kleine Petroleum-Lampe hängt in einer Ecke. Den Alltag früherer Jahrhunderte anschaulich zu vermitteln, ist der Anspruch des Cloppenburger Museumsteams. „Cloppenburg gehört zu den bedeutendsten Museen in Niedersachsen“, sagt Thomas Overdick, Geschäftsführer des Museumsverbandes Niedersachsen-Bremen.

Das älteste Freilichtmuseum in Dorfform, das nach wissenschaftlichen Kriterien geführt werde

Die Museumsmacher sagen stolz über ihr Freilichtmuseum, das es das älteste Freilichtmuseum in Dorfform sei, das nach wissenschaftlichen Kriterien geführt werde. Es ist Vorbild für viele Freilichtmuseen in Deutschland, die seit den 1960er Jahren entstanden sind. In Niedersachsen ist es seit Generationen ein Begriff: Wahrscheinlich war fast jede Schulklasse im Nordwesten mindestens einmal in dem Museum, wo auf 25 Hektar rund 50 historische Gebäude stehen, darunter allein drei Windmühlen.

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„Das ist unser großes Pfund“, sagt der stellvertretende Museumsdirektor Michael Schimek. Denn die Schülerinnen und Schüler, denen es im Museumsdorf gefällt, kommen mit ihren Familien wieder – so geht das seit Generationen. Seit der Eröffnung des Museumsdorfes im Jahr 1936 waren etwa 16 Millionen Menschen zu Gast.

Cloppenburg gehört zu den bedeutendsten Museen in Niedersachsen.
Thomas Overdick, Geschäftsführer des Museumsverbandes Niedersachsen-Bremen

Bis zur Corona-Pandemie besuchten jedes Jahr rund 260 000 Menschen das Freilichtmuseum in der Kreisstadt Cloppenburg. „Den Einbruch der Besucherzahlen wegen der Pandemie haben wir schon gemerkt“, sagt Schimek. Das Geschäft ist noch nicht wieder so angelaufen wie vor Corona. Was noch fehlt, sind größere Gruppen, und das ist nicht nur in Cloppenburg so. „Das ist das, was den Museen im Moment am meisten Sorgen bereitet“, sagt Overdick.

Vor allem organisierte Seniorengruppen gebe es noch nicht wieder in so großer Zahl wie vor den Corona-Lockdowns. „Es wird eine große Herausforderung sein, sicherzustellen, dass man weiterhin auf den Routen der Busreiseanbieter ist, und dass überhaupt Fahrten stattfinden“, sagt Overdick. Darum kämpfe die Branche noch. Auch Schulen seien noch vorsichtig bei Klassenfahrten.

Im Museumsdorf gibt es immer etwas zu tun

Die Situation in den Museen sei damit ähnlich wie in anderen Kulturbereichen, sagt auch Andrea Prehn vom Institut für Museumsforschung in Berlin. Auch bei Konzerten sei die Nachfrage nach Karten noch nicht auf dem Niveau wie vor der Pandemie. Auch wenn inzwischen die Hygieneregeln gelockert sind und es keine Kapazitätsbeschränkungen mehr gebe, seien viele Menschen noch zurückhaltend.

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Der Aufwand, die historischen Höfe zu erhalten, aber auch eine Dorfdisco aus den 1970er Jahren, ist naturgemäß enorm. „Ich vergleiche das gern mit dem Kölner Dom“, sagt Schimek. Ähnlich wie auf der Baustelle des Doms gibt es auch im Museumsdorf immer etwas zu tun: Dächer werden undicht und müssen neu eingedeckt werden – teils mit Reet, teils mit möglichst original nachgefertigten Dachziegeln. Morsche Teile der Fachwerk-Holzkonstruktion und Mauern müssen ausgebessert, Lehmböden alle paar Jahre neu angelegt werden. Das alles kostet Geld - der Etat von rund sechs Millionen Euro pro Jahr wirkt dabei nicht riesig. Träger der Einrichtung ist eine öffentlich-rechtliche Stiftung des Landes Niedersachsen, die vom Landkreis Cloppenburg, der Stadt Cloppenburg und dem Landkreis Vechta unterstützt wird.

Die Ursprünge des Museums reichen zurück bis ins Jahr 1922, als der aus Westfalen stammende Gymnasiallehrer Heinrich Ottenjann eine heimatgeschichtlichen Sammlung im Cloppenburger Realgymnasium initiierte. Versuche, in der Weimarer Zeit ein Freilichtmuseum aufzubauen, scheiterten. Die Nationalsozialisten griffen seine Idee auf – mit dem Aufbau des Museumsdorfes wurde 1934 begonnen, am Himmelfahrtstag 1936 wurde es feierlich eröffnet.

Beim Blick zurück sind auch die Anfänge des Museumsdorfs in der NS-Zeit ein wichtiges Thema. Museumsgründer Ottenjann habe die Gelegenheit genutzt, dass die Nazis seine Idee eines Freilichtmuseums umsetzen wollten, sagt Schimek. Dass sie in dem Freilichtmuseum ein Mittel sahen, ihre rassistische Blut- und Boden-Ideologie zu verbreiten, daran gebe es keinen Zweifel. Andererseits finde sich in der Arbeit Ottenjanns kein Hinweis darauf, dass er ein Anhänger der NS-Ideologie war, auch wenn er sicherlich kein Widerstandskämpfer gewesen sei, sagt Schimek.

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