Uhr der Christuskirche wird 100 Jahre alt / Zur Feier Gottesdienst und Führung

Das regelmäßige Ticken der Freiheit

Harpstedt. Die Zeit steckt in einem Kleiderschrank. So ungefähr jedenfalls sieht das hölzerne Gehäuse mit den Flügeltüren aus, in dem das Uhrwerk der Harpstedter Kirchturmuhr tickt. Und das schon seit 100 Jahren. Das Jubiläum feiert die evangelische Kirchengemeinde am Sonntag um 10 Uhr mit einem Gottesdienst in der Christuskirche. Anschließend können die Besucher noch an einer Führung teilnehmen.
31.12.2010, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Ute Winsemann

Harpstedt. Die Zeit steckt in einem Kleiderschrank. So ungefähr jedenfalls sieht das hölzerne Gehäuse mit den Flügeltüren aus, in dem das Uhrwerk der Harpstedter Kirchturmuhr tickt. Und das schon seit 100 Jahren. Das Jubiläum feiert die evangelische Kirchengemeinde am Sonntag um 10 Uhr mit einem Gottesdienst in der Christuskirche. Anschließend können die Besucher noch an einer Führung teilnehmen.

Die bietet Claus Lampe an, und der hat eine ganz besondere Beziehung zu der Uhr. Ihm bedeutet sie Freiheit. Ausgerechnet eine Uhr - regelmäßig, unbestechlich, geradezu streng, wenn sie denn einen eigenen Kopf hätte und nicht selbst willenlos den Gesetzen der Mechanik folgte. Doch für den heute 74-jährigen fiel die Eroberung der Freiheit mit der Entdeckung der Uhr zusammen.

Im Krieg, erklärt er, hätten sie als Kinder doch kaum nach draußen gedurft, hätten sich die letzten Wochen gar ständig im Keller verkriechen müssen. Und dann war endlich Frieden, und der Achtjährige, der schräg gegenüber der Kirche wohnte, begann, seine Umgebung zu erkunden. Bald trieben er und einige Gleichaltrige sich mehr oder weniger regelmäßig in der Kirche und vor allem im Turm herum.

Ein großer Abenteuerspielplatz

"Das war wie ein großer Abenteuerspielplatz", blickt er zurück. Der Kirchendiener ließ sie gewähren, schließlich gingen ihm die Jungs auch des öfteren beim Läuten der Glocken zur Hand - mit buchstäblichem Überschwang: "Das war eine herrliche Sache, wenn wir uns am Schluss mit hochziehen lassen haben." Auch für den Start von Papierflugzeugen habe sich der Turm hervorragend geeignet, erinnert sich Lampe an die durchaus nicht nur frommen Motive, sich in der Kirche aufzuhalten.

Solche Spiele reizen ihn heute nicht mehr, doch die Uhr fasziniert ihn noch immer. Dabei hätten sich die Harpstedter für den 1880 auf heutige Höhe gebauten Turm beinah nur eine Sonnenuhr geleistet. Erst mittels einer Stiftung von Caroline Shawcross, unter dem Mädchennamen Stechow in Harpstedt aufgewachsen, konnte die Uhr bei der Firma Weule in Bockenem bestellt und vom Harpstedter Uhrmachermeister Heinrich Pestrup eingebaut werden.

"Diese einfache Art, das Schöne, Übersichtliche", schwärmt Lampe von der alten Handwerkskunst, bei der man an den Zahnrädern sieht und am Ticken hört, wie die Zeit vergeht. Drei Werke hat die Uhr. Das mittlere ist das eigentliche Uhrwerk. Dessen Bewegung wird mittels Stangen und Winkelgetrieben von der zweiten Etage in die dritte Etage auf die drei Zifferblätter übertragen, je eins nach Norden, Westen und Süden. Das nach Osten hat man sich 1911 gespart - nicht nur, weil das Kirchenschiff teilweise die Sicht verdeckt hätte, sondern auch, weil es in der Richtung vor Eröffnung der Bahnlinie zwar den Amtshof, aber sonst noch kaum Häuser gab.

Außer mit den Zifferblättern ist das Hauptwerk mit den beiden anderen Werken verbunden. Die steuern die Schläge der Glocken, die unter einer Haube ganz oben außen am Turm hängen. Der helle Ton erklingt alle Viertelstunde, mit dem tiefen Ton werden die Stunden gezählt. Eine nach dem Krieg angebaute Zusatzvorrichtung zum täglichen Läuten der Betglocke - die einzige Veränderung des Originalzustands - ist inzwischen wieder außer Betrieb. Das war die Uhr selbst in all der Zeit nur ein einziges Mall, als Henry Eiskamp, der lange für sie zuständig war, sie nach dem Krieg einmal vollständig auseinandergenommen und gereinigt hat. Das sei wohl bald wieder fällig, meint Lampe.

Ansonsten aber reicht es, sie gelegentlich zu ölen und sie einmal pro Woche aufzuziehen - sprich, die großen Gewichte per Handkurbel wieder über drei Stockwerke ganz nach oben zu befördern. Was schwere Arbeit ist: Als er die Aufgabe im Sommer vertretungsweise übernommen habe, "habe ich mir wieder richtig schön den Rücken verknackst", sagt Lampe.

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