Lokal macht im März dicht

Das sagen die Betreiber vom Gasthaus Dammsiel

Der Pachtvertrag ist zu Ende April gekündigt, jetzt reden Petra Heinemann und ihr Lebensgefährte Timo Schröder über die Gründe, warum sie einen Schlussstrich unter ihr Leben als Gastwirte ziehen.
15.01.2020, 21:57
Lesedauer: 3 Min
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Das sagen die Betreiber vom Gasthaus Dammsiel
Von Antje Stürmann
Das sagen die Betreiber vom Gasthaus Dammsiel

Timo Schröder und Pächterin Petra Heinemann haben das Gasthaus Dammsiel in den vergangenen fünf Jahren gemeinsam geführt. Ende April ist damit Schluss. Dann beginnt für die beiden ein neuer Lebensabschnitt.

CARMEN JASPERSEN

Die Luft riecht nach Frühling, nach neuer Saison. Doch anstatt für das nächste halbe Jahr Personal und Veranstaltungen zu planen, verabschieden sich Pächterin Petra Heinemann und ihr Lebensgefährte Timo Schröder vom Gasthaus Dammsiel. Für das Aus Ende April gibt es viele Gründe, sagen sie. Zahlreiche Gäste bedauern die Entscheidung. Mit Sorge warten die Wassersportler der Region auf eine Reaktion des Bremischen Deichverbandes rechts der Weser, dem das Gasthaus samt Schleuse gehört.

„Dass sich so viele zu Wort melden, hätte ich nicht gedacht“, staunt Timo Schröder mit Blick auf sein Handy. Er und Petra Heinemann haben arbeitsreiche Jahre hinter sich. Jetzt schauen sie nach vorn. „Wir werden finanziell gesund aus der Sache herausgehen“, sagt er.

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In den vergangenen fünf Jahren hat sich der gelernte Fleischer vieles angeeignet. Heute kocht er für die Gäste, führt zusammen mit Petra Heinemann die Wirtschaft, pflegt Haus und Grundstück. Seit anderthalb Jahren ist Timo Schröder aus Mangel an Personal auch noch Schleusenwärter. Er hat sich eingearbeitet in die Dinge. „Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem es läuft“, beschreibt Petra Heinemann die persönliche Situation des Paares. Die Gäste kommen, weil das Essen schmeckt, die Natur ringsum so schön ist und weil sie herzlich empfangen werden. Dammsiel ist wieder ein beliebtes Ausflugsziel.

170 Jahre Familiengeschichte

Nicht nur deshalb fiel Petra Heinemann der Entschluss besonders schwer. Sie pachtet das Gasthaus in fünfter Generation vom Deichverband: „Ich beende rund 170 Jahre Familiengeschichte.“ Das Haus Niederblockland 32 ist ihr Eltern-, Großeltern- und Urgroßelternhaus. Mutter Helga Garbade hat früher gekocht, der Vater stand hinterm Tresen. „Ich bin hier aufgewachsen“, sagt die Restaurantfachfrau. Die Familie, unter anderem Helga Garbade, helfe heute im Service und in der Küche. Zusätzlich setzt das Wirtspaar zehn Aushilfen ein, einige gehören seit Jahren zum Team.

Gründe für das Aus gebe es mehrere. Das Gasthaus ist in Schuss, der Garten mit Pavillon gepflegt – doch langsam müsste der Eigentümer investieren, sagt Timo Schröder. Er spricht von undichten Fenstern und Türen, das Dach müsste instand gesetzt werden. „Risse könnten ausgebessert und das Haus stabilisiert werden.“ Er habe Verständnis dafür, wenn der Deichverband zu wenig Geld für eine Sanierung besitze. Genau das habe aber eben auch die Entscheidung beeinflusst, den Pachtvertrag zu kündigen. Denn: Petra Heinemann und Timo Schröder hätten auf ihre Kosten die alte Küche und die Toiletten sanieren müssen. „Alles selbst zu machen, das hätten wir finanziell und kräftetechnisch nicht geschafft“, sagt Petra Heinemann. Schröder: „In der Saison arbeiten wir sechs Tage pro Woche, der Arbeitsaufwand ist enorm.“ Das Paar schließt besonders zu Stoßzeiten auch Lücken, die der Fachkräftemangel reißt: „Wir finden keine Servicekräfte, kein Küchenpersonal und keine Reinigungskräfte“, so Schröder. Zunehmend unvermittelbar findet der 40-Jährige außerdem das Fahrverbot auf dem Deich – besonders im Winter: „Es ist eben nicht ökologisch, wenn unsere Gäste 20 Kilometer fahren, um sich einen Passierschein zu besorgen, bevor sie im Gasthaus Dammsiel essen.“

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Timo Schröder und Petra Heinemann suchen jetzt eine neue Wohnung im Umland. „Wir haben lange durchgehalten“, findet er, „und wir trösten uns damit, dass wir uns in eine Reihe von Traditionsbetrieben eingliedern, die dichtgemacht haben.“ Beruflich wollen sich die beiden neu orientieren: „Wir werden arbeiten gehen und uns nicht wieder selbstständig machen“, so Petra Heinemann. Eine Arbeitsstelle stehe nicht in Aussicht.

Folgen könnte das Aus der Gaststätte Dammsiel auch für die Wassersportler und für den Tourismus haben. Vor allem, wenn der Bremische Deichverband keinen Schleusenwärter findet: „Für uns wäre das katastrophal“, sagt der Vorsitzende des Wassersportvereins Gröpelingen, Alfred Misterek. Die Kanuten müssten ihre Boote notfalls an der Schleuse vorbeitragen oder in Richtung Lesum einen Umweg von zwei Stunden einplanen. „Das macht kein Wassersportler.“ Misterek befürchtet, dass sich Vereinsmitglieder, die in Richtung Stadt oder Hinterland fahren wollen, anderen Vereinen anschließen. Die Wassersportsaison beginnt bereits Anfang April. Dann machen auch die ersten Torfkahnskipper des Bremer Beschäftigungsvereins (Bras) in Findorff die Leinen los. Das Gasthaus Dammsiel war bislang Ziel ihrer zweieinhalbstündigen Fahrten – so ist es auch für die rund 280 Touren in diesem Jahr geplant. Stattdessen könnten die Skipper und ihre Gäste Kuhsiel ansteuern, so Gerd Vajen von Bras. Die Mehrkosten für den Druck neuer Flyer seien überschaubar.

Abschied am 8. März

Petra Heinemann und Timo Schröder öffnen am 8. März ein letztes Mal. An diesem Tag wollen sie sich von ihren Gästen verabschieden. Hoffnung, dass es nahtlos weitergehen könnte, hegen sie nicht: „Der Deichverband müsste innerhalb von acht Wochen einen neuen Pächter finden“, sagt Petra Heinemann. Dass das gelingt, sei unwahrscheinlich.

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