Maike Schaefer zum Neubau der Flutbrücke

Verkehrsenatorin: „Ich hoffe, dass die Pendler umsteigen“

Im Spätsommer wird die Flutbrücke zwischen Borgfeld und Lilienthal abgerissen. Im Interview erklärt Bremens Verkehrssenatorin Maike Schaefer, wie die Verkehrsströme während der Bauzeit gelenkt werden sollen.
22.05.2020, 09:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Petra Scheller
Verkehrsenatorin: „Ich hoffe, dass die Pendler umsteigen“

Bremens Verkehrssenatorin Maike Schaefer sieht keine großen Verkehrsprobleme durch den Flutbrückenneubau zwischen Lilienthal und Bremen.

Frank Thomas Koch

Frau Schaefer, in Lilienthal und Borgfeld fordern Gemeinderäte und Bürgerinitiativen ein Verkehrskonzept für die Zeit während des Flutbrückenneubaus. Wie sieht Ihre Verkehrsstrategie aus?

Maike Schaefer: Wir haben uns sehr viele Gedanken gemacht, wie das aussehen kann. Der Autoverkehr wird über die Straßenbahnbrücke geführt. Der Fuß- und Radweg läuft parallel. Die alte Flutbrücke muss abgerissen und neu gebaut werden – da führt kein Weg dran vorbei. Was man machen kann, ist, dass man eine Baustelle bestmöglich entzerrt. Wir haben mit der Straßenbahnbrücke eine gute Alternative geschaffen. Der Verkehr bleibt in beide Richtungen einspurig – so wie bisher.

Kommunalpolitiker aus Lilienthal und Borgfeld fordern Umleitungskonzepte. Gibt es dazu Gespräche?

Ich kenne diese Forderungen. Bremen hat das bisher abgelehnt. Solange der Verkehr auf der Brücke läuft, gibt es dazu keine Notwendigkeit. Es gab vom Lilienthaler Gemeinderat den Vorschlag, neue Straßen womöglich noch zusätzlich zu bauen. Das hätte eine große Abstimmung mit Niedersachsen bedeutet. Es hätte am Ende viel gekostet – der Mehrwert wäre gering gewesen. Eine Anfrage seitens des Lilienthaler Bürgermeisters liegt mir nicht vor. Der Borgfelder Ortsamtsleiter ist dagegen auf mich zugekommen. Wir treffen uns voraussichtlich am 16. Juni mit Vertretern aus dem Beirat.

Wo wären diese Umleitungsstraßen gebaut worden?

Im Gespräch war mal eine Strecke vom Hexenberg bis Oberneuland. Damit wäre aus unserer Sicht wenig gewonnen. Die Alternative, den Verkehr über die Straßenbahnbrücke zu leiten, ist die beste Lösung.

Baudeputationsfachleute wie der Grüne Ralph Saxe und Jörg Tröger, Referatsleiter im Amt für Straßen und Verkehr, haben vor einem Jahr Verkehrsprobleme für die Bauphase vorausgesagt. Sie sehen das gelassener?

Es ist noch mal nachgerechnet worden. Es gibt Simulationen, die gezeigt haben, dass der Verkehr während der Bauphase relativ reibungslos fließen wird, Fachleute sprechen von der gegebenen Leistungsfähigkeit der Brücke. Es gehört zur Wahrheit allerdings dazu, dass während der Hauptverkehrszeiten mit Beeinträchtigungen zu rechnen ist, was aber ja jetzt auch schon der Fall ist. Wahrscheinlich auch gerade in den ersten Tagen. Ich komme aus Bremen-Nord und weiß, was es bedeutet, wenn eine Brücke saniert wird. Aber schon nach kurzer Zeit, pendelt sich das ein.

Verkehrszählungen sind momentan nicht repräsentativ.

Momentan sind die Zahlen natürlich coronabedingt niedriger. Zu Beginn von Corona und Homeoffice gab es 30 bis 40 Prozent weniger Verkehr auf den Bremer Hauptverkehrsachsen. Der 6. September ist der Stichtag, an dem der Verkehr auf die Straßenbahnbrücke umgelegt werden soll. Simulationen haben aber auch vor Corona-Zeiten einen reibungslosen Verkehrsfluss für die Bauphase angezeigt. Wir setzen allerdings darauf, dass Pendler mehr Bahn fahren. Eine Fahrspur schafft im Mischverkehr mit Autos bis zu 2000 Personen pro Stunde. Eine Straßenbahn transportiert zur selben Zeit bis zu 20.000 Personen.

Trotz dieser positiven Prognosen haben Sie gesagt, dass Sie die Ängste der Bürgerinnen und Bürger zum Thema Schleichverkehr verstehen können, wie passt das zusammen?

Man kann Schleichverkehre nicht ausschließen. Meine große Hoffnung ist, dass die Menschen, die von Lilienthal nach Bremen reinpendeln wollen, auf Alternativen wie die Linie 4 umsteigen. Aber natürlich kann man nicht ausschließen, dass die Menschen gucken, wo geht’s dann doch noch mal schneller. Wir hoffen, dass sich der Schleichverkehr in Grenzen hält. Navigationsgeräte werden in der Zeit helfen, die Verkehrsströme zu steuern. Viele werden sehen, dass es keinen Zeitvorteil bringt, wenn man Umfahrungsverkehre macht.

Welche Anreize setzen Sie, damit die Leute in die Bahn steigen?

Wir gucken uns an, wie die Straßenbahnen genutzt werden. Natürlich wollen wir zu Corona-Zeiten keine maßlos überfüllten Bahnen haben. Wenn es zusätzliche Taktungen braucht, werden wir da nachbessern.

Wie sieht es mit einer Tarifreduzierung aus?

Das können wir in Bremen nicht allein entscheiden. Wir führen dazu grundsätzliche Gespräche mit dem Verkehrsverbund Bremen Niedersachsen (VBN). Alle Menschen, die vom Pkw auf die Bahn umsteigen, bringen natürlich eine Entlastung für alle Bremerinnen und Bremer mit sich. Deshalb haben wir ein Interesse daran, dass alle Pendler einen attraktiven Tarif zahlen, damit sie das Auto zu Hause lassen.

Da haben Sie sicher Unterstützung aus Lilienthal und den Umlandgemeinden?

Da gibt es momentan keine direkten Gespräche. Ich wäre aber offen dafür, falls sich eine Bürgermeisterin oder ein Bürgermeister mit mir austauschen will.

Um Pendler in die Bahnen zu bekommen, muss es Park-and-Ride-Möglichkeiten geben. Oft fehlt es an Parkmöglichkeiten. Stimmen Sie sich dazu mit Lilienthal ab?

Mit uns gibt es da keine Abstimmungen, weil wir wenig Handhabe haben als Bremer, wenn es um niedersächsische Flächen geht. Wir können den Lilienthalern aber auch nicht sagen, wie sie sich organisieren können.

Gibt es zum Thema Park-and-Ride keine gemeinsamen Lösungen?

Soweit wir wissen, gibt es ausreichend Parkflächen für Pendler, die in die Bahn umsteigen wollen. Sollte das nicht so sein, kann man sich noch mal zusammensetzen.

In den 1980er-Jahren gab es Gelder von der Europäischen Union zur Hochlegung der Straßenbahntrassen – zuvor konnten diese vom Autoverkehr mitgenutzt werden. Ist ein Rückbau denkbar, um den Verkehr wieder fließen zu lassen?

Nein. Ganz sicherlich nicht. Es gibt zwei Gründe: Der öffentliche Nahverkehr hat einfach Vorrang vor dem Pkw-Verkehr. Wir wollen da kein Rollback. Das kann man weder politisch noch gesellschaftlich oder ökologisch vertreten, dass der ÖPNV zugunsten des Kfz-Verkehrs ausgebremst wird. Zweitens hat das wirtschaftliche Gründe, weil Gleistrassen oftmals durch Bundesmittel finanziert werden. Die lassen keine verkehrliche Durchmischung zu. Wir nehmen nicht Millionen in die Hand, um dem Kfz-Verkehr Vorrang zu geben. Wenn wir Millionen in die Hand nehmen, dann um den Straßenbahnausbau voranzutreiben.

Das Interview führte Petra Scheller.

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Zur Person

Maike Schaefer (48)

ist Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau in Bremen. Die Grünenpolitikerin ist zudem Bürgermeisterin in Bremen. Die promovierte Biologin wohnt in Vegesack, ist verheiratet und hat ein Kind.

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Zur Sache

Flutbrücke fällt im Spätsommer

Die Vorbereitungen für den Flutbrückenneubau zwischen Lilienthal und Borgfeld haben bereits begonnen. Im Sommer wird zunächst eine Spundwand neben die Straßenbahnbrücke gezogen. Im Spätsommer dann soll die alte Flutbrücke abgerissen werden. Ab diesem Zeitpunkt soll der Straßenverkehr über die Gleise gelenkt werden. Nach dem Brückenabriss könnte im Herbst mit der Pfahlgründung für das neue 115 Meter lange und 6,4 Millionen Euro teure Bauwerk begonnen werden. Täglich befahren etwa 20.000 Fahrzeuge die Brücke, vor allem Pendler aus Lilienthal, Grasberg und Worpswede. Der Neubau wird nötig, weil die Tragfähigkeit der Wümmequerung nach 90 Jahren nachgelassen hat. So musste die Brücke für den Schwerlastverkehr gesperrt werden.

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