Worpsweder Künstlerhäuser (V): 1930 entstand der Bau nach den Entwürfen des Keramikers Willi Ohler

Das Töpferhaus am Susenbarg

Worpswede. Es ist vielleicht der schönste Blick in Worpswede: vom Susenbarg den Westhang des Weyerberges mit seinen Ackerflächen hinab bis hin zu den im Dunst der Ferne verschwimmenden Schloten des Stahlwerks in Bremen - zumal, wenn man ihn im lichtdurchfluteten Esszimmer des Ohler-Hauses als Gast von Lotte Petersen bei einer Tasse Tee genießen kann. Währenddessen erzählt sie die Geschichte ihres Vaters und die des Elternhauses, das durch seinen exponierten Standort und die farbliche Gestaltung schon immer die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zog.
08.12.2010, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von GUDRUN SCABELL

Worpswede. Es ist vielleicht der schönste Blick in Worpswede: vom Susenbarg den Westhang des Weyerberges mit seinen Ackerflächen hinab bis hin zu den im Dunst der Ferne verschwimmenden Schloten des Stahlwerks in Bremen - zumal, wenn man ihn im lichtdurchfluteten Esszimmer des Ohler-Hauses als Gast von Lotte Petersen bei einer Tasse Tee genießen kann. Währenddessen erzählt sie die Geschichte ihres Vaters und die des Elternhauses, das durch seinen exponierten Standort und die farbliche Gestaltung schon immer die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zog.

Eigentlich lautet der vollständige Vorname der Gastgeberin Susanne Bernhardine Lotte. Doch selbst Lotte war noch zu lang, so dass die Familie sie einfach Lo rief. Geboren wurde Lotte Petersen im November 1923 in Bremen; sie wuchs als Tochter des Keramikers Willi Ohler und seiner Frau Anne in Worpswede auf. Ihr Vater war zu der Zeit bereits enger Mitarbeiter Bernhard Hoetgers, denn dieser hatte den Töpfer ab 1922 für die Mitarbeit in seinen "Kunsthütten" gewinnen können.

Darüber hinaus gab es eine freundschaftliche Beziehung zwischen den Künstlerkollegen, was sich in der Patenschaft des Ehepaars Hoetger gegenüber der kleinen Lotte äußerte, die seitdem von der etwas gewichtigen Bernhardine begleitet wird. Das zweistöckige Haus am Susenbarg, das heute im Farbkontrast von Ziegelrot und Blau erstrahlt, ist das Haus ihrer Kindheit. Nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin zog sie mit eigener, kleiner Familie wieder dort ein. Das ist inzwischen 50 Jahre her.

Ihr Vater Willi Ohler wurde 1888 in Hanau als Sohn des Buchdruckers Jacob Ohler geboren. In der Werkstatt des Vaters entdeckte der Heranwachsende seine Liebe zur Kunst. Die Eltern förderten diese Neigung, und so konnte er die "Königliche Zeichenakademie" in seiner Heimatstadt besuchen. Später studierte er in Berlin Malerei, Architektur und Bildhauerei. Nach Beendigung des Studiums war Ohler kurzzeitig in Neumünster in einem Architekturbüro und anschließend bei den Bremer Architekten Runge & Scotland tätig. In dieser Zeit lernte er die Weite Norddeutschlands kennen und lieben und er begegnete seiner späteren Frau, der Bremerin Anne Lilienthal. Wie sie, war auch er ein begeistertes Mitglied des "Wandervogel", einer bürgerlichen Jugendbewegung, die sich von den Fesseln der Gesellschaft und Schule und der fortschreitenden Industrialisierung mittels eines Lebenskonzeptes im Zusammenklang mit der Natur und den Idealen der Romantik zu befreien suchte.

Im Jahr 1914 unternahm der von der Kunst beseelte junge Ohler eine Italien- und Ägyptenreise, auf der ihn der Krieg quasi ein- und zurückholte. In Frankreich als Soldat eingesetzt, entstanden Zeichnungen, die das ganze Ausmaß der Zerstörung dokumentieren. Nach dem Krieg zog es den Künstler in den Odenwald, wo er schon in früheren Jahren der hessischen Bauerntöpferei begegnet war, die ihn nun nachhaltig prägen sollte: Er erlernte dieses traditionelle Handwerk einschließlich seiner überlieferten Formen und Dekore. Bereits 1922 führte ihn der Weg zurück in den Norden, nach Ostfriesland. In Jever konnten er und seine Frau wie schon im Hessischen gemeinsam eine Töpferei betreiben. Durch Ausstellungen in Oldenburg wurde Bernhardt Hoetger auf den eigenwilligen Keramiker aufmerksam; er holte ihn nach Worpswede.

Unterhalb von Hoetgers zweitem Wohnhaus übernahm Willi Ohler eine Werkstatt mit Wohnmöglichkeit für die Familie. Dort betrieb er die "Worpsweder Töpferei", deren Arbeiten ein markantes Werkzeichen trugen. Sie war die erste Werkstatt der von Hoetger gegründeten "Worpsweder Kunsthütten". Im Jahr 1926 gab Ohler seine Tätigkeit dort auf, und die Suche nach einem eigenen Arbeits- und Lebensbereich stand an. Auf einem Spaziergang über den Südwesthang des Berges, so berichtet Lotte Petersen, sei ihrem Vater das Dreiecksstück vom Acker Bauer Tietjens ins Auge gefallen. Dieses war wegen seiner spitz zulaufenden Form nicht nutzbar und lag brach.

Backsteinhaus mit Brennofen

Willi Ohler konnte es erwerben. Fürs Erste entstand dort ein kleines Backsteinhaus, das den Brennofen mit Arbeitsraum aufnahm und auch der Familie zwei Räume bot: eine Wohnküche und einen Schlafraum. Nach Westen wurde ein kleiner Anbau zum Ausstellungsraum mit "Klöndör" umgebaut. Dort präsentierte Ohler neben seinen Keramiken auch selbst entworfene Binsenmöbel. Seine Werkstatt nannte er nun "Worpsweder Töpferei Willi Ohler". Da der Brennofen große Mengen an Brikett verschlang, lieferte die Firma Broka diese regelmäßig mit einem Pferdegespann an. Heute noch erinnert sich Lotte Petersen an die Tiere, wie sie mit ihrer Last "den Berg raufschnauften". So manches Mal rupfte sie ihnen dann eine Handvoll Gras.

Bald wurde das Werkstatthaus für die Bedürfnisse der Familie zu klein, und Ohler begann, sich mit Entwürfen für ein großes Wohnhaus zu beschäftigen. Erst der dritte Entwurf sei vom Bauamt in Osterholz genehmigt worden, erzählt die Tochter. So sei in einem der Entwürfe auch eine Terrasse mit einer Säule geplant gewesen. Eine Reminiszenz an diese Säule mag die abgerundete Ecke sein, deren blauer Farbgrund mit plastischen Gebilden aus Ton geschmückt ist, die Kosmisches symbolisieren. Sie umkreisen das Lebensschiff und Allegorien der Jahreszeiten.

In dieser Art von Gestaltung kam Ohlers Affinität zur Astrologie zum Ausdruck, was sich in Zeichenhaftem oder Symbolischem äußerte. So gestaltete er den Bereich der Haustür mit farbigen Keramikplatten, auf denen Geburtsjahr und Sternenzeichen jedes einzelnen Familienmitglieds zu finden sind; immer im Zusammenhang mit den Leben spendenden Elementen Sonne und Wasser oder dem Menschen, der als Rune erscheint. Es gibt vier dieser Platten, denn 1926 wurde die Familie durch die Geburt von Lottes Bruder ergänzt. Am ebenfalls keramisch gestalteten Sims der Eingangstür ist die Jahreszahl 1930 zu lesen; es war das Jahr der Fertigstellung des Hauses.

Augenfällig am schlichten Giebelhaus ist der wie ein schlanker Schiffsbug nach Osten weisende Flügel mit Fensterfront, der das Esszimmer beherbergt. Es ist der Raum im Haus, "wo ganztägig die Sonne reinscheint"; ein Wunsch ihres Vaters, so bemerkt Lotte Petersen. Ursprünglich war dieser Flachdachbau oben mit einem Backsteinbalkon bekränzt. Heute ist er um eine Ebene aufgestockt. Ein zweiter Balkon derselben Art findet sich an der Westseite des Hauses. Die schon angesprochene Farbgebung der Außenwände war in ihrem Urzustand ein Blau, das dem heutigen Blauton nahe kommt. Dazu standen kontrastreich die Fensterrahmen in Türkis.

Den Giebel des Hauses, der heute zwei Fenster aufweist, zierte früher ein Rundbogenfenster. Dahinter verbarg sich das Atelier Willi Ohlers. Betritt man heute den Raum, spürt man den Hauch einer vergangenen Zeit, den seine farbbetupfte Malpalette, viele alte Bücher und Töpferwaren atmen. Überhaupt ist seine schöpferische Vielfalt noch im gesamten Haus präsent. Da sind nicht nur die typisch hessischen Bauerngeschirre zu sehen, sondern auch die engobierten und skulptural anmutenden Keramiken. Da begegnet man dem Maler Ohler in Landschaftsbildern, die auf seiner ersten Italienreise entstanden waren.

Und da ist der Gestalter, der aus Ton Gebrauchsdinge für die Inneneinrichtung entworfen hat: eine Garderobe und eine Heizverkleidung für den Flur, skurril und zugleich originär. Malerisch gestaltete Kacheln zieren Fensterbänke und oben, unter dem Dach, befinden sich Reste einer kreisrunden Deckenmalerei, die früher mit kosmischen Symbolen gestaltet war. Nicht erhalten geblieben sind Malereien an der Decke im Kinderzimmer, bei denen sie als Siebenjährige mitwirken durfte, erzählt Lotte Petersen. Ihr Vater habe ihr eigens dafür einen verlängerten Pinselstiel gefertigt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren viele Flüchtlinge im Haus einquartiert, die erst nach und nach auszogen. Willi Ohler kehrte Ende der 1940er-Jahre aus Stade zurück, wo er in den Jahren des Krieges eine Lehrtätigkeit am Athenäum angenommen hatte. Am Susenbarg begann er, seine Töpferei wieder zu beleben. Doch nur für kurze Zeit, denn nach der Trennung von seiner Frau verließ er das Haus und lebte bis zu seinem Tod auf dem Käseglockengrundstück.

Seit nunmehr 50 Jahren bewohnt Lotte Petersen das Haus, das die architektonische Handschrift ihres Vaters trägt. Das Werkstattgebäude vermietet sie meist an Keramiker. So war viele Jahre Gisela Meyer-Kaufmann dort mit ihrer Töpferei ansässig. Zeitweilig lebte und arbeitete auch der Teppichweber Dietz Kress dort. Heute wirkt Hannelore Casper in der eins-tigen Ohler?schen Werkstatt.

Kleine Popcornfabrik florierte

Eine besondere Ära erlebte das kleine Backsteinhaus, als der Duft von karamellisiertem Popcorn durch seine Räume zog. Die Geschäftsidee stammte vom Ehemann Lotte Petersens, die, wie sie sich erinnert, in kleinem Rahmen begann und sich zu einem "florierenden Unternehmen" mauserte. Die Popkornfabrik existierte etwa fünfzehn Jahre. Auch wenn ihre Produktion gegenüber der von Keramik aus der Art geschlagen zu sein scheint, gehört sie zur Geschichte des Hauses am Susenbarg. Am Eingang zu dessen Grundstück befinden sich drei Findlinge. Die beiden Großen verweisen mit "Ohlerhaus" und "Töpferhaus" auf die Besonderheit des Gebäudes. Der Kleine hingegen ist der originale Grabstein des Künstlers, der dem Kunsthandwerk in Worpswede wichtige Impulse gab: "Willi Ohler 18. 12. 1888 - 17. 8. 1975".

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