Datenkolumne

Hype um „Clubhouse“

Ein neuer Social-Media-Trend ist zu Beginn des Jahres aus den USA nach Deutschland geschwappt: Die Plattform „Clubhouse“ ist trotz des Hypes nicht gerade unumstritten.
30.03.2021, 15:26
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Sven Venzke-Caprarese und Dennis-Kenji Kipker

„Bist du schon bei Clubhouse?“, dürfte eine Frage gewesen sein, die viele in den vergangenen zwei Monaten gehört haben. „Clubhouse“, das ist der neueste Social-Media-Trend aus den USA, der recht kurzfristig zu Beginn dieses Jahres auch nach Deutschland kam. Dabei existiert die App eigentlich schon deutlich länger und wird in den USA schon seit Anfang 2020 benutzt. Hierzulande bekannt wurde „Clubhouse“ erst, nachdem einige Influencer in ihren Kanälen darauf hingewiesen haben.

Die App, die mittlerweile fast 100 Millionen Dollar wert sein soll und mehr als 600.000 Nutzer hat, verfolgt eigentlich ein recht einfaches Konzept, das in den meisten Sozialen Netzwerken aber eine Lücke gewesen zu sein scheint: In virtuellen Räumen, die theoretisch jeder „Clubhouse“-Nutzer eröffnen kann, können sich beliebige Menschen treffen und über das Thema ihrer Wahl gemeinsam diskutieren. Doch nicht nur diskutieren muss man, so gibt es auch „Ruhezonen“ oder Räume, in denen man Gute-Nacht-Geschichten hören kann, ganz ohne Interaktion. Der Reiz an „Clubhouse“ dürfte vor allem darin liegen, dass es möglich ist, weltweit mit neuen Leuten in ein richtiges Gespräch zu kommen, und jederzeit die Möglichkeit zu haben, sich an einer laufenden Diskussion zu beteiligen. In China beispielsweise entwickelten sich recht zügig offene Gesprächskreise zu an sich verbotenen politischen Themen wie den Studentenprotesten in Hongkong, dem schwelenden Taiwan-Konflikt oder der Verfolgung der Uiguren – mit der Folge, dass die App in China mittlerweile gesperrt ist.

Die vermeintliche Offenheit und Nähe, die die App vermittelt, kann jedoch auch trügerisch sein, da sich in den Gesprächskreisen bei „Clubhouse“ Privates und Persönliches nicht immer gut von beruflichen Aufgaben trennen lässt. Dies musste auch der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) erleben, als er in einer Runde nur allzu freimütig erzählte, bei Ministerpräsidentenkonferenzen „Candy Crush“ zu spielen und hierdurch in die öffentliche Kritik geriet. Auch wenn sich viele und vor allem jüngere Politiker zunächst bei „Clubhouse“ registrierten, kann man wohl davon ausgehen, dass dieser jüngste Vorfall zu deutlich mehr Sensibilität bei der Verwendung der App beigetragen haben dürfte.

Doch nicht nur mit Blick auf Politiker wurde in den vergangenen Wochen vermehrt Kritik an „Clubhouse“ laut: Zum einen können nur solche Menschen die App nutzen, die ein kompatibles I-Phone besitzen, da die Anwendung Google Android nicht unterstützt. Zum anderen wird die App vermehrt als ein Kanal gesehen, in dem „Fake News“, also gezielte Falschinformationen, verbreitet werden können, da die Diskussionen weitestgehend unmoderiert sind. Auch wurde bereits Kritik geäußert, dass in „Clubhouse“ rechtsextreme, rassistische und sexistische Äußerungen freien Raum genießen. Daneben wurden auch am Datenschutz der App erhebliche Zweifel geäußert, denn wenn man Freunde und Bekannte einladen möchte, mitzumachen, muss man sein ganzes Adressbuch für die App freigeben. Die Daten werden dann in die USA übermittelt. Wer also auf diese Weise Telefonnummer oder E-Mail-Adresse freigibt, muss damit rechnen, in Zukunft unliebsame Werbung zu erhalten. Hier hat „Clubhouse“ mittlerweile jedoch eingelenkt und ermöglicht es Nutzern auch, gezielte Einladungen zu verschicken. Einige der Gespräche in „Clubhouse“ werden außerdem von den App-Betreibern aufgezeichnet. Einen Ansprechpartner für Datenschutzfragen gibt es aber nicht. Zu einem ähnlich desolaten Ergebnis beim Thema Datenschutz gelangte im Februar auch die Stiftung Warentest.

Dass die App trotz aller Kritik dennoch so populär ist, dürfte neben dem Gefühl des „Neuen“ und der vermeintlichen Exklusivität durch das Aussperren der Android-Handys sowie der Teilnahme nur durch persönliche Einladung auch damit zusammenhängen, dass viele die Möglichkeit sehen, zuallererst bei etwas Neuem dabei zu sein und sich vielleicht auch möglichst rasch als Influencer mit eigener Followerschaft auf einem neuen Kommunikationsmedium zu etablieren.

Gleichgültig, wie man persönlich zu „Clubhouse“ stehen mag, ist zumindest eines klar: In kürzester Zeit hat sich ein hierzulande noch vor wenigen Wochen völlig unbekanntes Medium den Weg in den deutschen und europäischen Markt gebahnt. Zwangsläufig sind mit einem derart schnellen Aufstieg Probleme und Kritik verbunden. Ob „Clubhouse“ jedoch nachhaltig Bestand haben wird, ist fraglich, denn schon jetzt haben große Plattformkonzerne und Social-Media-Anbieter mit dem Kopieren des Konzepts angefangen. Alles auf eine Karte zu setzen, um „Clubhouse-Influencer“ zu werden, dürfte deshalb ein risikoreiches Spiel sein.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+