Ein Blick hinter die Kulissen Deichbau in Lemwerder

Bremen-Nord/Lemwerder. Drei Jahre lang wird der beliebte Radfernweg entlang der Weser zwischen dem Ochtumsperrwerk und dem Jachthafen in Lemwerder gesperrt sein. Grund ist die Erneuerung der Uferböschung.
20.08.2014, 15:00
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Deichbau in Lemwerder
Von Barbara Wenke

Drei Jahre lang wird der beliebte Radfernweg entlang der Weser zwischen dem Ochtumsperrwerk und dem Jachthafen in Lemwerder gesperrt sein. Grund ist die Erneuerung der Uferböschung. Die NORDDEUTSCHE durfte einen Blick hinter die Absperrgitter werfen.

Die beiden Bagger am linken Weserufer sehen fast aus wie zwei Elefanten, die im Gleichtakt die Rüssel schwenken. Kurz graben sie sich in den Boden zwischen Radweg und Wasserlauf, hieven eine Schaufel voll Untergrund heraus und drehen sich zur Seite, wo sie das Material fallen lassen. Mal um Mal. Wochenlang geht das nun schon so. Weitere Monate werden folgen. Im Auftrag des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) Bremen erneuert die Firma Thieling aus Stadland mit ihrem holländischen Subunternehmer Heuvelmann Ibis BV auf einer Länge von fünf Kilometern das Deckwerk der Uferböschung zwischen dem Jachthafen in Lemwerder und Hasenbüren.

Bauleiter Eduardo Perez Lozano, den Bauaufseher Claus Hauerken nur kurz Banderas nennt, steht auf der Steinschüttung unterhalb der Baustelle. Jetzt, eine Stunde vor Niedrigwasser, tritt sie deutlich zutage. Der Tidenhub beträgt an dieser Stelle rund vier Meter. Für Perez Lozano und seine Männer gilt es also, die kurze Zeitspanne rund um den niedrigsten Wasserstand zu nutzen, um auch an der untersten Stelle ein neues Deckwerk einzubauen.

Mit einer Messlatte aus Metall sticht der Bauleiter in das trübe Wasser zu seinen Füßen. Er prüft, ob der Aushub mindestens 1,2 Meter beträgt. Denn hier sollen in den nächsten Minuten eine 25 Zentimeter dicke Schicht feinen Splits, dieselbe Lage groben Splits und anschließend 70 Zentimeter Wasserbausteine eingesetzt werden.

Das alte, in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre gebaute Deckwerk war noch mit Asphalt verklebt. Dieses Material muss nun raus. Ein dritter Bagger hat die Oberfläche im Vorfeld mit einem Reißzahn eingeritzt und aufgelockert, sodass der 45 Tonnen schwere gelbe Caterpillar jetzt den groben Aushub heben kann. „Das alte Asphaltdeckwerk und der Aushubboden werden getrennt abgebaut, gelagert und abtransportiert“, erläutert der Baubevollmächtigte des WSA Bremen, Ralf-Dieter Martin, warum zwei Bagger auf engstem Raum nebeneinander arbeiten.

Anschließend geht das Material in die Wiederverwertung. Bauaufseher Claus Hauerken hangelt sich unter den Baggern hindurch und füllt mit einer Schaufel Sand und Split in unterschiedliche Eimer. Alles wird beprobt, „um sicherzugehen, dass wir nicht noch Probleme mit Schadstoffen kriegen“, erklärt Ralf-Dieter Martin. In einem Reagenzglas wartet eine durchsichtige Flüssigkeit auf das Feinmaterial. Aus jeder Baggerschaufel voll Sand strömt Wasser. Apropos Wasser: Da der Grundwasserdruck in Lemwerder sehr hoch sei, „müssen wir später unser ganzes Geschick beweisen“, schwant Hauerken. An diesem Vormittag arbeitet die Crew in Höhe der Halle 25 des Carbon-Rotec-Werkes, „ eine harmlose Situation“.

Plötzlich stößt die Baggerschaufel an einen riesigen Betonklotz. „Wir haben alle alten Pläne gewälzt“, erzählt Martin mit Blick auf den Klotz, „aber es gibt immer wieder Überraschungen. Wir haben beispielsweise eine alte Anlegestelle mit Spundwand und Pollern gefunden, die nicht mehr bekannt war.“ Sehr wohl bekannt ist hingegen, dass die Uferböschung auf einer Länge von rund 450 Metern eine sogenannte Kampfmittelverdachtsfläche ist. Martin: „Das ist uns vom Kampfmittelräumdienst genau beschrieben worden.“ Ein Feuerwerker habe an besagtem Streckenabschnitt den Aushub kontrolliert.

Die bauausführenden Firmen sind abhängig von Wind und Tide. „Wir haben zwischen 15 und 49 Meter pro Tag geschafft“, zieht Bauleiter Perez Lozano Bilanz der vergangenen Wochen. Im Durchschnitt kommen die Arbeiten täglich 30 Meter voran. „Bei einem guten Ostwind ist die Tidezeit eine Stunde länger“, erzählt Martin. Dann können die Arbeiter Boden gutmachen. Mit den Herbststürmen werde die Möglichkeit, am Fuß der Uferböschung zu arbeiten, aber auch mal einen Tag ganz wegfallen, da das Wasser sich nicht weit genug zurückziehen wird, schaut Martin voraus.

Vor der Baustelle ruht das Binnenschiff „Marinus H“. Der Schiffsführer wartet auf seinen Einsatz, dass er seine beiden unterschiedlich groben Filtermaterialien in die frisch ausgebaggerten Löcher schütten darf. „Der feine Filter hält den Boden. Der ist in Lemwerder ganz besonders, nämlich Spülsand, sogenannter Karnickelsand, der zum Auslaufen neigt“, erläutert Hauerken. Eine Schicht gröberen Granitsplits wird den feinen Filter fixieren, ehe eine dicke Auflage der großen Granitsteine folgt.

Den zehn bis 60 Kilogramm schweren Hyperit lässt die holländische Baufirma eigens aus einem Steinbruch bei Kragerö in Südnorwegen kommen. Verklebt wird dieser Stein im Gegensatz zu seinem Vorgänger nicht mehr. „Wir haben im Vorfeld intensive Wellenmessungen gemacht“, erklärt Ralf-Dieter Martin. „Die Gewichtsklasse ist so berechnet, dass die Steine lose liegen und trotzdem nicht durch die Schiffswellen weggetragen werden.“

Mittlerweile hat der 32 Tonnen schwere Dosan DX 300 LC von purer Kraft auf filigrane Arbeit umgeschaltet. Präzision ist gefragt. Eingestellt per Knopfdruck am Computer. „Das ist wie ein Videospiel“, scherzt Bauleiter Perez Lozano. Vorsichtig streicht das klobige Gefährt die feine Splitschicht zu einer schiefen Ebene nach oben. „Bei den ganz neuen Systemen braucht man nichts mehr mit der Hand zu machen“, hat Hauerken erfahren. Der Bauaufseher sieht dabei allerdings eine Gefahr in möglicherweise falschen Programmberechnungen.

Nach wenigen Minuten hat der Bagger sein schräges Werk vollendet. Jetzt prüft nicht nur Perez Lozano die Wassertiefe am unteren Rand der Baustelle, um von ihr auf die Höhe der Splitschicht zu schließen. Auch Hauerken will sichergehen, dass die untere Filterschicht ihr vorgeschriebenes Mindestmaß beträgt. Tut sie. Sie ist sogar zwei Zentimeter dicker. Der WSA-Vertreter ist zufrieden. Als nächstes folgt die Auflage aus grobem Split. „Hätten wir hier einen groben Sand oder Kies als Untergrund, wäre die erste Filterschicht überflüssig gewesen“, weiht Ralf-Dieter Martin in die Bodenkunde ein.

Mittlerweile treffen auch die nächsten 160 Tonnen Steine an der Baustelle ein. Die „Arie Cornelis“ hatte auf ihrem Weg vom Industriehafen in Bremen nach Lemwerder die Fahrt drosseln müssen, da der frische Westwind Wellen übers Deck des Schiffes trieb.

Plötzlich stürmt Claus Hauerken an den Baggern vorbei auf den Uferweg. Zwei Radfahrer, Vater und Tochter, haben sich von Ochtum her kommend durch die Absperrungen gemogelt. Hauerken schickt sie zurück.„Die Umleitungsschilder könnten größer sein“, seufzt Ralf-Dieter Martin. Täglich würden bis zu zehn Radler die Umleitungszeichen übersehen oder einfach ignorieren.

Die Nutzer der Radfernwege müssen sich noch für weitere zwei Jahre auf einen Umweg über die Ortschaften Altenesch und Deichshausen einstellen. Obwohl die Baustelle weseraufwärts wandert, wird der Uferweg fast über den kompletten Zeitraum gesperrt sein. Schließlich geht es nicht nur darum, die Böschung zu erneuern, sondern auch darum, den Uferweg um einen halben Meter anzuheben, und deshalb den Übergang zum Deich neu zu gestalten. Das braucht seine Zeit.

So wird die Steinböschung vermutlich bereits erste zarte Grünpflanzen beherbergen, wenn die Radler die Strecke ab 2017 wieder offiziell in Beschlag nehmen dürfen. Drei sogenannte Vegetationsinseln lässt das WSA pro Kilometer in die Böschung einbauen, um dem Pflanzenwuchs Starthilfe zu geben.

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