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Computer-Spiel soll jungen Arbeitslosen helfen – schon bei der Entwicklung und demnächst in der Anwendung
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Aus der virtuellen in die reale Welt zurück

Ute Winsemann 27.08.2014 0 Kommentare

Pilotprojekt: Junge Arbeitslose entwickeln Computerspiel
Gemeinsam mit den jungen Teilnehmern stellte Torben Wallbaum (hinten) vom Institut Offis das selbst entwickelte Computerspiel „Work Star“ vor. Es soll jungen Jobcenter-Kunden beim Weg in die Arbeitswelt helfen. (Janina Rahn)

Die einen lassen ihren Termin gleich ganz sausen. Die anderen kommen zwar, sind aber völlig übermüdet, weil sie die halbe Nacht am Computer gedaddelt haben, und lassen auch während des Gesprächs Augen und Finger kaum vom Smartphone. Derartige Erfahrungen machen die Berater des Jobcenters im Landkreis Oldenburg immer wieder mit einigen ihrer Kunden. So viel Ausdauer manche junge Hartz-IV-Bezieher dabei zeigen, sich von einem virtuellen Level auf den nächsten zu klicken und sich im Spiel auch von Rückschlägen eher anspornen als entmutigen zu lassen, so wenig Motivation und Energie haben sie, ihr reales Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Statt daran zu verzweifeln, ist daraus eine Idee entstanden, die der Zielgruppe gleich doppelt helfen soll. In einem Pilotprojekt haben junge Arbeitslose, technisch und inhaltlich angeleitet von Fachleuten des Oldenburger Informatik-Instituts Offis und pädagogisch betreut von Kräften der Ländlichen Erwachsenenbildung, ein Computerspiel erfunden und bis zur Anwendungsreife programmiert und dabei wertvolle Erfahrungen gesammelt. Dieses Spiel wiederum soll Gleichaltrigen in ähnlichen Situationen Wege zum Job aufzeigen.

Und zwar ganz real. Während viele Computer-Anwendungen die Spieler in einer virtuellen Welt versinken lassen, funktioniert das am Dienstag in Oldenburg vorgestellte „Work Star“ sozusagen umgekehrt. Es dockt an typische Muster aus der Spiele-Welt und damit an Vorlieben und Horizont der Nutzer an. So kann man zu Beginn eine erfundene Identität mit Merkmalen ausstatten, von Frisur, Gesichtsausdruck oder Kleidung bis zu Fähigkeiten – etwa Kreativität, Charisma, Genauigkeit oder Allgemeinbildung – und Interessen – wie Musik, Lesen oder Sport. Diese Charaktere müssen dann sogenannte Quests bewältigen, für die es Belohnungen gibt, die, ganz im Sinn der Spiel-Systematik, beispielsweise die nächste Stufe erleichtern.

Die Aufgaben sind aber auch der Trick, die Spieler in die reale Welt zurückzulocken. Denn viele Hilfsmittel und Lösungen finden sich nur dort, zum Beispiel wenn ein Spieler ein Unternehmen besucht und dort etwas erfährt, was ihn weiterbringt – im Spiel, vielleicht aber auch im Leben. So seien etwa alle Beschreibungen von Berufen in den jeweiligen Unternehmen – eingearbeitet seien bislang rund 80 aus der Stadt und dem Landkreis Oldenburg – ebenso echt wie die aktuellen Stellenangebote, sagte Torben Wallbaum von Offis.

Das Prinzip, die virtuelle und die reale Welt zu verbinden, gebe es gelegentlich auch schon in anderen Bereichen, erklärte er. Beim Geocaching, der modernen Form der Schnitzeljagd, führt etwa die Lösung von Computer-Aufgaben zu echten „Schätzen“. Doch im Themenbereich Arbeitswelt sei die Kombination neu.

Deswegen ist das Jobcenter auch gespannt auf die weitere Umsetzung. Die solle eine Kollegin in die Hand nehmen, die im Oktober aus der Elternzeit zurückgeht, kündigte Sabine Behrens, Leiterin der Arbeitsmarktintegration, an. Schließlich reicht es nicht, das Spiel zu haben, es muss ständig auf dem aktuellem Stand gehalten werden. Sie hoffe, dass das neue Instrument spätestens ab Januar einsatzbereit sei. Unter anderem müsse auch noch der Datenschutz geklärt werden.

Doch wenn alles soweit ist, könnten junge Arbeitslose statt einer Einladung zum Termin dann eine Spielaufforderung bekommen. Auch wenn das Jobcenter eine Behörde sei, seien solche ungewöhnlichen Wege drin, unterstrich Behrens: „Wir haben die Freiheit zu entscheiden, wie wir die Kontakte mit unseren Kunden gestalten.“ Das Spiel ist sogar so programmiert, dass einzelne Aufgaben gezielt einzelnen Spielern zugewiesen werden können. Im Grunde passiert also dasselbe, wie wenn ein Berater bisher zu jemand sagte „Schreiben Sie mal eine Bewerbung“ – nur dass die Kommunikationsform eine andere ist.

Ob die Kundschaft sich auch darauf einlässt, mag noch niemand prophezeien, es ist eben ein Pilotprojekt. Den Versuch, auf diese Weise an die sonst schwer zu erreichende Klientel heranzukommen, sei es aber allemal wert, meinte Sabine Behrens.

Auch noch etwas vage blieb bei der Abschlusspräsentation, bei der einige der jungen Leute erstmals ein Projekt vor fremden Leuten vorstellten, die Wirkung auf die Spiele-Macher selbst. In zwei Durchgängen hatten sie sich sozusagen ebenfalls in mehreren Levels an Anforderungen wie regelmäßige Anwesenheit und verlässliche Aufgabenerledigung herangetastet: In den ersten drei Monaten mussten sie drei Tage pro Woche kommen, dann drei Monate lang vier Tage und schließlich drei Monate lang fünf Tage mit einem Gesamtumfang von 30 Stunden pro Woche.

„Einige gehen demnächst wieder zur Schule“, berichtete Teilnehmerin Rike Kuper. Sie selbst habe zumindest für sich herausgefunden, dass Grafik-Design, das ihr bislang vorschwebte, wohl doch nicht das Richtige sei.

Das ist es auch für Simon Hartung nicht. Das Projekt hat ihm trotzdem eine Perspektive beschert, berichtete der Teilnehmer des ersten Durchgangs. „Das war die erste Maßnahme, in der ich so genommen wurde, wie ich bin, wo ich nicht angepampt wurde, wo man mit meinen Macken klargekommen ist“, sagte er – und er hat mit seinen knapp 24 Jahren schon diverse Erfahrungen in dieser Hinsicht gesammelt. Ab September kommt eine ganz andere hinzu, wie er mit sichtlichem Stolz verkündete: Er macht eine Ausbildung zum Fachlagerist. Das hat zwar vordergründig nichts mit dem Computer-Spiel zu tun. Aber erst dieses Projekt habe ihm das Selbstbewusstsein verliehen, es schaffen zu können.


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Leserkommentare
Bevenser am 22.10.2019 17:47
Man muss sich nicht künstlich blöd stellen. Wie es geht sieht man z.B. in Österreich - und nicht nur da.
peteris am 22.10.2019 17:39
Werden diese Menschen "losgelassen", dann gibt es erst wieder einen Stop in Deutschland.

Bereiten" wir " uns schon einmal darauf vor. ...