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Die Bildungsburg

Andreas D. Becker 10.08.2018 0 Kommentare

Keine Ziffern, ohne großere Schnörkel kommt die Uhr daher, die oben über allem thront.
Keine Ziffern, ohne großere Schnörkel kommt die Uhr daher, die oben über allem thront. (INGO MÖLLERS)

Wie eine Burg erhebt sich der massive Baukörper am Fuße des Autobahndamms. Der dunkelrote Klinker verstärkt den Eindruck noch. Links und rechts stehen die Türme da, uneinnehmbar wirken sie, eine Bildungsburg mitten in Düsternort. Das bunte Schild über dem früheren Haupteingang, der heutzutage nicht mehr genutzt wird, passt nicht ganz ins Bild, so kunterbunt wie es ist: Astrid-Lindgren-Schule steht darauf.

Diese monumentale Bauweise war typisch für die Zeit. Gebaut wurde die Schule 1930, schreibt Andreas Tensfeldt, Fachbereichsleiter Gebäudemanagement bei der Stadt, in dem Nachschlagewerk „Baudenkmäler im Oldenburger Land“, das die Oldenburgische Landschaft herausgegeben hat. 311 000 Reichsmark soll der Bau gekostet haben. Weiter heißt es in dem Baudenkmal-Führer: „Die neue Schule sollte sich bewusst von den bisherigen Bautraditionen absetzen und gilt als schönstes Bauwerk im Stil der Neuen Sachlichkeit in Delmenhorst.“ Wobei die Neue Sachlichkeit der Weimarer Republik bei Weitem nicht so trocken und uninspiriert wirkt wie die traurige Beton-Sachlichkeit der 1970er-Jahre, als beispielsweise die großen Schulzentren in der Stadt entstanden.

Verspielte Details

Die Astrid-Lindgren-Schule, die bei ihrer Gründung Südschule hieß, wirkt sogar in ihren Details verspielt. Da sind die großen Fensterelemente auf der Rückseite, die aus zahlreichen kleinen rechteckigen Einzelfenstern bestehen. Würde heute niemand mehr so bauen. Zu aufwendig. Zu teuer. Auch heute noch. Es ist mittlerweile gar nicht mehr so einfach, sagt Robert Wilkens, bei der Stadtverwaltung auch für die Bauunterhaltung der Düsternorter Grundschule zuständig. Auch in den blauen Türen sind kleine Fenster eingearbeitet, die anscheinend immer wieder Jugendliche zu Vandalismus einladen. Auch sie klein – und aufwendig zu reparieren. Aber schön. „Am Umkleidetrakt war zwischenzeitlich eine einfache graue Stahltür eingebaut worden“, erzählt Wilkens. Den Fehler hat die Verwaltung mittlerweile behoben.

Ein weiteres hübsches Detail sind die auf eine Natursteinmauer gesetzten Pergolen aus Klinkern an der Vorderseite des Gebäudes, die den burghaften Charakter noch verstärken. „Ungewöhnlich ist die Anordnung der Turnhalle“, schreibt Tensfeldt. „Diese wurde auf der Rückseite des Gebäudes mittig in den Baukörper integriert.“ Der restliche Baukörper ist im dritten Stock etwas zurückgezogen, sodass das Hallendach wie eine Dachterrasse genutzt werden kann. Die Turnhalle war, wie sich später herausstellte, ein Luxus, es war die einzige, die die Stadt zwischen 1918 und 1939 gebaut hatte. In den 50er-Jahren herrschte dann Turnhallenmangel, die Kinder der benachbarten Schule Am Grünen Kamp mussten einen Teil ihres Sportunterrichts im Treppenhaus absolvieren.

Über allem thront – wie auch auf der Gebäudevorderseite – eine nüchtern schlicht schön gestaltete Uhr, die früher, als die Bäume noch kleiner waren, von fast überall auf dem geräumigen und ziemlich grünen Schulhof zu sehen gewesen sein dürfte. Der in den 1950er-Jahren errichtete Nebentrakt der Schule ist zumindest so dezent gestaltet, dass er die Wirkung des majestätischen Hauptgebäudes nicht beeinträchtigt.

Dass die Schule in der Zeit der Weimarer Republik gebaut wurde, lag daran, dass Delmenhorst wuchs. Ur-Düsternort mit seinen typischen Siedlungshäusern, das heute südlich der Autobahn 28 liegt, entstand. Mit den dort hinziehenden Familien war auch der Bedarf für eine Schule vorhanden. Am 16. November 1931 wurde an der Südschule zum ersten Mal unterrichtet, erst mal bis Februar 1945. Damals wurde das Gebäude dann umfunktioniert, und zwar in ein Lazarett, bis August 1946 wurden Verwundete des Zweiten Weltkriegs dort versorgt. Auf der Homepage der Astrid-Lindgren-Schule steht zur Geschichte der Schule noch: „Kurz vor Kriegsende wurde das Gebäude von zwei Granaten getroffen und beschädigt. In der ,Lazarett-Zeit‘ fand der Unterricht für die Kinder des Stadtteils an den beiden Zweigschulen statt.“ Damit waren die Hermann-Allmers-Schule und die Schule Am Grünen Kamp gemeint. „Ab dem 12. August 1946 fand der Unterricht dann wieder regulär an der Schule Düsternort statt“, heißt weiter in der kleinen Schulchronik.

In den 50er-Jahren wiederholte sich dann die Geschichte aus der Weimarer Republik, Düsternort wuchs. Dieses Mal aber in dem Gebiet, das heute nördlich der Autobahn liegt. Dort entstanden zahlreiche Wohnblocks, um die große Zahl von Geflüchteten in der Stadt unterzubringen. Entsprechend wuchs auch die Zahl der Kinder. 1954 war die Südschule nach der Parkschule die zweitgrößte Schule Delmenhorsts. 653 Kinder in 17 Klassen (bab14 Klassenräumen) wurden dort unterrichtet. 1956 bahnte sich dann an, dass die Südschule vom nördlichen Stadtteil abgeschnitten sein würde, weil die Bauarbeiten der Umgehungsstraße, der heutigen Autobahn, begannen. Schon damals war der fünf Meter hohe Damm geplant, der in seiner Krone 18 Meter breit werden sollte, um Platz für vier Fahrbahnen zu bieten. „Mit dem Beginn der Arbeiten wird bis zur Fertigstellung des Teilstücks die Verbindung der Breslauer, Düsternort-, Königsberger und Jägerstraße zur Stadtmitte unterbrochen. Es muß auch eine Verbindung zur Südschule geschaffen werden“, schrieb der WESER-KURIER am 27. September 1956.

1957 schließlich beschloss der Schulausschuss, die Südschule zu vergrößern. „Sie soll zu einer 16-klassigen Schule erweitert werden. Ab Ostern 1957 wird die Schule 19 Klassen mit 675 Schülern und Schülerinnen haben. Es muß damit gerechnet werden, daß die Schülerzahl weiter ansteigt, da die Bautätigkeit in Düsternort noch nicht abgeschlossen ist“, heißt es im WESER-KURIER vom 27. März 1957. 225 000 Mark veranschlagte die Verwaltung damals für den geplanten Erweiterungsbau inklusive Werkraum.

Anfang der 80er-Jahre kam die Diskussion auf, Schüler aus Adelheide an die damalige Overbergschule zu schicken. So hieß die Schule seit 1975, nachdem mit Einführung der Orientierungsstufen die Grundschulen der Stadt neu gegliedert wurden. An der Südstraße gab es dann eine Zusammenfassung der katholischen Overbergschule, eben der Südschule und Teilen der Schule an der Königsberger Straße zu einer dreizügigen Grundschule. Die rein rechnerisch zu klein für das gesamte Gebäude war, rein praktisch nicht. Aufgrund des hohen Ausländeranteils standen der Schule auch mehr Lehrerstunden zu, die für Förderunterricht genutzt wurde, weshalb die Schule auch mehr Räume benötigte. Der von der Politik konstatierte Raumüberschuss existierte de facto also gar nicht. Hinter vorgehaltener Hand ging es wohl bei den Plänen mit den Adelheider Schülern vor allem darum, den Anteil an ausländischen Schülern zu minimieren. v1991 wurde die Schule in Astrid-Lindgren-Schule umbenannt, übrigens eine von 194 in Deutschland, wie die Internetseite efraimstochter.de aufzählt. 1993 wurde schließlich der Förderverein der Schule gegründet. Und 1999 verabschiedete die Schule ihr Integrationskonzept „Lernen unter einem Dach“, bei dem die Individualität der Kinder im Vordergrund steht. Denn die Astrid-Lindgren-Schule war schon immer eine bunte, internationale Schule in einer kulturell vielfältigen Nachbarschaft.

Zur Sache

Neue Sachlichkeit

Im Kontrast zum oft überbordenden Expressionismus entwickelte sich in Deutschland in der Mitte der 1920er-Jahre die Neue Sachlichkeit, ein Stil, der alle Kunstrichtungen erfasste. In Film und Literatur nahmen sich Regisseure und Autoren nun realistischen und sozialkritischen Themen an, die Wirklichkeit sollte schlicht so abgebildet werden, wie sie ist. Berühmte Werke sind der proletarische Film „Kuhle Wampe“ von Slatan Dudow und Bertolt Brecht, Erich Kästners Roman „Fabian“. In der bildenden Kunst gelten als wichtige Vertreter Otto Dix und George Grosz, in der Fotografie unter anderem August Sander, dessen Portraits auch schon in einer großen Einzelschau im Haus Coburg ausgestellt wurden.

In der Architektur ging es um zeitgemäßes, zweckmäßiges Bauen, in einfachsten, sachlichen Formen, wobei große Fenster viel Licht einlassen sollten, was an der Astrid-Lindgren-Schule auch hervorragend gelang. Später wurde diese Art der Architektur auch Bauhaus genannt, insgesamt sprach man bei der Abkehr vom Expressionismus auch vom neuen Bauen.

Neu war die Sachlichkeit der Weimarer Republik, weil es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Kaiserreich eine Gegenbewegung zum Jugendstil gegeben hatte, die mit klaren, sachlichen Formen arbeitete. Die Künstler hinter dieser Idee vereinigten sich unter anderem im Werkbund. Die dort propagierte moderne Gestaltung spielte unter anderem in den Entwürfen des Delmenhorster Linoleums eine große Rolle.


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Leserkommentare
suziwolf am 21.10.2019 12:01
Warum dieser einfache Hinweis
auf www.spiegel.de
[ ,auf Erweiterung der Information‘ ]
mit „👎“ bewertet wird,
erklärt sich ...
peteris am 21.10.2019 12:00
Bundesaußenminister
Maas: Türkische Offensive nicht mit Völkerrecht im Einklang.

Für "Diktatoren" wie Putin,Erdogan usw. gibt es ...