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Die Ungeduld ist ihr Antrieb

Annika Lütje 09.10.2019 0 Kommentare

Heidelies Iden wurde zwar feierlich aus ihrem Amt verabschiedet, möchte aber weiterhin in der Lebenshilfe aktiv bleiben.
Heidelies Iden wurde zwar feierlich aus ihrem Amt verabschiedet, möchte aber weiterhin in der Lebenshilfe aktiv bleiben. (Ingo Möllers)

Heidelies Idens Tochter Anne-Katrin wurde genau so alt, wie es ihren Eltern vorhergesagt wurde: 19 Jahre. Das mehrfach behinderte Mädchen schlief eines nachts während einer Wochenendfreizeit für immer ein. Für ihre Mutter war ihr Leben 19 Jahre des Wachsens, des Kämpfens, des Lernens und des Engagements. Dank ihrer Tochter wurde sie die Vorsitzende der Lebenshilfe Delmenhorst und Landkreis Oldenburg. Doch nun legte sie ihr Amt nieder. Allerdings versprach sie bei der feierlichen Verabschiedung: Es sei nur ein Amt, das sie ablegt. Sie bleibe weiterhin aktiv.

Anne-Katrin wurde 1971 geboren. „Mir war klar, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie war so seltsam bewegungsarm. Aber als Mutter war ich hin- und hergerissen zwischen sehen können und nicht glauben können“, erinnert sich Iden. Erst ein paar Tage nach der Geburt sprachen auch die Ärzte offen aus, dass Anne-Katrin geistig und körperlich behindert war.

Das kleine Mädchen kam in die Kinderklinik in Bremen. „Die Ärzte waren damals nicht gerade sensibel. 1971 wurden Behinderungen noch als Krankheit angesehen“, erzählt Iden. Behinderte Menschen wurden damals in großen Einrichtungen untergebracht, abseits des normalen Lebens. „Sie wurden geduldet und unsichtbar gemacht. Und ihnen wurde Mitleid, Ausgrenzung und Bevormundung zuteil“, berichtet die 74-Jährige. Sie selbst hat damals zu hören gekriegt, dass ihr Kind mal lieber nicht hätte geboren werden sollen.

In Münster kam Iden mit ihrer Tochter in einem Mutter-Kind-Zentrum für Kinder mit Behinderung unter. Dort wurden ihr Übungen gezeigt, die sie mit Anne-Katrin zu Hause machen sollte. Danach fuhren sie regelmäßig für Therapien, Krankengymnastik und Logopädie nach Bremen. „Unser Alltag war stark von Therapien geprägt“, sagt Iden.

Keine eindeutige Diagnose

Welche Behinderung ihre Tochter genau hatte, wurde nie richtig geklärt. Doch Iden wurde wieder schwanger. Wegen der anstehenden Geburt der zweiten Tochter Ann-Kristin wagten sie einen zweiten Versuch einer Diagnose. „Natürlich haben wir uns Sorgen gemacht, was mit dem zweiten Kind ist – ob es das selbe wie Anne-Katrin hat“, sagt Iden. Doch auch in der Klinik in Mainz gab es keine Diagnose, allenfalls die Vermutung auf eine Stoffwechselkrankheit. „Wir haben uns dann von der Suche nach einer Diagnose komplett gelöst und unser zweites, und übrigens kerngesundes Kind bekommen“, erzählt Iden.

Doch Anne-Katrins Therapien gingen weiter – und belasteten das Familienleben. „Sie haben lange die emotionale Bindung zu unserem Kind überlagert“, sagt Iden rückblickend und ergänzt: „Als unsere Tochter acht oder neun war, haben wir alle Therapien von heute auf morgen abgebrochen. Das war ein echter Befreiungsschlag – auch für Anne-Katrin. Sie hatte auch keinen Bock mehr. Bei der Logopädie hat sie irgendwann gar nicht mehr gesprochen.“

Das eigene Kind zu nehmen, wie es ist, und zu sehen, was es kann – das war ein wichtiger Schritt für Iden und ihren Mann. Denn ihre Tochter konnte ja so viel: „Sie konnte Drei-Wort-Sätze sprechen, selbst essen und auf die Toilette gehen. Sie war ein sehr fröhliches und kommunikatives Kind und liebte es, unter Menschen zu sein. Sicher: Dass sie überhaupt entgegen der Prognosen gelernt hatte, mit Unterstützung zu laufen, war auch ein Erfolg der Therapien. Ich will die nicht verteufeln – im Gegenteil, sie stehen behinderten Kindern ja auch zu. Aber es war irgendwann genug.“

Die Idens wollten einfach ein normales Familienleben leben. „Und das haben wir auch geschafft. Wir waren eingebunden in ein gutes Umfeld und haben Anne-Katrin überallhin mitgenommen“, sagt Iden. Urlaub in den Bergen? Das war für die Familie auch mit Rollstuhl kein Problem. Iden hat auch immer gearbeitet – als Lehrerin. „Ich habe mir aber auch immer die Hilfe geholt, die ich brauchte. Wir hatten eine Putzfrau und eine Kinderfrau. Und die Oma hat ganz viel geholfen“, erzählt sie. Auch bei anderen betroffenen Eltern fand die Familie Unterstützung. Sie gründeten eine Selbsthilfegruppe. Anfangs ging es darum, sich gegenseitig Mut zu machen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Freizeit zu verbringen. Doch je älter die Kinder wurden, desto konkreter wurden auch die Probleme und Fragen bezüglich der Zukunft ihres Nachwuchses.

Nach dem Besuch des heilpädagogischen Kindergartens der Lebenhilfe in Delmenhorst kam Anne-Katrin 1976 in die neu eröffnete Tagesbildungsstätte der Lebenshilfe, die heutige Katenkamp-Schule in Ganderkesee. Doch wie sollte beispielsweise später das Leben der Tochter aussehen, wenn sie alt genug zum Ausziehen sein würde? Sie sollte ein möglichst selbstständiges Leben führen und nicht in einer großen Einrichtung, abgeschottet vom Rest der Gesellschaft unterkommen. Deshalb gründeten die Eltern 1980 in einem Delmenhorster Reihenhaus eine Wohngruppe für vier Bewohner. Das Thema Wohnen wurde Idens Steckenpferd.

Doch mit der Zeit entwickelten sich die Vorstellungen und Ziele der Eltern in der Selbsthilfegruppe auseinander. Der Kampf mit Politikern und Verantwortlichen vor Ort war auf Dauer zermürbend. „Und als Selbsthilfegruppe wurde man nicht so ernst genommen“, sagt Iden und fügt hinzu: „Ich war mir sicher, dass man für den Kampf um ein selbstbestimmtes Leben für die Behinderten einen starken Verband im Rücken brauchte.“ Und so wurde sie 1986 Mitglied in der Lebenshilfe.

Iden wurde sehr aktiv. Sie hatte Ziele vor Augen, die sie unbedingt erreichen wollte. „Dabei war mir meine eigene Person gar nicht wichtig, andere waren mir wichtiger. Ich bin pragmatisch und sehr ungeduldig. Gewisse Zwänge und Abläufe, die einzuhalten sind, interessieren mich nicht. Ich sehe nur das, was getan werden muss, und mache das, was dazu nötig ist“, beschreibt sie sich.

Schon kurz nach ihrem Beitritt bei der Lebenshilfe „ging mir alles nicht schnell genug“. Der alte Vorstand wurde abgewählt, sie selbst trat an. „Werner Pophanken sollte dann zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt werden, aber der wollte eine Frau auf dem Posten haben. Und so wurde ich es“, erzählt sie. Vor vier Jahren wurde sie dann Vorsitzende.

Über zehn Jahre war sie im Gesamtvorstand des Landesverbandes der Lebenshilfe, mehr als 20 Jahre im Fachausschuss Wohnen des Verbandes. Zudem ist Iden im Kreisbehindertenrat des Landkreises. Sie hat die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für ihre besonderen Leistungen in der Lebenshilfe und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband erhalten sowie die Goldene Ehrennadel der Bundesvereinigung Lebenshilfe.

Wahrscheinlich war es ihre Ungeduld, die ihr ihre Verdienste beschert hat. „Ich habe mir auch oft eine blutige Nase geholt. Aber das was wir erreicht haben, gibt mir Recht“, sagt sie. Das lässt sie aber nicht etwa innehalten. Sie möchte weiterkämpfen. Denn „die Beeinträchtigungen der Behinderten sind weniger auf ihre Behinderungen selbst zurückzuführen, sondern vielmehr auf die Barrieren und Ausgrenzungen in der Gesellschaft“, sagt sie.


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Leserkommentare
cklammer am 23.10.2019 09:05
Na, wir wissen ja, wie das geht: etwas gleichartiges wird ja am Weserstadion schon beim jedem Heimspiel von Werder umgesetzt.

Da wird ...
oharena am 23.10.2019 09:04
wen soll man jetzt mehr "lieben" - die Polizei, de Anschläge verhindert hat - oder die "lieben" Terroristen, die keine Anschläge verübt haben?