Wetter: wolkig, 7 bis 15 °C
Jüdische Gemeinde in Delmenhorst
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

„Eine neue Gefahrenlage“

Andreas Becker 10.10.2019 0 Kommentare

Mit einem hohen Zaun und einer Videokamera wird der Zugang zur Delmenhorster Synagoge geschützt. Nach dem Anschlag in Halle am Mittwoch hatte die Polizei zum Schutz der Gemeinde zu den Jom-Kippur-Feierlichkeiten zudem das erste Mal seit Gründung der
Mit einem hohen Zaun und einer Videokamera wird der Zugang zur Delmenhorster Synagoge geschützt. Nach dem Anschlag in Halle am Mittwoch hatte die Polizei zum Schutz der Gemeinde zu den Jom-Kippur-Feierlichkeiten zudem das erste Mal seit Gründung der Jüdischen Gemeinde Delmenhorst Beamte an dem Gebäude postiert. (Ingo Möllers)

Die Gemeinde hatte ihre Feierlichkeiten gerade unterbrochen, als Pedro Benjamin Becerra die Nachricht erhielt. Der 27-jährige Stephan B. hatte in Halle zwei Menschen getötet. Es war der Amoklauf eines Rechtsextremisten, der geplant hatte, an Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, dem höchsten jüdischen Feiertag, in die Synagoge zu stürmen und ein Blutbad anzurichten. Darauf deutet nach aktuellem Wissensstand alles hin. „Es ist das passiert, worauf wir als jüdische Gemeinschaft in Deutschland schon die ganze Zeit hingewiesen haben“, sagt Becerra einen Tag danach. Vielleicht reagierte die Gemeinde, wie er es beschreibt, auch deswegen recht gefasst, als sie sich um 17 Uhr wieder in der Synagoge an der Louisenstraße traf, um den Feiertag weiter zu begehen. Weil alle irgendwie erwartet und befürchtet haben, dass das Unvermeidliche, das in ihren Augen so Offensichtliche, irgendwann geschehen müsste.

Kurz nachdem Becerra, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Delmenhorst, die Nachrichten aus Halle erhalten hatte, meldete sich die Polizei bei ihm. „Sie haben mir mitgeteilt, dass wir ab 17 Uhr, wenn wir unsere Feierlichkeiten fortsetzen würden, Polizeischutz bekommen.“ Seit 21 Jahren, seit Gründung der Gemeinde also, hatte es das noch nicht gegeben. Das, was in Großstädten mittlerweile Usus ist, gab es nun auch in Delmenhorst. „Wir haben deswegen eine Telefonkette in der Gemeinde gestartet, um alle Mitglieder zu informieren, damit keiner beunruhigt wird, wenn er zur Synagoge zurückkehrt.“

Mehr zum Thema
Anschlag in Halle: Antisemit und selbsterklärter „Verlierer“: der Attentäter Stephan B.
Anschlag in Halle
Antisemit und selbsterklärter „Verlierer“: der Attentäter Stephan B.

Er hasst Juden und wollte ursprünglich eine Moschee angreifen: Der Attentäter von Halle versuchte ...

 mehr »

Becerra spricht von einer „ganz neuen Gefahrenlage“, die in der Bundesrepublik oder vielmehr in Europa entstanden sei. „Wir haben es wahrscheinlich mit Neonazi-Schläfern zu tun, die jetzt aufstehen und losgehen. Das ist erschreckend.“ Er erwarte eine Antwort des Staates. Die Jüdische Gemeinschaft habe vor den Gefahren gewarnt, aber die Konzepte müssten jetzt Polizei und andere staatliche Akteure erstellen. In Delmenhorst ist der Zugang zur Synagoge abgezäunt, die Tür ist stets verschlossen. „Bei uns kann auch niemand einfach so eindringen“, sagt Becerra. Das hat in Halle wahrscheinlich viele Menschenleben gerettet. „Wenn der Täter in die Synagoge hätte eindringen können, wäre es zur Katastrophe gekommen. Darin waren 60 Menschen versammelt.“ Er mag sich gar nicht ausmalen, wie viele Menschen dann wahrscheinlich hätten sterben müssen.

Dass es zu solchen Taten kommt, hängt Becerras Meinung nach ganz wesentlich mit einem neuen politischen Klima in Deutschland zusammen, massiv befeuert vor allem von der AfD. „Ich habe schon oft gehört: Die AfD-Leute in Delmenhorst sind anders. Die Meinung kann ich nicht teilen“, sagt Becerra, der erwartet, dass sich die Stadtratsfraktion auch öffentlich gegen Aussagen, die aus der Bundespartei oder vor allem den ostdeutschen Landesverbänden der AfD kommen, positioniert. So etwas sei bisher ausgeblieben. „Warum erfolgt da politisch keine klare Abgrenzung?“

Rechtsextreme Tendenzen in der Delmenhorster AfD

Der Fall des Ratsherren Rainer Kutz zeige, dass es scheinbar rechtsextreme Tendenzen auch in der Delmenhorster AfD gebe. Wie berichtet, war Kutz massiv in die Kritik geraten, nachdem er bei einem Heimspiel des SV Atlas Delmenhorst mit einem Hoodie der als rechts geltenden „Borussenfront“ aufgetaucht war. Kutz sagte öffentlich, dass alles ein Versehen gewesen sei. „Ich frage mich: Wenn jemand so etwas trägt, was er dann für Gedanken in seinem Kopf hat“, meint dagegen Becerra, der sich offensichtlich nicht vorstellen kann, dass Kutz tatsächlich komplett ahnungslos den kritisierten Pullover übergezogen hat. Kutz verließ nach der öffentlichen Kritik die AfD und auch die Stadtratsfraktion, zudem sagte er auf Nachfrage mehrerer Medien, dass er sein Ratsmandat niederlegen werde. Was er bislang nicht getan hat. Zumindest hieß es seitens der Stadtverwaltung dazu am Dienstag, dass man von dem Kutz-Rückzug keine Kenntnis habe.

Allerdings hat AfD-Ratsherr Lothar Mandalka, der in der Vorwoche nach der Kutz-Affäre sein Amt als Fraktionsvorsitzender niedergelegt hat, am Donnerstag auf der AfD-Delmenhorst-Seite bei Facebook unter anderem einen Post geteilt, auf dem es heißt: „Wir stehen zu unseren jüdischen Mitbürgern.“ Und auch zu einem Artikel der Westdeutschen Zeitung bezog er Stellung. Der Zeitungsartikel war überschrieben mit: „Jüdische Gemeinde Düsseldorf gibt AfD Mitschuld an tödlichen Schüssen“. Mandalka antwortete: „Darauf haben wir nur gewartet, dass man der AfD die Tat unterschieben will. Genauso irrsinnig ist zu behaupten, dass unsere Regierung dahinter steckt, weil sie Beweise für die rechte Gesinnung der AfD braucht. Nochmal für alle, die noch geistig auf der Höhe sind, die AfD hat mit rechten Straftaten nichts zu tun und verurteilt diese aufs Schärfste.“

Mehr zum Thema
Interview mit Henryk M. Broder: „Antisemitismus ist nicht heilbar“
Interview mit Henryk M. Broder
„Antisemitismus ist nicht heilbar“

Der jüdische Publizist Henryk M. Broder findet, die klassische deutsche Definition von Judenhass - ...

 mehr »

Auch Oberbürgermeister Axel Jahnz äußerte sich aus dem Urlaub heraus zu den Taten von Halle. „Die Demokratie muss sicherlich einiges aushalten – aber nicht Gewalt und Terror. Wir müssen mit Blick auf die rechtsextreme Szene nun alle Chancen nutzen, die uns die Demokratie bietet“, sagte Jahnz. Vor dem Hintergrund des Attentats meinte er, dass es dringend an der Zeit sei, unter anderem erneut über ein NPD-Verbot nachzudenken. „Das würde es erleichtern, an die Szene heranzukommen.“ Vor allem auch über die sozialen Medien, die einen nicht unerheblichen Anteil an dem hätten, was nun gerade passiert sei. „Und auch wenn ich einen Faschisten wie Björn Höcke, den Sprecher der thüringischen AfD, sehe, müssen wir dem deutlich entgegentreten.“ Laut Jahnz sei es an der Zeit, die Rechtsextremen in der AfD zu enttarnen, um den Wählern zu zeigen, dass es sich bei der Partei eben nicht um eine Alternative für Deutschland handele.

Was in Deutschland wieder möglich ist

Norbert Boese, Vorsitzender des Freundes- und Förderkreises der Jüdischen Gemeinde Delmenhorst, reagierte mit großer Erschütterung auf das Attentat. „Ich bin entsetzt und sehr, sehr traurig darüber, was offenbar in Deutschland wieder möglich geworden ist“, sagte er am Donnerstag. Boese sieht jetzt die Polizei und andere Staatsorgane stärker in der Pflicht, im „rechtsextremen Bereich“ aufmerksamer zu sein und „wirklich aufzupassen, dass diese Täter keinen Fuß in der Gesellschaft fassen können“. Allerdings sei es auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, antisemitischen Ressentiments entgegenzutreten. „Ich habe aber die Beobachtung gemacht, dass sie immer dann Juden, Aramäer oder auch Moslems trifft, wenn die Menschen diese Minderheiten gar nicht persönlich kennen“, sagt Boese, der erst Ende September in der Synagoge den jüdischen Neujahrstag, Rosch ha-Schana, mitgefeiert habe.

Mehr zum Thema
Kommentar über Antisemitismus in Deutschland: Jüdisches Leben in Deutschland schützen
Kommentar über Antisemitismus in Deutschland
Jüdisches Leben in Deutschland schützen

Die Bundesrepublik hat den Juden in Deutschland das Versprechen gegeben: Wir beschützen Euch. ...

 mehr »

Neben der Bedrohung durch den rechtsextremen wurde in den vergangenen Jahren auch der islamistische Antisemitismus ein immer größeres Problem in Deutschland. Wobei das interreligiöse Miteinander in Delmenhorst gut sei. „Ich stehe in einem guten Kontakt zur Mevlana-Moschee und auch zu Ditib“, erzählt Becerra, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Gerade erst am Wochenende sei er selbst beim Tag der offenen Tür in der Düsternorter Moschee gewesen. „Wir haben viele Freunde dort.“ Wie gut das Miteinander der Religionen sei, zeige zum Beispiel der 31. Oktober. Am Reformationstag gibt es ein sogenanntes Interreligiöses Forum in der Delmenhorster Markthalle, an dem sich neben den christlichen Kirchen auch die Alevitische, die Muslimischen und die Jüdische Gemeinde beteiligen.


Ein Artikel von
Mein Delmenhorst
Ihr Portal für Delmenhorst

Herzlich willkommen in Ihrem Portal für die Stadt Delmenhorst und das Gebiet des Landkreises Oldenburg. In diesem Portal informieren wir Sie über wichtige Nachrichten und Veranstaltungen aus Ihrer Region.

Webcam Marktplatz Delmenhorst
Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 7 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/wolkig.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/bedeckt.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 40 %
Die Sportmeldungen aus der Region
Veranstaltung für Ihre Region
Sonderthemen aus der Region
Sonderthemen aus der Region
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Traueranzeigen
WESER-KURIER Kundenservice
Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?