Wetter: Nebel, 11 bis 15 °C
Theater in Delmenhorst
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Erschreckendes Bild des Zeitgeschehens

Heide Rethschulte 19.09.2019 0 Kommentare

Lutz Brembenneck als Milliardär (links) mit seinem Präsidentschaftskandidaten Edward Tishler (Max Volkert Martens).
Lutz Brembenneck als Milliardär (links) mit seinem Präsidentschaftskandidaten Edward Tishler (Max Volkert Martens). (Ingo Möllers)

Delmenhorst. Aktuell, aufklärend, äußerst spannend, nachdenklich machend und dabei hin und wieder auch Gelegenheit zum Schmunzeln – Theater in seiner schönsten Form präsentierte die Konzert- und Theaterdirektion dem Publikum am Mittwoch zum Auftakt der neuen Spielzeit im Stadttheater Kleines Haus. „Mr. President First“, gespielt vom Agon-Ensemble aus München, überzeugte auf allen Ebenen: inhaltlich, schauspielerisch, vom reduzierten, den Blick auf den Inhalt konzentrierenden Bühnenbild (Paul Lerchbaumer) bis hin zu den den Charakteren angepassten Kostümen (Monika Maria Cleres).

Auch wenn Autor Stefan Zimmermann im Programmheft schreibt, dass es kein Stück über den amerikanischen Präsidenten Donald Trump ist, das er am 13. März diesen Jahres zur Uraufführung gebracht hat, so drängten sich die Vergleiche im Laufe der zweieinviertel Stunden doch immer wieder auf. Das lag daran, dass sich Zimmermann, der auch für die Inszenierung verantwortlich zeichnete, vom tatsächlichen Zeitgeschehen (wohl nicht nur in den USA) inspirieren ließ. Er zeichnete ein erschreckendes Bild.

Edward Tishler, Kandidat der Für-Amerika-Bewegung für das Amt des amerikanischen Präsidenten, ist nur eine Marionette. Milliardär Norman Craig, von Lutz Brembenneck als despotischer, menschenverachtender Waffennarr mit absolutem Machtstreben dargestellt, braucht jemanden, den er einsetzen kann, um seine Vorstellung von Politik durchzubringen. Dabei ist ihm, unterstützt von seiner Referentin Olivia Sailor (Angelika Auer), die als Craigs ausführende Hand selbstredend auch politisch voll auf seinem Kurs, jedes Mittel, wirkliches jedes, recht.

Fassungslose Stille?

Es konnte einem angst und bange werden, bei dem, was die Leute hinter dem Kandidaten anstellen, um ihre Ziele ohne Rücksicht auf Verluste – auch menschliche – durchzudrücken. Da werden Meldungen ohne schlechtes Gewissen manipuliert. „Es stimmt vieles nicht, was die in den Nachrichten bringen“, teilt Olivia Edward spöttisch mit. „Gegen alles kann man was tun. Wir machen die Nachrichten.“ Und Craig setzt noch einen drauf: „Letztlich wird die Wahl durch Geld und die Medien entschieden.“ Solche Sätze waren es, die vielen Zuschauern den Atem stocken ließen und für absolute – fassungslose? – Stille im Saal sorgten.

Für Zimmermann ist sein Stück nicht nur ein Schauspiel, sondern ein Mix aus Polit-Thriller, Schauspiel, Satire und Komödie. Dadurch wird der Zuschauer nicht vom Stoff erdrückt, sondern kann dank geschickt eingesetzter Komik auch lachen. Der Autor redet nicht um den heißen Brei herum. Er legt den Finger in die Wunden, macht deutlich, wie menschenverachtend die Waffenlobby in den USA agiert, um ihre Ziele zu erreichen, oder wie der Klimawandel einfach mit Sätzen wie: „Ja, warum machen die Leute denn in Florida Urlaub? Weil sie es warm haben wollen“, als bloße Panikmache von einigen Verrückten abgetan wird.

Wie aber kann es überhaupt passieren, dass Menschen wie der selbstverliebte TV-Moderator Edward Tishler, der sich nur noch über seine Quoten definiert, zum Präsidentschaftskandidaten werden? Die Antwort des Autors ist ebenso einfach wie erschreckend. „Tishler ist unsere Marionette, weil er sehr eitel ist. Er wird den Präsidenten spielen, wir aber entscheiden, was passiert“, lässt Zimmermann den cholerischen Craig sagen.

Aber es gibt auch die Guten, die hoffen lassen. Tishers junge Lebensgefährtin Emely Harper (Katharina Pütter), im Gegensatz zu den marktschreierischen Gegnern angenehm zurückgenommen und mit Blick für die Probleme der Menschen, verlässt ihren Freund, weil sie seinem menschverachtenden Verhalten nicht mehr folgen will. Auch Dirk Herrmann als Peter Westham ließ das Publikum im nur zur Hälfte besetzten Saal hoffen, dass Journalisten nicht nur Fakenews verbreiten. Er ist es, der das Stück in eine andere Richtung lenkt: Nach ihrer Trennung hat sich Emely zu ihm geflüchtet. Als Peter einkaufen ist, taucht eine herrische Ehefrau auf, die Emely schnellstens aus der Wohnung befördert. Erst später, als Emely sich einen Namen als Politikerin mit Gewissen gemacht hat und zu Tishlers Gegenkandidatin geworden ist, erfahren die beiden, dass die vermeintliche Ehefrau von der Gegenseite geschickt worden war.

Auf Westhams Idee hin treten Tishler und Emely, die dafür eintritt, dass „wir nicht die Leute damit auf unsere Seite ziehen, indem wir ihnen Angst machen“, gemeinsam in einer Realityshow auf. Auf dem Weg dahin soll der Präsidentschaftskandidat erschossen werden, denn Craig hat gemerkt, dass seine Marionette nicht mehr an seinen Fäden tanzt. Das Attentat scheitert, und Tishler, den Max Volkert Martens brillant in seinem Wandel von schon krankhafter Selbstverliebtheit hin zu einem Mann mit Rückgrat verkörperte, erklärt seinen Verzicht auf die Kandidatur. Er hält einen flammenden Appell gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus und plädiert für Mut, Toleranz und Respekt. Da war selbst die ansonsten extrem aufgedrehte Moderatorin Rose Stewart (Lesley Jennifer Higl in dieser Rolle ebenso überzeugend wie als Partei-Generalsekretärin mit detektivischem Spürsinn) einmal angemessen leise.

Am Ende gab es sehr langen Applaus für ein ganz starkes Stück hochaktuellen politischen Theaters, das einen Blick hinter die Kulissen gewährte, der über den Abend hinauswirkt.


Mein Delmenhorst
Ihr Portal für Delmenhorst

Herzlich willkommen in Ihrem Portal für die Stadt Delmenhorst und das Gebiet des Landkreises Oldenburg. In diesem Portal informieren wir Sie über wichtige Nachrichten und Veranstaltungen aus Ihrer Region.

Webcam Marktplatz Delmenhorst
Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 15 °C / 11 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Nebel.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/wolkig.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 30 %
Die Sportmeldungen aus der Region
Veranstaltung für Ihre Region
Sonderthemen aus der Region
Sonderthemen aus der Region
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Traueranzeigen
WESER-KURIER Kundenservice
Leserkommentare
werderfan am 23.10.2019 21:15
Ich versuche das mal kurz für die Demokratiefreunde zu erläutern:
1. Der Umweltausschuss des Beirats Blumenthal tagt am nächsten Montag ...
IhrenNamen am 23.10.2019 21:02
Ich bin mal sehr gespannt wie sich das auf die Spendensumme auswirkt.