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Kantorei St. Ansgarii präsentierte in St. Cyprian Johann Sebastian Bachs Johannespassion zum Mitsingen
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Große Chorkunst nah am Zuhörer

Günter Matysiak 04.04.2017 0 Kommentare

Konzert
Die Bremer Kantorei St. Ansgarii unter der Leitung von Kai Niko Henke bot eine wundervolle Johannespassion in St. Cyprian dar. (INGO MOELLERS)

Dort heißt es: „Als nun diese theatralische Music angieng, gerieten all diese Personen in die gröste Verwunderung, sahen einander an und sagten: Was soll daraus werden. Eine alte adeliche Witwe sagte: behüte Gott ihre Kinder! Es ist doch, als ob man in einer Opera oder Comödie wäre. Alle hatten ein hertzlich Mißfallen daran. Es giebet aber freylich auch solche Gemüther, die an solchen eiteln Wesen einen Wohlgefallen haben, zumal wenn ihr Temperament zur Wollust geneigt ist.“

Die Aufführung der Johannespassion, von der in diesem Fall zu berichten ist, erregte nun gar kein Missfallen, sondern wurde am Schluss mit herzlichem und begeistertem Beifall bedacht. Der galt der Kantorei St. Ansgarii Bremen, dem Norddeutschen Barock-Collegium, den Vokalsolisten Manja Stepan (Sopran), David Erler (Altus), Hans-Jörg Mammel (Tenor), den Bassisten Julian Redlin und Luciano Lodi sowie dem Leiter der Aufführung, Kai Niko Henke. Und sie galt Johann Sebastian Bach, der mit seiner ersten Passion in der Tat eine ungewöhnlich dramatische Musik komponiert hat.

Das beginnt gleich im Einleitungschor, der sich als Begegnung zwischen der Niedrigkeit des gemarterten und gekreuzigten Jesu und seiner strahlenden Herrlichkeit darstellt. Bach-Biograf John Eliot Gardiner sieht darin bereits einen Vorläufer der Opern-Ouvertüren Mozarts. Die Orchestereinleitung ist die in Musik geformte Unruhe der Streicher und die Klage der Holzbläser, deren schmerzvolle Dissonanzen eingebettet werden in eine große melodische Linie. Der machtvolle Choreinsatz des „Herr … Herr“ ist vorbereitet mit einer leicht drängenden Crescendo-Geste. Die wogenden, den Herrn verherrlichenden Sechzehntelketten sang der Chor anstrengungslos und biegsam ausgeformt.

Später, in den großen Volkschören, wurde diese makellose musikalische Schönheit beibehalten, die „Kreuzige, kreuzige"-Rufe blieben große Musik und wurden nicht zu naturalistischen Schreien. Auch der Satz „Lasset uns den nicht zerteilen“ war nicht reißerisch wild genommen, sondern mit konzertantem, federndem Schwung. Der großbesetzte Chor hatte sowohl an Klangschönheit als auch an Balance und Textverständlichkeit große Chorkunst zu bieten.

Hans-Jörg Mammel sang den Part des Evangelisten mit emotionaler Erzählhaltung. Die erfüllte auch seine Arie „Ach, mein Sinn“, die er mit dem Ausdruck von Hast und Unruhe und innerer Aufgewühltheit erfüllte. Mit leicht geführter Stimme und tänzerisch-bewegtem Ausdruck sang David Erdler die Alt-Arie „Von den Stricken meiner Sünden". Seine „Es ist vollbracht“-Arie wurde in ihrer Zartheit und Tröstlichkeit zu einem Höhepunkt des Abends. Manja Stephan gab mit ihrem hell-farbigem Sopran der „Ich folge dir gleichfalls“-Arie ihre freudig drängende Atemlosigkeit. In der Arie „Zerfließe mein Herz“ gelang es ihr betörend, den Ausdruck von Trauer und Trost zu vereinigen. Auch dies ein Höhepunkt dieser Johannespassion. Julian Redlin war in den dramatischen Rezitativen ein herrischer, machtvoller Pilatus. Sein Bass-Arioso „Betrachte, mein Seel“ berichtete lebhaft von „bittrer Lust“. In „Eilt, ihr angefochtenen Seelen“ mit den ratlosen „Wohin“-Einwürfen des Chores klang er etwas hart im Timbre, im vom warmen Chorklang begleiteten „Mein teurer Heiland“ sang er mit lyrischer Geschmeidigkeit. Luciano Lodis sang den Jesus, gab ihm  Stolz und Selbstbewusstsein, das später der sterbenden Ermattung wich. Sein „Es ist vollbracht“ war eindringlich ruhige Hingabe.

Sinnliches Wohlbehagen angesichts des Todes umhüllte einen mit dem Schlusschor „Ruhet wohl“. Mit der kindlich-naiven Bitte „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“ schließt die Johannespassion voller Trost. Die Gemeinde war eingeladen, die Choräle mitzusingen, wie es zu Bachs Zeiten wohl üblich war. Sie tat das freudig und sorgsam, einige hatten Klavierauszüge dabei. Der Gemeindegesang enthob die Choräle ihrer Künstlichkeit und schuf eine unmittelbare Nähe zwischen Passion und Zuhörern.


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Leserkommentare
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