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Im Gespräch mit Gary Zörner
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Nanoplastik in Radieschen und Möhren

Ilias Subjanto 21.05.2019 0 Kommentare

Gary Zörner und Mitarbeiterin Irina Andreisek beschäftigen sich mit Kompost.
Gary Zörner und Mitarbeiterin Irina Andreisek beschäftigen sich mit Kompost. (MöLLERS)

Im Auftrag des WDR haben Sie Fertigkomposte untersucht und Schwermetalle und Kunststoffe gefunden, die mutmaßlich aus dem Biomüll stammen. Wäre es sinnvoller, aus Biomüll keinen Kompost mehr herzustellen?

Gary Zörner: Natürlich wäre es ideal, wenn man bei der Kompostherstellung sichergehen könnte, dass da keine schädlichen Fremdstoffe wie Schwermetalle oder Plastik reinkommen. Das wäre ein großer Wert, biologische Materialien erneut zu nutzen, statt diese beispielsweise zu verbrennen. Wir haben die gleiche Thematik beim Klärschlamm: Wenn man in der Industrie von vornherein verhindern würde, dass giftige Stoffe ins Abwasser kommen, hätte man einen Riesenwert von hunderten Millionen Euro an wertvollem Dünger, der nutzbar wäre. Leider lassen sich diese organischen Gifte und Schwermetalle im Klärwerk so gut wie gar nicht mehr abtrennen. Es entsteht hier also ein riesiger Schaden mit Kosten, die wahrscheinlich viel höher sind, als wenn man in der industriellen Produktion präventiv verhindern würde, dass die schädlichen Stoffe ins Abwasser kommen. Inzwischen deutet sich leider an, dass auch immer größere Anteile des Kompostes mit Schwermetallen und insbesondere Plastik kontaminiert sind.

Das Problem ist also, dass die Menschen Sachen in ihre Biomülltonnen stecken, die dort nicht hingehören?

Nein, das Problem ist eigentlich die fehlende Beweislastumkehr. Bevor man also irgendein Produkt auf den Markt bringt, muss vorher bewiesen werden, dass im gesamten Produktlebenszyklus keine Schäden für Umwelt und Gesundheit entstehen. Man würde dann eventuell ganz andere Produkte produzieren oder nur unter Bedingungen in Umlauf bringen, die verhindern, dass sie irgendwo Schaden anrichten können. Wenn jemand sein Plastik nun in die Biotonne schmeißt, ist das eigentlich schon das Ende der Kette.

Sie sehen also den Fehler eher in der Verwendung von Plastik an sich, ohne dass über die darin enthaltenen Schadstoffe informiert wurde?

Ja. Die Menschen, die mit diesem Produkt in Berührung kommen, es verarbeiten oder verkaufen oder weiterverwenden und letztlich vielleicht in den Müll oder in die Biotonne schmeißen, müssen auch eine bestimmte Qualifizierung haben. Das ist ein Riesenmangel des Bildungssystems, den ich sehr kritisiere. Die Schulen behandeln Fragen von Umwelt und Gesundheit doch nur sehr knapp: Was kann mich krank machen? Wie kann ich das vermeiden? Warum sollte ich Bioprodukte essen statt Ware mit Pestizidgift zu kaufen? Wie kann ich dafür sorgen, dass kein Gift mehr ins Abwasser kommt? Hier fehlt erst einmal eine Qualifizierung. 

Und weil es den Menschen an diesem Wissen fehlt, schmeißen sie Plastik schließlich auch in den Biomüll?

Auch das. Aber was außerdem wichtig ist: Wenn ein Kunststoffhersteller nicht sicherstellen kann, dass kein Plastik im Biomüll landet, muss er sich Alternativen überlegen. Ein weiteres Beispiel für industriell produzierte Umweltgifte ist die Energiesparlampe, ich nenne sie Umweltverschmutzerlampe. Energiesparen wird ja so groß geschrieben, Umwelt und Gesundheit sind dann absolut uninteressant. Obwohl seit Jahrzehnten weltweit versucht wird zu verhindern, dass immer mehr Quecksilber in die Umwelt gelangt, wird dafür in China die Quecksilbergewinnung erhöht. Dort wird das Quecksilber unter katastrophalen Bedingungen gewonnen und transportiert und verdampft dabei munter in die Atmosphäre. In den Produktionshallen dieser Umweltverschmutzerlampen ist oben das Dach offen, damit das Quecksilber verdampfen kann, den Rest findet man im Blut der Beschäftigten.

Und wo genau endet das Quecksilber dann in der Umwelt?

Diese ganzen riesigen Quecksilberdämpfe entstehen in der Mine, in der Produktion und beim Transport nach Europa, und wenn die Lampen hier kaputt gehen und nicht fachgerecht entsorgt werden, verdampft das ganze Quecksilber, geht in die Atmosphäre und von da in die Meere und Oberflächengewässer, wo es sich in den Fischen anreichert. Wegen dieser Anreicherung mussten die Grenzwerte bei den Fischen teilweise um das 20- bis 30-fache erhöht werden, damit man Fische in der EU überhaupt noch verkaufen kann. Deswegen fordere ich also auch bei Kompost oder bei Abwasser oder anderen Produkten wie der Umweltverschmutzerlampe die Beweislastumkehr. Wenn die Industrie feststellt, dass sie das Plastik nicht in den Griff kriegt, muss sie halt Papiertüten verwenden, die sind nämlich biologisch abbaubar. Inzwischen stellt man alles um – 30 bis 40 Jahre zu spät. Und die Ohrenstäbchen sind jetzt auch aus Pappe statt aus Kunststoff. Weil man sich nicht präventiv um diese Dinge gekümmert hat, haben wir heute riesige Mengen Kunststoff im Kompost.

Warum ist Mikroplastik für Menschen so gefährlich?

Mikroplastik enthält hochtoxische Substanzen, von Schwermetallen bis Weichmachern und anderen organischen Giften. Diese ganzen Gifte können Allergien und Krebs auslösen, und ganz schlimm ist die schädigende Wirkung auf das Hormonsystem durch diese Weichmacher. Sogar die Farbpigmente der Kunststoffe enthalten Schwermetalle. Und es gibt auch die Stoffe, die eigentlich biologisch abbaubar sind, für die die Zeit im Kompost-Entstehungsprozess aber nicht ausreicht. Dann haben wir schon wieder die Kunststoffe im Kompost. Zuerst die größeren Kunststoffteile, dann Mikroplastik, das dann mit der Zeit immer mehr zerbröselt zu Nanoplastik. Die Plastikvermüllung der Meere ist ja bekannt. Man findet jetzt überall in den Fischen die Nanoplastikteile, die teilweise bereits ins Gehirn und in alle Organe hineingewandert sind und das Hormonsystem und die Fortpflanzungsfähigkeit zerstören. Die sind so toxisch, dass sie auf das ganze ökologische System der Organismen im Meer und in Oberflächengewässern verheerende Auswirkungen haben.

Betrifft das auch den Kompost?

Es gibt neuere Forschungen, nach denen es nicht auszuschließen ist, dass Nanoplastik so klein ist, dass es im Kompost durch die Wurzeln der Pflanzen aufgenommen werden kann. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat man dann das Nanoplastik in seinem Radieschen, in seiner Möhre oder in sonstigen Pflanzen, die dann für die Ernährung genommen werden. Im Augenblick ist es leider so, dass einige dick daran verdienen, Kunststoff oder schwermetallhaltige Produkte zu verkaufen. Aber die Gesellschaft insgesamt trägt den Schaden.

Das Interview führte Ilias Subjanto.

Zur Person

Gary Zörner (66)

ist Diplom-Ingenieur für Lebensmitteltechnologie und gründete 1992 das Labor für Chemische und Mikrobiologische Analytik (Lafu) in Delmenhorst. Zuletzt befasste er sich mit Schadstoffen in Kompost.


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Leserkommentare
suziwolf am 23.10.2019 12:39
@peteris:

„🦍-Theater“ - wäre das bessere Wort ?

„halloween and British Exit ...
there‘s not anymore a difference“ ...
Lemurer am 23.10.2019 12:38
Dazu fällt mir nur eins ein:

Ein Krankenhaus ist kein Profit-Center