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Inklusion in Delmenhorst
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Probleme einer großen Idee

Andreas D. Becker 26.04.2018 0 Kommentare

In kleinen Schritten geht es voran, um allein die gesamten, teilweise sehr alten Schulgebäude barrierefrei zu gestalten. Auf unserem Archivbild wird gerade eine Rampe an den C-Trakt des Gymnasiums an der Willmsstraße gebaut.
In kleinen Schritten geht es voran, um allein die gesamten, teilweise sehr alten Schulgebäude barrierefrei zu gestalten. Auf unserem Archivbild wird gerade eine Rampe an den C-Trakt des Gymnasiums an der Willmsstraße gebaut. (Ingo Möllers)

Uwe Dähne brachte es auf den Punkt: „Das ist erbärmlich“, schimpfte der Ratsherr der Unabhängigen, als der Stadtrat am Mittwoch zu einer Sondersitzung zusammenkam, weil er unbedingt noch etwas im April beschließen musste. Es ging um die „Fortführung der Aufnahme der 5. Klassen an der Mosaikschule“. Was im ersten Moment nach einer Kurzmeldung klingt. Aber dahinter steckt ein großes gesellschaftspolitisches Thema. Beziehungsweise das vorläufige, teilweise Scheitern einer großen bildungspolitischen Idee. Die Inklusion, die es allen Schülern, egal welchen Förder- und Unterstützungsbedarf sie haben, ermöglichen soll, die Schule ihrer Wahl zu besuchen, funktioniert nicht. Und weil das nicht irgendwo passiert, sondern in einem der reichsten Industrieländer der Welt, redete sich Uwe Dähne sogar ein bisschen in Rage.

„Wir wählen nun ein suboptimale Lösung, weil Inklusion so, wie wir es im Moment versuchen, nicht gelingen kann. Die Kinder sind in der Förderschule besser aufgehoben als in einer inklusiven Regelschule“, sagte Dähne. Weil das so ist, muss nun ein System reaktiviert werden, das eigentlich abgeschafft werden soll. Seit vergangenem Jahr hat die Mosaikschule Delmenhorst im Förderschwerpunkt Lernen – und ausschließlich um den geht es in diesem Fall – bereits keine neuen Fünftklässler mehr aufgenommen. Was sich wieder ändert, wenn der von den Politikern einstimmig beschlossene Antrag, den CDU-Ratsfrau Frauke Wöhler gestellt hatte, von der Landesschulbehörde genehmigt wird. Wovon auszugehen ist, denn eine Änderung des niedersächsischen Schulgesetzes lässt dies zu. „Das ist ein Rückschritt und eine grandiose Verschwendung von Ressourcen durch das Aufrechterhalten beider Systeme. Das war ein vorhersehbares, komplettes Versagen“, schloss Dähne seine Ausführungen.

Uwe Dähne vertritt die Stadt im Schulausschuss des Niedersächsischen Städte- und Gemeindetages. Die Inklusion, ihre Umsetzung und all die damit verbundenen Probleme waren dort in jüngster Vergangenheit häufiger Thema. Die Vertreter der Kommunen nahmen gegenüber den Vertretern der Landesregierung kein Blatt vor den Mund und redeten Tacheles. Dähne sagt, er geht dort gern hin. Eben weil dort keine Politiker, sondern Praktiker sitzen, denen es nicht auf die Wiederwahl ankommt. Und deswegen müssen sie dort keine Sonntagsreden schwingen. „In rund 30 der dort vertretenen 48 Kreise klappt es mit der Inklusion nicht“, stellt Dähne fest. Und wie alle, die sich mit dem Thema befassen, kommt er zum Schluss: „Die ganze Geschichte wurde von Beginn an falsch angegangen.“

Der Beginn war im Jahr 2012. Deutschland hatte die UN-Behindertenrechtskonvention zwar bereits fünf Jahre vorher unterzeichnet, mit dem Gesetz zur Ratifikation des „Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ im Jahr 2009 konnte die Konvention dann auch umgesetzt werden. 2012 war dann das Jahr, in dem das Schulgesetz in Niedersachsen entsprechend geändert wurde: Mit Beginn des Schuljahres 2013/2014 gab es für alle Kinder die bedingungslose Wahlfreiheit ihrer Schule. Was mittlerweile, in Jahr fünf der Inklusion, auch durchaus rege genutzt wird, wie die Delmenhorster Schulverwaltung ausführt: „Gemäß der Schulstatistik 2017/2018 werden aktuell 145 Kinder mit Förderbedarf in den Grundschulen und 130 in den weiterführenden Schulen (Haupt-, Real und Oberschulen sowie IGS und Gymnasien) beschult.“ Und bei vielen läuft diese Beschulung auch gut, sagt der für das Schulwesen in der Stadt verantwortliche Erste Stadtrat Markus Pragal. „Aber es gibt bei diesem Thema kein Schwarz-Weiß“, sagt er. Jeder Fall müsse einzeln betrachtet werden, mal klappt es eben reibungslos, alle seien happy, an anderer Stelle wiederum nicht.

Die Probleme an den Regelschulen lassen sich so zusammenfassen: Manchmal erhielten Förderschüler einen nicht gewünschten Sonderstatus innerhalb der Klassengemeinschaft einer Regelschule, formuliert es die Verwaltung. Lehrer, Eltern und auch die Schüler fühlen sich überfordert mit der Situation, sagt Dähne. "Auf der Strecke bleiben dabei alle Schüler, nicht nur die, um die es beim Thema Inklusion primär geht", sagt er. Um diesen Stress abzubauen, also der Antrag. Das soll an den Regelschulen für Entspannung sorgen.  Dass es trotz solcher Schwierigkeiten derzeit oft gut laufe, liege laut Pragal daran, dass es sehr engagierte Lehrer und entsprechendes Fachpersonal gebe.

„Die Schulen geben sich allergrößte Mühe und sind mit viel Engagement bei der Sache“, sagt auch Erwin Drefs, Geschäftsführer der Lebenshilfe, quasi die Inklusionsexperten in der Stadt. Auch er sagt, dass die Änderung des Schulgesetzes bereits ein Geburtsfehler gewesen sei. "Die Veränderungen wurden damals nicht mit der Fachwelt besprochen. Auch mit den Schulen selbst nicht." Auch die Ausgestaltung des Gesetzes habe zu wünschen übrig gelassen, weil nur "rudimentäre Rahmenbedingungen" geschaffen wurden. Was nichts anderes bedeutet, als dass den Schulträgern, also den Kommunen, nicht mehr gesagt wurde als: Macht mal. Dass es an einem genaueren Rahmen mangele, war wohl auch politisches Kalkül: Hätte das Land exakte Vorgaben gemacht, hätte es auch finanziell stärker in die Verantwortung genommen werden können. So jedenfalls erklärte sich die Delmenhorster Verwaltung 2012, warum sie so allein gelassen wurde. "Das alles ist sehr bedauerlich, weil die inklusive Schule ein super Gedanke ist", sagt Drefs.

Als die Inklusion Gesetz wurde, hatte der Landesverband der Lebenshilfe schon eine andere personelle Ausstattung der Schulen gefordert. "Wenn Inklusion gelingen soll, brauchen die Regelschulen eine kontinuierliche sonderpädagogische Ausstattung und nicht nur die wenigen Rucksackstunden für einen Schüler", sagt Drefs. Derzeit ist es so: Gibt es einen Schüler mit einem besonderen Förderbedarf, wird ein Sonderpädagoge der Förderschule an diese Schule mit einem gewissen Stundenkontingent abgeordnet, er reist also ständig von Schule zu Schule, was für viele Förderschullehrer auch nicht schön ist. "Aber ein ganz wichtiger Aspekt, gerade bei diesen Schülern ist, dass sie eine Bindung zum Lehrer aufbauen können." Das geht aber nicht, wenn diese Lehrer nicht permanent an der Schule sind. "Diese Pädagogen müssten viel direkter in das gesamte Schulleben eingebunden sein", sagt Drefs. Gleiches gelte für die Schulassistenten, die einige Schüler direkt begleiten. Ein wichtiger Punkt für eine gelingende Inklusion wäre also, die Kollegien aus Fachleuten unterschiedlichster Professionen zusammensetzen und eben nicht fast ausschließlich aus Lehrern.

Utz Müller, Leiter der Mosaikschule in Delmenhorst, sieht den Beschluss des Rates auch durchaus kritisch. Auch wenn natürlich nicht alles perfekt an den inklusiven Regelschulen laufe. "Inklusion ist nunmal ein Idealzustand. Man kann nicht sagen: Ab jetzt haben wir Inklusion und dann funktioniert das." Es ist ein langsamer Prozess, eine Aufgabe für Generationen, bis es irgendwann gar keine Rolle mehr spiele, ob ein Kind eine besondere Hilfestellung in der Schule benötige oder nicht. Es scheint aus seiner Sicht also auch ein Geduldsproblem zu sein, Inklusion umzusetzen. "Schließlich geht es darum, ein System so zu verändern, dass es das leisten kann." Dass das System in Deutschland überfordert ist, liegt auch daran, dass es seit über 100 Jahren in der alten Form Bestand hatte. Solche Strukturen lassen sich nicht so ohne Weiteres aufbrechen, nicht in fünf Jahren, nicht bei einer solchen Aufgabe.

"Entscheidend wird es jetzt aber sein, wie es in den nächsten fünf bis zehn Jahren weitergeht", sagt Müller. Die Zeit, die sich die Politik mit dem Beschluss kaufen möchte, muss für eine Weiterentwicklung genutzt werden. Die Umsetzung der Inklusion muss das Hauptthema bleiben, es dürfe nicht passieren, dass man in Zukunft zwei konkurrierende Systeme aufbaue, die Förderschulen und die inklusiven Regelschulen. "Das wäre auch nicht zu finanzieren." Jetzt scheitert es ja schon am Geld. Und auch daran, dass es gar nicht genug Förderschullehrer gibt, auch in Delmenhorst ist das laut Pragal, dem ersten Stadtrat, ein Problem. Und weil es eben keine Lehrer gibt, befürchtet Müller, dass seine Kollegen, die derzeit in den Regelschulen stundenweise unterwegs sind, dort abgezogen werden, um die neue fünfte Klasse an der Mosaikschule Delmenhorst zu unterrichten. Dringend benötigte Fachexpertise, die den Regelschulen fehlen werde. Was wiederum auch bedeutet, dass die Fortschritte, die bereits gemacht wurden, verloren gehen könnten.

Eigentlich wollte die Delmenhorster Politik auch verhindern, dass es so weit kommt. Der Beschluss für die neue fünfte Klasse an der Mosaikschule sollte daran gekoppelt werden, dass es auch genügend Lehrerstunden geben wird. "Das geht so aber nicht", erklärt Pragal. Der Antrag könne nur bedingungslos gestellt werden. Und er muss bis kommenden Montag gestellt sein. Deswegen wurde dieser politische Wunsch wieder gestrichen. Die Stadt hat zwar in einem Brief deutlich gemacht, dass ein Abzug der Förderschulkollegen aus den Regelschulen nicht wünschenswert sei, aber die Landesschulbehörde wird sich darauf wahrscheinlich nicht einlassen. In einem Brief an die Stadt heißt es: Wenn zehn Schüler mit einem festgestellten Bedarf an sozialpädagogischer Unterstützung im Schwerpunkt Lernen "in den wieder zugänglichen Jahrgang fünf der Mosaikschule wechseln würden, werden 30 Lehrerstunden weniger in den inklusiven weiterführenden Schulen der Stadt Delmenhorst benötigt". Rechnerisch stimme das, sagt Müller, "inhaltlich aber nicht".

Erwin Drefs von der Lebenshilfe schlägt vor, dass nun noch einmal über einen alte Idee nachgedacht werden sollte: "Wir sollten noch einmal darüber reden, Schwerpunktschulen zu bilden", sagt er. Was in den Debatten 2012 abgelehnt wurde, weil es den Gedanken der Wahlfreiheit konterkariere, weil so nur neue, andere Förderschulen geschaffen würden, hieß es. "Aber die Kritik kann ich nicht gelten lassen", sagt Drefs. Welche Wahl hätten die Eltern im aktuellen System? Entweder eine spezialisierte Förderschule oder eine Regelschule, in der eben nicht alles auf die Inklusion ausgerichtet ist. "Die einzige Alternative für eine echte Wahlfreiheit wäre also, wenn alle Schulen so ausgestattet wären, dass sie alle Schüler inklusiv beschulen könnten." Das scheint utopisch. Allein die bauliche Umrüstung aller Delmenhorster Schulen ist eine Aufgabe, die die Verwaltung an den Rand der Leistungsfähigkeit bringt.

Denn rund zwölf bis 14 Millionen Euro wird es etwa kosten, die Schulen im gesamten Stadtgebiet barrierefrei herzurichten, wie die Verwaltung im März 2012 geschildert hatte. Im Anbetracht der Tatsache, dass die Stadt auch bei den dringend benötigten Renovierungen der Schulgebäude kaum hinterher kommt, ist das eine enorme Summe. Von diesen rund 14 Millionen Euro sind mit einschließlich anstehender Investitionen in diesem Jahr gerade einmal 767 000 Euro in den barrierefreien Ausbau der Schulen geflossen. Neben dem Herrichten von allgemeinen Unterrichtsräumen an den Grundschulen und dem Schulzentrum West wurden Gelder für den Einbau von Behinderten-WCs in der Grundschule Iprump, der Außenstelle des Max-Planck-Gymnasiums sowie der Oberschule Süd ausgegeben. Teuerste bisherige Investition ist der neue Aufzug der IGS mit 275 000 Euro.


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Leserkommentare
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
onkelhenry am 19.10.2019 17:00
Hallo @Suzi ....

Was Sie da immer so verstehen ;-)

Das erklärt auch, warum Sie so oft falsch liegen!

Ja zu ...