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Geschäftsbericht aus Delmenhorst
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Reine Handwerkskunst

Annika Lütje 11.02.2019 0 Kommentare

Ümit Akbulut wirkt wie ein Künstler, versteht sich aber vorrangig als Handwerker.
Ümit Akbulut wirkt wie ein Künstler, versteht sich aber vorrangig als Handwerker. (Fotos: Möllers)

Delmenhorst. Eine mit unbehandeltem Holz getäfelte Wand ist mit ausrangierten Skateboards, Schwarz-Weiß-Fotografien und alten Werbeschildern geschmückt. Davor steht ein echter Oldie: ein Friseurstuhl aus den Zeiten, als es noch nicht retro war, wenn Männer viel Pomade trugen und sich mit einem Messer rasieren ließen. Viel Holz, Secondhand-Möbel wie die Sofas im Wartebereich und Liebe zum Detail lassen die Haarwerkstatt auf den ersten Blick gemütlich-durchgestylt wirken. „Dabei“, sagt Geschäftsführer Ümit Akbulut, „haben wir hier alles in kurzer Zeit mit wenig Geld zusammengeschustert.“

Was zunächst nach einem Schnellschuss klingt, ist schon nach knapp vier Jahren sehr erfolgreich. Allein in diesem noch jungen Jahr ist der Friseursalon und Barbershop gleich zweimal ausgezeichnet worden. Zum einen ist er vom Playboy unter die besten 100 Barbershops Deutschlands gewählt worden. Zum anderen – und darauf ist Akbulut besonders stolz – ist sein Salon zum zweiten Mal in Folge zum Paul Mitchell Flagshipstore ernannt worden.

Eigentlich hat Ümit Akbulut zwei Passionen: das Skaten und die Haarwerkstatt. Letztere gäbe es ohne das Skaten aber gar nicht. „Als Kind und Jugendlicher wollte ich mein Leben lang nur Skateboard fahren. Ich hatte die Vorstellung, dass ich nie zu arbeiten brauche“, erzählt er schmunzelnd und ergänzt: „Aber den Traum hat mein Vater zerschlagen.“ Sein Vater – ein ehemaliger Gastarbeiter auf der Nordwolle und „der dritte Türke überhaupt, der in Delmenhorst aus dem Zug gestiegen ist“, wie Ümit Akbulut erzählt – lotste seinen Sohn zu einem befreundeten Friseur, wo der dann auch von 2004 bis 2007 seine Ausbildung machte.

Nach seiner Lehre lockte ihn aber doch wieder das Skateboard. „Ich dachte mir: 'Jetzt reicht es erst mal mit dem Friseursein'“, erinnert er sich. „Da bin ich nach Barcelona zum Skaten und habe nur nebenbei in Salons ausgeholfen.“ In Spanien machte Akbulut eine Erfahrung, die sein künftiges Geschäftsmodell prägen sollte: „Hier wird ein Friseur hauptsächlich als Dienstleister wahrgenommen. Die Leute lassen sich die Haare schneiden und haben dann wieder sechs Wochen Ruhe“, sagt er. „In Spanien und vielen anderen Ländern gehört es zum Lifestyle, sich das Haar schön machen zu lassen. England und Amerika sind auch sehr inspirierend, was Haare angeht.“

Zudem entwickelte Akbulut auf seinen vielen Skateboard-Reisen eine skurrile Angewohnheit: Er fotografierte alle Salons, die ihm optisch gefielen. „Zum Beispiel in Holland gibt es tolle Salons mit echter Wohnzimmer-Atmosphäre. Das fand ich toll“, sagt er.

2009 kehrte Akbulut nach Deutschland zurück und begann als Geselle in einem Oldenburger Salon zu arbeiten. „Dort habe ich als Friseur im Grunde noch mal ganz von vorne angefangen“, sagt er rückblickend. Drei Jahre später war dann das erste von drei Kindern unterwegs, „da wollte ich mehr Zeit für meine Familie haben und nicht mehr so viel hin und her fahren, also habe ich in einem Paul Mitchell-Salon in Delmenhorst angefangen“. Bis 2015 – dann beschlossen seine Frau Charmaine und er einen eigenen Salon zu eröffnen. „Meine Familie hatte schon immer darauf gedrängt“, sagt Akbulut.

Und so entstand innerhalb von vier Wochen die Haarwerkstatt – mit sehr wenig Startkapital und umso mehr Eigenleistung. „Wir haben hier gemalt, geschraubt und so weiter. Ich wollte ein gemütliches Wohnzimmer im Salon, so wie ich es so oft fotografiert hatte.“ Dafür fuhr er quer durch Deutschland und sammelte Material und Möbel zusammen. Und ganz nebenbei machte er noch in Malerklamotten bei der Top Hair-Messe in Düsseldorf Halt, um sich einen Partnervertrag mit Paul Mitchell zu sichern. „Ich bin da rein, die haben gesehen, dass ich für die Sache brenne und haben mir einen Vertrag gegeben, und ich bin wieder raus und nach Hause, um weiterzuarbeiten“, erinnert sich Akbulut lachend.

Das Ergebnis ist ein heller, offener und zugleich gemütlicher Salon. Und der Name ist hier Programm. Eine Werkbank als Empfangstresen und das Zahnrad im Logo geben der Haarwerkstatt ein Gesicht. Und Ümit Akbulut und seine inzwischen elf Mitarbeiter hauchen ihr Leben ein. Denn Akbulut versteht sich vorrangig als Handwerker. „Letztlich arbeiten wir alle mit Schere und Kamm. Nur wer ein wirklich guter Friseur ist, ist auch ein guter Stylist oder Barbier“, sagt er. Und so bekommt man als Kunde der Haarwerkstatt auch nicht einfach einen Termin oder ein Date, sondern einen Reparaturtermin.

Die Kunden wissen die Andersartigkeit der Haarwerkstatt zu schätzen. Zum Teil lassen sich dort ganze Familien – vom Zweijährigen bis zum Opa – die Haare machen. Es gibt sogar Kunden wie Jörn Pelka, denen der Salon einen echten Zeitgewinn brachte. Er fuhr nämlich jahrelang extra nach Rotterdam, um die gewünschte Frisur zu erhalten. „Das brauche ich jetzt nicht mehr, das ist super“, sagt er.

Akbuluts Geheimnis kann er selbst schnell erklären: „Bei einer neuen Frisur analysiere ich erst einmal das Haar und schaue, ob das, was gewünscht wird, überhaupt möglich ist“, erklärt er und fügt hinzu: „Wenn das Haar nach rechts fallen will, lege ich es nicht nach links. Ich lasse mich von der Natur inspirieren und das Haar entscheiden. In den 1950er-Jahren wurde fünf Minuten geschnitten und eine Stunde frisiert. Heute muss der Schnitt so sein, dass man ihn auch selbst zu Hause frisieren kann.“

Für Akbulut beginnt ein gelungener Friseurbesuch aber nicht erst vor dem Spiegel, sondern schon beim Eintreten. Dementsprechend legte er auch schon im Wartebereich Wert aufs Detail. Dort können sich die Kunden nicht nur bei Tee und Kaffee, sondern auch mit einem Glas Whisky die Zeit verschönern. „Mein Vater sagt immer: 'Stelle Deinen Gästen auf den Tisch, was Du selbst gern magst'“, sagt Akbulut. Und mit einer Lektüre oder einem Spiel auf der Playstation vergeht die Wartezeit dann noch mal so schnell. „Es ist aber bisher nur zweimal vorgekommen, dass hier ein Mann versackt ist und von seiner Frau abgeholt wurde“, räumt der Friseur ein.

Nachdem seine Frau anfangs die Buchhaltung der Haarwerkstatt gemacht hatte, reichte ihr das bald nicht mehr. So kam im vergangenen Jahr die Make-Up Werkstatt dazu. Dort versorgt die zertifizierte Make-up Artistin die Kundschaft mit Stylings und Steckfrisuren und bietet Workshops an. Zwar ziert ihr Zahnrad keine Schere, sondern ein Lippenstift, aber auch mit dem sollte man schließlich etwas von seinem Handwerk verstehen.


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Leserkommentare
suziwolf am 23.10.2019 06:43
„Aaaah“ „oooh“ sagt der/die Feuerwerker*in Sylvester 2019
💫💥☄️

„Uuuuh“ sagt die Umwelthilfe ...

Es sollte für‘s ...
rakase am 23.10.2019 03:13
Den grundsätzlichen Ärger über zugeparkte Strassen kann ich ja voll und ganz nachvollziehen, auch wir müssen teilweise ganzjährig einen Kilometer zum ...