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Porträt einer Kranführerin
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„Überraschte Gesichter sind normal“

Jacqueline Schultz 17.04.2019 0 Kommentare

Die 33-jährige Marion Seyfried ist bei der Firma Hüffermann die einzige Frau unter knapp 100 Kranführern.
Die 33-jährige Marion Seyfried ist bei der Firma Hüffermann die einzige Frau unter knapp 100 Kranführern. (Janina Rahn)

Wildeshausen. „Mein kleines Spielzeug“ nennt Marion Seyfried ihren Kran, den sie fürs Foto eben mal souverän in Position gefahren hat. Das Spielzeug ist knapp 15 Meter lang, 60 Tonnen schwer und besitzt eine Hubkraft von 100 Tonnen. Seyfried beeindruckt das nicht mehr, sie weiß damit umzugehen. In ein paar Stunden fährt sie mit ihrem Koloss plus Begleitfahrzeug Richtung Schleswig-Holstein zum nächsten Baustellen-Einsatz.

Nun ist der Beruf des Kranführers als solcher nicht unbedingt besonders. Besonders ist da schon eher die Tatsache, dass Marion Seyfried eine Frau ist – denn damit genießt sie immer noch Exotenstatus in der Branche. „Im Bremer Umland kenne ich nur ein, zwei weitere Frauen, die das machen“, berichtet sie. Bei der Wildeshauser Firma Hüffermann ist sie unter knapp 100 Kranführern die einzige.

Entsprechend häufig trifft Seyfried auf staunende oder überraschte Gesichter. Die Palette der dann folgenden Reaktionen ist dabei weit gefasst. „Das reicht von völligem Unverständnis bis hin zur totalen Begeisterung.“ Seyfried hat sich daran gewöhnt, kokettiert teilweise auch damit. „Auf irgendeiner Baustelle stand der Wagen des Poliers mal so blöd, dass ich – damals noch mit dem Lkw – nicht reinfahren konnte. Ein Mann habe daraufhin ihre Unfähigkeit als Frau verantwortlich gemacht. Mit den Worten „Dann mach’ du mal“ habe sie ihm kurzerhand die Schlüssel in die Hand gedrückt. Und? „Hat er auch nicht geschafft“, erinnert sie sich lachend. Doch so läuft es nicht immer ab. Als Kranführerin sei sie – ohne besonderen Anlass – auch schon mal der Baustelle verwiesen worden. „Da muss man schon ein dickes Fell entwickeln.“

Generell müsse sie als Frau jeden Tag aufs Neue beweisen, dass sie es kann. „Vielleicht ist das aber auch die Herausforderung, die ich an diesem Beruf so sehr mag“, ergänzt sie. Auf dumme Bemerkungen weiß sie mittlerweile zu kontern. Verweist sie jemand „hinter den Herd“, reagiert sie trocken: „Was soll ich da? Ich bin doch keine Elektrikerin.“

Kranführerin wollte Seyfried keineswegs von Kindesbeinen an werden. 1986 in Chemnitz geboren, wuchs sie zunächst im beschaulichen Bautzen auf, bei den Großeltern, wie sie erzählt, da die Eltern – ihre Mutter war Reitlehrerin, ihr Vater Kfz-Meister – beruflich zu sehr eingespannt waren. Nach der mittleren Reife versuchte sich Seyfried als Kinderpflegerin: „Obwohl ich mit Kindern gut kann, war das irgendwie nichts für mich.“ Kurzentschlossen sattelte sie auf Postbotin um, brach aber auch diese Ausbildung ab. Das Arbeitsamt stellte sie schließlich vor die Wahl: Entweder Altenpflegerin oder Berufskraftfahrerin. Seyfried entschied sich für letzteres, lernte bei einer Umzugsfirma und blieb. „Da bin ich meinen ersten 18-Tonner gefahren“, erinnert sie sich. Allerdings hätten ihr die Jungs damals nichts geschenkt. „Den Respekt musste ich mir hart erkämpfen.“ Sogenannte Schrotttouren sei sie dort viel gefahren, habe bei Kunden Elektromüll eingesammelt – und war unter knapp 30 Fahrern die einzige Frau.

Als Berufskraftfahrerin mit Schwerpunkt Güterverkehr bewarb sie sich nach der Lehrzeit bei anderen Unternehmen – und hatte erneut gegen Vorbehalte zu kämpfen. „Einige Firmen haben mir glasklar gesagt, dass sie keine Frauen einstellen. Andere trauten mir die Arbeit nicht zu.“ Eine kleine Spedition in Hoyerswerda gab ihr schließlich eine Chance. „Mehr als schiefgehen kann’s ja nicht“, habe der Chef gesagt. Und dass sie den Lkw mit nach Hause nehmen müsse, wegen Platzmangel. Kurzerhand stellte sie ihren 40-Tonner am Bahnhof ab, lief von dort abends nach Hause. Die erste Tour ist Seyfried nachhaltig in Erinnerung geblieben. Nach Berlin habe sie fahren müssen, Ladung von Schenker holen, und weiter nach Italien. Vom Zusammenhalt der Fernfahrer schwärmt sie noch heute. „Man konnte an jedem Lkw klopfen, alle haben geholfen.“ Auf einer Raststätte habe ein Italiener mal zehn Lkw-Fahrer mobilisiert, enger aneinander zu parken, damit sie als Elfte noch mit reinpasst. Noch heute klingt ihr das „Momento, momento“ in den Ohren, als sie frustriert habe weiterfahren wollen.

Frauen hat sie auf ihren Touren kaum getroffen. „Wenn’s hochkommt, vielleicht zwei“, überlegt Seyfried. Die Branche ist halt männerdominiert, da hört man dann schon mal beim Kunden: „Kannst deinem Freund jetzt sagen, dass er abladen kann.“ Das nehme man irgendwann gelassen hin.

Ein weiterer Jobwechsel folgte. Wieder eine Spedition, in Mulkwitz, doch diesmal war sie die zweite Frau im Team – bei insgesamt rund 300 Fahrern. „Von der Disposition wurden wir liebevoll Schneckentransport genannt“, erzählt sie. Knapp vier Jahre später wechselte sie dann zu einer Bautzener Baufirma und war „wieder einzige Frau im Team“. Erstmals fuhr sie auch Schwertransporte, „mit drei, vier Meter Überhang und Begleitfahrzeug“.

Auf einer Baustelle in Berlin lernte sie ihren heutigen Lebensgefährten kennen, damals Kranführer bei Hüffermann. „Probeweise ließ er mich mal die Raupe bedienen“, erzählt sie noch immer fasziniert von den ersten Erfahrungen mit einem Kran. Aus der zunächst gelebten Wochenendbeziehung wurde mehr. Seyfried zog für die Liebe in den Norden – und wurde Kranführerin. „Bei Hüffermann, also zunächst bin ich nur die Begleitfahrzeuge gefahren.“ Das reichte ihr aber nicht, „zu langweilig“, wie sie bemerkt. Sie machte den Kranschein, übte immer wieder auf diversen Baustellen. Ihr erster richtiger Einsatz kam spontan, „Betondecke legen“ mit einem Drei-Achs-55-Tonner. Alles lief gut. „Für Anfänger ist Decke legen perfekt – dabei lernt man alles“, erzählt die 33-Jährige, die in ihrer Freizeit gerne Fantasy-Romane liest oder auf ihrem Wallach „Piccolo“ Ausritte unternimmt.

Mittlerweile bedient Seyfried einen Fünf-Achs-100-Tonner, ist bundesweit für Einsätze unterwegs, auch für „kniffligere Aufgaben“, etwa für Arbeiten bei Exxon „in unmittelbarer Nähe zu Gasleitungen“. Ihr jetziger Kran ist ein Modell der mittleren Größenklasse. Oder wie Seyfried es formuliert: „Mit meinem Kran bin ich noch relativ niedlich unterwegs.“

Mit dem Pkw parkt Marion Seyfried übrigens nur noch ungern ein. „Das ist mir irgendwie alles zu klein“, lacht sie. „Ich brauche die zehn Meter hinter mir.“


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?