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Verklärte Stufen des Abstiegs

Günter Matysiak 20.11.2018 0 Kommentare

Susanne Bard und Jörg Schüttauf glänzten als Sarolta Feszely und Paul Abraham und wurden mit stehenden Ovationen belohnt.
Susanne Bard und Jörg Schüttauf glänzten als Sarolta Feszely und Paul Abraham und wurden mit stehenden Ovationen belohnt. (Janina Rahn)

Delmenhorst. Im vergangenen Sommer hatte das Delmenhorster Publikum die Gelegenheit, in einer Inszenierung der Musikschule die Musik Paul Abrahams in Gestalt seiner Operette „Ball im Savoy“ kennenzulernen. Wen das neugierig gemacht hatte, mehr über diesen Komponisten zu erfahren, als es das Programmheft zu dieser Inszenierung hergab, war sicher erfreut, als er im Spielplan des Kleinen Hauses ein Stück entdecken konnte, das sich just mit diesem Komponisten beschäftigt. Der aus Magdeburg stammende Autor Dirk Heidicke hat „Abraham“ geschrieben, eine Tragikomödie, die am Montag im Kleinen Haus in einer Produktion der Kammerspiele Magdeburg in der Inszenierung von Klaus Noack zu sehen war und am Schluss mit stehenden Ovationen bedacht wurde. Für den Inszenierungserfolg sorgten auch die beiden Protagonisten des Zweipersonenstücks, Jörg Schüttauf als Paul Abraham und Susanne Bard als seine Frau Sarolta Feszely. Susanne Bard spielte auch die Frauen, die in Abrahams amourösen Leben eine Rolle spielten.

Das Stück ist ein Stück der Erinnerungen, der Rückblenden. Es springt hin und her in den Zeiten, was einen Spannungsbogen nur schwer aufbaut. Dabei bleibt es weiten teils verhaftet in vordergründig biografischen Bereichen. So engt es diese Biografie eines großen Künstlers ein auf seinen Abstieg, was eines Spannungsbogens auch abträglich ist. Der Zuschauer erlebt diesen Paul Abraham gleich zu Beginn in seinen letzten Hamburger Tagen als geistig umnachteten Mann. Und er bleibt das letztlich auch, wenn die Rückblenden ihn in andere Zeiten stellen. Das lässt auch die Zeiten des Erfolges, des Ruhms im Lichte des Abstiegs sehen, was indes die Tragik dieses Lebens umso deutlicher macht.

So ein Stück steht und fällt mit seinen Darstellern. Und mit Jörg Schüttauf und Susanne Bard stand ein Schauspielerpaar auf der Bühne, das einmal mit der Zwiespältigkeit eines Charakters virtuos umgehen konnte (Schüttauf), das zum anderen anstrengungslos eine ganze Reihe von Typenstudien auf die Bühne brachte (Bard): zwischen mondäner Operettendiva und sorgenbedrängter Sarolta, die ihr „Du musst dich erinnern“ mit stoischer Eindringlichkeit wiederholte. Erinnerungen, Rückblenden ließen Zeiten des Ruhms per zeitgenössischer Film- und schallplattenknisternder Musikeinspielungen lebendig werden. Sie ließen Jörg Schüttauf auch den Dirigenten Abraham spielen, der – in diesem Fall etwas pflichtschuldig dem biografischen Aspekt folgend – dem Orchester die Ungewöhnlichkeit seiner Instrumentation oder die Kompliziertheit seiner Rhythmik klar machte.

Erinnerungen waren aber auch die vom umnachteten Geist verklärten Stufen des Abstiegs, die Verweigerung, die Wahrheit zu sehen. Die Rückblenden führten die Zuschauer an die Orte seiner gesunden Jahre, nach Budapest, Berlin, später emigrierend vor den Nazis nach Paris, Wien, Havanna und New York, wo er als Barpianist, unheilbar krank, endgültig am Ende angelangt, auf einer Straßenkreuzung den Verkehr mit seinen unerlässlichen weißen Handschuhen dirigierte und in eine psychiatrische Klinik gesperrt wurde, wo er sich die nächsten zehn Jahre aber im Hotel „Windsor“ wähnte.

Diese Lebensstationen, die Klinik ausgenommen, waren schöne Gelegenheiten für jeweils der Zeit zugehörige Musik. Jens-Uwe Günther war dezenter Begleiter am zum chaotisch unaufgeräumten Bühnenbild gehörigen Flügel, wenn Susanne Bard ihre sängerischen Qualitäten zwischen strahlend, voluminösen Operettensopran, zerbrechlicher Diseusen-Stimme und Blues-Röhre präsentierte. Auch Jörg Schüttauf besitzt eine schöne Singstimme, und wenn beide im Duett ihr „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ sangen, das leitmotivisch den Abend durchzog, war das zutiefst anrührend.

Auch weil so ein Lied gemahnen könnte an die andere Tragik der Handlung des Stückes. Dass Abraham als Jude von den Nazis aus  Berlin vertrieben wurde, kommt nur am Rande vor. Die Szene, in der ein Straßenmädchen Paul Abraham in die Hose guckt und sagt „Mit Juden mach ich's nicht“, tendierte zur Plattheit. Wenn Abraham in die Ecke pinkelte und der Pianist dazu ganz tonmalerisch seinen Triller spielte, war das lustig. Und auch die Fahrstuhlszene mit ihrer Molltonleiter gehörte auf die unterhaltsame Habenseite dieser Inszenierung eines Stückes, dem es bisweilen an Tiefe mangelte.


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Leserkommentare
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