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„Wir verlernen das Denken“

Björn Struß 05.12.2018 0 Kommentare

Herr Figge, mein Smartphone trage ich in der Jackentasche über dem Herzen, oft auch in der Hosentasche. Nachts liegt es auf dem Nachttisch neben meinem Kopf. Muss ich mir um meine Gesundheit sorgen machen?

Christian Figge: Ja und nein. In der Medizin sagt man: Das Gift alleine ist nicht das Problem, sondern die Dosis macht das Gift. Das gilt für Substanzen wie auch für technische Geräte. Man kann sich auch mit Wasser vergiften. Wenn man 30 Liter Wasser auf einmal trinkt, stirbt man ebenfalls. Und so ist es auch mit den Medien. Beim Smartphone haben wir verschiedene Dinge, die uns schaden können. Das fängt mit der hoch unsicheren Frage der Elektrostrahlung an. Da kann derzeit niemand bestimmen, wie viel noch erträglich ist und ab wann es schädlich wird. Es gibt extrem widersprüchliche wissenschaftliche Ergebnisse.

Wie kommt es denn, dass die Studien in Bezug auf die Strahlung noch so widersprüchlich sind?

Das liegt unter anderem daran, dass für die Studien nicht wirklich am Menschen geforscht werden kann. Es gibt keine Studie, bei der sich Probanden freiwillig über Jahre ein Smartphone direkt neben ihren Hoden platzieren lassen. Man darf Menschen solchen Versuchen nicht aussetzen. Und Tierversuche lassen sich nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen.

Und abseits der Frage nach der Strahlung? Welche Gefahren für die Gesundheit bestehen noch?

Das Smartphone stellt uns eine große Menge an Informationen zur Verfügung. Dadurch nimmt es Einfluss auf die Art, wie wir denken. Es suggeriert, dass es uns beim Denken unterstützt. Häufig übernimmt es aber so viele Denkfunktionen, dass wir das Denken verlernen. Wir merken uns keinen Weg mehr, sondern befragen die Map. Wir merken uns keine Telefonnummer mehr, sondern sagen nur den Namen und das Handy gibt uns die Nummer. Das sind Dinge, mit denen wir normalerweise unser Gedächtnis trainieren. Wir verlieren die Denkfähigkeit Stück für Stück.

Machen uns diese Hilfsmittel also dumm?

Ja, da kann man ganz klar von ausgehen. Das Denken besteht im Prinzip aus drei Schritten. Zunächst gibt es das, was man schon weiß. Dann kommt ein Problem, das man lösen muss. Dafür muss man einen Gedanken über einen längeren Zeitraum verfolgen. Das muss man üben. Man muss sich mehrere Fakten hintereinander merken können, ohne zwischendurch etwas nachzuschlagen oder zu googeln. Denn das fragmentiert das Denken, sodass wir keinen längeren Gedanken mehr aufbauen können.

Es gibt die Faustregel: Man muss nicht alles wissen, sondern nur wissen, wo es steht. Ist das der falsche Ansatz?

Das kann funktionieren, wenn man eine Vorstellung davon hat, was man eigentlich sucht. Das Problem der Internetsuche ist, dass man Klick für Klick sucht. Man hat keine Strategie, sondern beginnt mit irgendeinem Begriff. Was dann erscheint, wird angeklickt und so springt man von Seite zu Seite. Da kommen dann zum Teil ganz skurrile Ergebnisse heraus. Es ist eine Versuchung der Leichtigkeit.

Ein viel diskutiertes Thema ist auch die ständige Erreichbarkeit.

Für denjenigen, der jemanden erreichen möchte, ist das natürlich schön. Um aber einen vernünftigen Gedanken zu formen, braucht man Ruhe. Jedes Mal, wenn man von einem Thema abgebracht wird, muss man sich auf das konzentrieren, was gerade stört. Ob es nun ein privater oder beruflicher Kontakt ist. Dieser Themenwechsel ist immer mit einem Ein- und Ausarbeiten verbunden. So ist man extrem wenig effektiv.

Ist die Erreichbarkeit ein Stressfaktor, der auch zum Burn-out führen kann?

Ja, das ist auch eine Ursache für Burn-out. Man merkt, dass man die eigentliche Aufgabe nicht mehr schafft. Dieses Gefühl löst eine Anspannung aus. Trotzdem hat man das Bedürfnis, die Anfragen sofort zu beantworten. Das ist manchmal schon eine Art Sucht. Es konkurrieren dann zwei Stressfaktoren.

Für Kinder sind Smartphones und Co. heute selbstverständlich. Einige Lehrer beobachten, dass die Abhängigkeit von den Geräten immer höher wird.

Das ist eine extrem große Gefahr, weil die Kinder nicht mehr spielen. Oder sagen wir es so: Weil sie nicht mehr mit all ihren Sinnen spielen. Der große Fluch dieser modernen Geräte ist das Wischen. Man hat schon Kinder gesehen, die alte Bücher aufschlagen und über die Seiten wischen – in der Hoffnung, dass dann etwas passiert. Wenn man sich ansieht, wie Kinder im Alter zwischen drei und zwölf Jahren lernen, dann lernen sie mit dem Greifen. Indem sie buchstäblich etwas begreifen, also in die Hand nehmen, drücken oder fühlen. Dieses Haptische wird verloren gehen, wenn es für alle Informationen nur noch eine Körperbewegung gibt: das Hin-und-Her-Wischen. Das Gehirn verarmt regelrecht.

Sollen Eltern das Internet und Smartphones also möglichst lange verbieten?

Das Beste ist, wenn man mit den Kindern etwas zusammen macht. Wenn das Kind sieht, dass der Papa ans Handy geht, hat man schon verloren. In diesem Fall ist es wichtig, nicht dem Kind das Gerät wegzunehmen, sondern sein eigenes Gerät wegzulegen. Das Kind kopiert, was wir machen. Und: Lieber Geschichten erzählen, anstatt Fernsehen zu gucken. Kinder gucken dem Vater oder der Mutter auf den Mund, wenn diese Geschichten erzählen. Sie gucken ungern einem Nachrichtensprecher oder Benjamin Blümchen auf den Mund.

Aber spätestens, wenn in die Schule alle Freunde ein Smartphone haben, stecken die Eltern in einer Zwickmühle.

Ja, das ist dann schwierig. Aber auch dann ist es sinnvoll, wenn die Kinder die Geräte so wenig wie möglich benutzen. Die Frage für die Eltern ist dann, wie viel man im Konkurrenzkampf mit den anderen Familien aushalten kann. Da wird es mutige Vorreiter geben müssen. So ähnlich wie es auch Familien gibt, bei denen man gesund isst oder wenig Fernsehen guckt, wird es auch Familien geben, die das Smartphone wenig nutzen. Am Anfang wird man sie belächeln, doch am Ende sind diese Kinder die Vorgesetzten.

Sollten wir uns für den technologischen Fortschritt mehr Zeit nehmen und die Forschung mehr berücksichtigen?

Es kommt darauf an, wo man hin möchte. Natürlich kann man eine Gesellschaft entwickeln, die abhängig ist von Smartphones. Im Moment wetteifern die Ministerien ja geradezu um die digitale Zukunft, als hinge alles davon ab. Das Problem ist, dass so viele Eigenschaften unseres menschlichen Wesens auf der Strecke bleiben. Die Frage ist, ob wir auf all das verzichten möchten.

Worauf müssten wir konkret verzichten?

Auf die Fähigkeit, einen Gegenstand dreidimensional wahrzunehmen. Auf die Fähigkeit, Riechen, Schmecken, Fühlen und Raumvorstellung in Beziehung zu setzen. Auf die Fähigkeit, einen komplexen Gedankengang zu entwickeln. All das ist durch die allumfassende Digitalisierung in Gefahr. Das Problem der im Internet verfügbaren Informationen ist nicht, dass sie schlecht wären. Das sind sie nicht. Das Problem ist die ständige Verfügbarkeit, sodass unser Gehirn nicht mehr zum Arbeiten kommt.

Die Digitalisierung gilt als Schlüssel für die Wirtschaft der Zukunft. Müssen wir uns von diesem Druck befreien?

Das ist fast eher eine Frage für den Wirtschaftswissenschaftler. Aber mit wirtschaftlichem Druck kann man letztlich alles rechtfertigen, sogar Waffenlieferungen. Die Frage ist, wie weit wir uns dem sogenannten wirtschaftlichen Druck wirklich beugen wollen.

Das Interview führte Björn Struß.

Zur Person

Dr. Christian Figge (58)

ist Psychiater und Ärztlicher Direktor der Karl-Jaspers-Klinik nahe Oldenburg. Am Montag, 10. Dezember, hält er um 19.30 Uhr einen Vortrag im Hanse-Wissenschaftskolleg, Lehmkuhlenbusch 4. Die Veranstaltung der Delmenhorster Universitäts-Gesellschaft steht unter dem Titel „Wie krank machen die neuen Medien?“ und kann kostenlos besucht werden.


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Leserkommentare
reswer am 22.10.2019 09:01
Die wollen lieber ihre subventionierten Biogasanlagen behalten........Ihre Felder mit Nitrat verseuchen...zum Nachteil aller Menschen.......und ...
gorgon1 am 22.10.2019 08:55
@ManUD7... Schuld, ok, dass ist in erster Linie der Konsument ...

Moin, weshalb das denn? Würde nicht so rumgeaast in der Landwirtschaft ...