Bürgerinitiative

Dem Goliath die Leviten gelesen

Die Bürgerinitiative „NoMoorGas“ hat ihr Ziel erreicht und am Mittwochabend mehrere Hundert Menschen aus Ottersberg und Oyten für den Protest gegen die Erdgasförderung mobilisiert. Auch die Dea zeigte Flagge.
06.12.2018, 17:05
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Dem Goliath die Leviten gelesen
Von Lars Köppler

Es brodelte am Mittwochabend im pickepackevollen Saal der Ottersberger Waldorfschule am historischen Amtshof. Die Gemüter der Bürger waren erhitzt, das merkte man schnell, doch mit seinem Appell für einen fairen und respektvollen Umgang hatte Malte von Monkiewitsch von der Bürgerinitiative „NoMoorGas“ im Rahmen der Informationsveranstaltung zu den geplanten seismischen Messungen des Energiekonzerns Deutsche Erdoel AG (Dea) offenbar schon vor dem Beginn der Podiumsdiskussion den richtigen Ton getroffen. Denn dass der mehrstündige Besuch für die Dea-Vertreter Olaf Mager und Alexander Prexl letztlich nicht der befürchtete Spießrutenlauf war, lag ganz sicher auch an den beschwichtigenden und zur Disziplin mahnenden Worten des engagierten Aktivisten.

Neun Interessenvertreter mit unterschiedlichen Sichtweisen hatten auf dem Podium Platz genommen und sich auf eine harte Debatte vorbereitet. Aufseiten der Politik waren es die Landtagsabgeordneten Axel Miesner (CDU), Dörte Liebetruth (SPD) und Helge Limburg (Grüne), die in Ottersberg ihren Standpunkt vertraten und Einblicke in die Kommunal- und Landespolitik gaben. Als Expertin der Bürgerinitiative „Kein Fracking in der Heide“ war derweil Renate Maaß aus dem Landkreis Harburg angereist, um von ihrem jahrelangen Kampf gegen die Erdgasförderung vor Ort zu berichten.

Ebenfalls als Gast und lokaler Mitstreiter der Bürgerinitiative „Sauberes Trinkwasser“ für den Südkreis Rotenburg saß der Umweltaktivist Andreas Rathjens neben den Gastgebern Sonja Sievi (BI NoMoorGas) und eben Malte von Monkiewitsch, der gleich mal klarstellte, wie entschlossen es seine überaus umtriebige und rasant wachsende Gruppe mit dem vermeintlichen Goliath aufnimmt. Zwar war die Dea-Delegation mit der guten Nachricht nach Ottersberg gereist, dass der Konzern den Antrag für die ursprünglich geplanten seismischen Messungen in den Landkreisen Verden, Diepholz, Osterholz und Rotenburg nun auch schriftlich beim Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) zurückgezogen habe, davon zeigte sich von Monkiewitsch jedoch unbeeindruckt. „Unser Widerstand hat die Politik, die Medien und mittlerweile auch die Führungsspitze der Dea erreicht“, stellte der Aktivist süffisant mit einem Seitenhieb auf das Dea-Duo fest und fügte hinzu: „Wir verstehen es als unsere Aufgabe, die Menschen zu informieren. Und es gibt uns Kraft, dass wir immer mehr Menschen motivieren können. Gemeinsam haben wir schon extrem viel erreicht.“

Öffentliche Entschuldigung

Pluspunkte beim Publikum konnte indes sogar Olaf Mager mit seiner Selbstkritik sammeln. Der Leiter der Unternehmenskommunikation räumte – ehe es thematisch ans Eingemachte ging – ein, „einen Fehler in der Kommunikation“ gemacht und aus einer anderen nicht gerade geglückten Bürgerinformationsveranstaltung „falsche Schlussfolgerungen“ für Ottersberg und Oyten gezogen zu haben. „Unsere Bemühungen haben nicht ausgereicht, dafür möchte ich mich entschuldigen“, sagte er. Dennoch brach Mager natürlich auch eine Lanze für das Geschäftsmodell seines Arbeitgebers. „Es ist nicht unmoralisch, was die Dea macht. Wir halten uns an Gesetz und Ordnung. Dann muss die Politik die Gesetze ändern.“ Alexander Prexl, Projektleiter der Dea-Seismik-Kampagne, ergänzte: Es gehe nicht darum, Zeit zu schinden. „Wir wollen in einen ergebnisoffenen Dialog mit den Bürgern treten. Es gibt sicher Möglichkeiten für Kompromisse.“

Wenig glaubhaft erschien dem Publikum derweil die Aussage des Duos, an dem Rückzug festzuhalten. „Wir wollen das umsetzen, was wir mit dem Zurücksetzen des Antrages auf Genehmigung für seismische Messungen beschlossen haben. Da gibt es keinen Zweifel. Wir haben derzeit keine Pläne, diesen Antrag erneut zu stellen. Vielmehr halten wir es für notwendig, mit der Bevölkerung zu sprechen“, sprach Mager ins Mikrofon. Einig waren sich die Gegner der Erdgasförderung darin, dass Trinkwasserschutz eindeutig vor Rohstoffsicherung stehen müsse. „Daher muss das Bundesberggesetz geändert werden“, sagten Dörte Liebetruth und Axel Miesner im Einklang. Schließlich sei Wasser „unser Lebensmittel Nummer eins“, stellte Renate Maaß fest.

Initiative will wachsam bleiben

Beendet ist das Kapitel „seismische Messungen“ trotz des vorzeitigen Rückzugs der Dea für die Bürgerinitiative mitnichten. Sollte sich das Unternehmen zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden, doch noch seismische Messungen in dem Gebiet vornehmen zu wollen, so müsste die Dea einen neuen Antrag einreichen. Diesen Antrag würde das LBEG dann nach den fachlichen und rechtlichen Vorgaben prüfen. Dabei müsste die Landesbehörde – wie üblich bei diesen Verfahren – auch die betroffenen Landkreise und Gemeinden einbinden. Für Malte von Monkiewitsch und sein Team bedeutet dieser nach wie vor unsichere Zustand, weiterhin wachsam zu bleiben und die Schlagzahl oben zu halten. So dürften noch weit mehr als die bisherigen 3000 roten X-Kreuze als Zeichen des Protests in seinem Schuppen gebaut werden.

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