Olympia

„Die Illusion von Gewinn hat blind und träge gemacht“

Zu Tausenden und Abertausenden ging sie von Wilhelmshaven aus in die Welt. Vor 30 Jahren erlebte die berühmte Schreibmaschine ihren Niedergang.
26.10.2020, 15:20
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„Die Illusion von Gewinn hat blind und träge gemacht“
Von Jürgen Hinrichs

Der Bremer Tammo Hinrichs hat bei Olympia in Roffhausen 1959 als Lehrling angefangen und es nach der Ausbildung schnell in eine Spezialabteilung geschafft. Er war mit seinen Kollegen für den Fernverkauf zuständig. „Wir hatten 131 Filialen in der ganzen Welt“, sagt Hinrichs. Olympia sei damals der Arbeitgeber schlechthin gewesen, „man fühlte sich als etwas Besonderes“. Ganz allgemein, weil das Unternehmen einen guten Ruf hatte und den Arbeitnehmern Sicherheit gab. Und sowieso bei den Damen und Herren aus der „gestärkten Unterhosenabteilung“, wie das Referat für die Auslandsgeschäfte im Werk gehänselt wurde.

„Wir kamen jeden Tag geschniegelt zur Arbeit und sprachen dort meistens Englisch oder andere fremdländische Sprachen“, erinnert sich der 78-Jährige. Sie waren Exoten unter all den anderen, herausgehoben, und dann folgt der Spott ja meist auf dem Fuße. Die Kleiderordnung hatte ihren Grund, es hätten schließlich jederzeit wichtige Kunden aus Übersee in der Tür stehen können.

„Olympia war damals Weltmarktführer“, sagt Hinrichs. Der pensionierte Schulleiter reist gerne und schaut dann, ob er nicht irgendwo noch eine der Maschinen entdeckt. Ein Grund, warum sie so erfolgreich waren, gerade auch dort, wo es warm und feucht ist, sieht er im Produktionsverfahren: „Die Typenhebel wurden in Öl gekocht, das kroch in jede Pore und verhinderte später Rost.“ Einzigartig, diese Technik, sagt Hinrichs. „Deswegen wollten alle Olympia haben.“

Und noch etwas, „eine Revolution“. Den Bestseller „Monica“, ohnehin schon günstig im Preis, konnten die Kunden in Teilzahlung erwerben. 20 Mark, und den Rest später in weiteren Raten. Das hat enorm Absatz gebracht.

Hinrichs erinnert sich, wie er mit anderen jungen Leuten aus der Belegschaft zum Generaldirektor gerufen wurde. Der mächtige Mann wollte wissen, wie sie das Unternehmen einschätzen, was zu tun sei für die Zukunft. Damals ging es gerade los mit Geräten, die heute als Vorstufen des Computers gelten. Der Direktor musste sich von seinen Angestellten fragen lassen, warum Olympia zögert. „Er erklärte uns, dass die alten Maschinen produziert werden sollen, solange sie marktgängig seien. Die Entwicklung der neuen Technologie laufe parallel, komme aber erst später zum Einsatz.“ Doch dann, so Hinrichs, sei alles viel schneller gegangen als gedacht. „Es gab eine Illusion von Gewinnmargen, die blind und träge gemacht hat.“

Hinrichs hat Olympia nach sechs Jahren verlassen. Er wollte noch etwas anderes ausprobieren, fing mit dem Studieren an und kam nur in den Semesterferien nach Roffhausen zurück, um Geld zu verdienen. Die Zeit dort sei spannend gewesen und etwas davon sei geblieben, außer den Erinnerungen natürlich: „Wir haben bei uns zu Hause noch drei Maschinen stehen. Die gebe ich nicht her.“

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