Nitrat im Grundwasser

Der Güllestreit von Goldenstedt

In der Gegend um Goldenstedt sind die Nitratwerte im Grundwasser zu hoch, weshalb hier künftig verschärfte Düngeregeln gelten könnten. Hier soll nun eine Düngeaufbereitungsanlage gebaut werden.
07.09.2019, 19:03
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Der Güllestreit von Goldenstedt
Von Marc Hagedorn

Die Menschen in Goldenstedt sind stolz auf ihre Arkeburg, eine Wallburg aus dem achten Jahrhundert, und auf die goldene Brücke, ein Kunstwerk, das sich über das Flüsschen Hunte spannt. Die Goldenstedter gehen gern zum Schwimmen und Sonnenbaden an den Hartensbergsee am Ortsrand, oder sie fahren zum Haus im Moor, um mit der Moorbahn durchs angrenzende Hochmoor zu zuckeln. Zurzeit ist die Idylle aber gestört. Plakate an den Ausfallstraßen geben einen Eindruck davon. „Goldenstedt = Gülle-­stedt?“ steht auf einem Banner, „Goldenstedt will keine Güllefabrik“ auf einem anderen.

Michael Wübbelmann ist Erster Gemeinderat von Goldenstedt, knapp 10.000 Einwohner und rund 50 Kilometer südlich von Bremen gelegen. Wübbelmann arbeitet seit 35 Jahren in der Verwaltung und kennt sehr viele Menschen im Ort. Er ist ein guter Seismograf für die herrschende Befindlichkeit. Er sagt: „Das Thema bewegt die Bevölkerung, ganz klar. Im privaten Kreis, beim Treffen mit Freunden und Bekannten, wird mindestens einmal am Abend über diese Anlage gesprochen.“

Lesen Sie auch

Diese Anlage, das ist eine Gülleaufbereitungsanlage, die im Goldenstedter Ortsteil ­Varenesch gebaut werden soll. Sie steht noch nicht und wird vielleicht auch niemals kommen. Aber die Pläne gibt es, und sie sind schon sehr konkret. Der Streit um die Gülleaufbereitungsanlage in Goldenstedt taugt sehr gut, um zu erzählen, wie schwierig das alles unter einen Hut zu bekommen ist: die Senkung der Nitratwerte im Grundwasser, die Anliegen der Bevölkerung, die Sorgen der Bauern und die Pläne der Industrie.

Die Gegend hier draußen hat ein Problem. Die Belastung des Grundwassers mit Nitraten ist zu hoch. Deutschland hat deshalb mit der EU-Kommission großen Ärger, Deutschland muss die Nitratbelastung dringend reduzieren, sonst werden Strafzahlungen fällig. Das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium wird aus diesem Grund am Dienstag sogenannte rote Gebiete ausweisen, in denen künftig verschärfte Düngeregeln gelten sollen.

Landwirte von immer neuen Vorgaben genervt

Heinrich Dierkes betreibt in Goldenstedt Sauenhaltung und Schweinemast. Es ist gut möglich, dass sein Hof ab Dienstag in einem dieser roten Gebiete liegt. Für ihn ist das ein harter Schlag. „Wir haben uns immer an die Vorschriften gehalten“, sagt er, „wenn jetzt pauschal rote Gebiete ausgewiesen werden, entwertet das pauschal unsere Arbeit der letzten zehn Jahre.“ Wie er sind viele Landwirte genervt davon, dass die Politik immer wieder neue Vorgaben macht. Drei Kollegen, erzählt Dierkes, hätten in den vergangenen Monaten ihren Hof abgegeben, „die Frustration ist unglaublich hoch.“

Die Landkreise Vechta, Cloppenburg und Oldenburg sind eine Hochburg der Landwirtschaft. Mit allen Vor- und Nachteilen. Die Landwirtschaft hat die Gegend reich gemacht, die nachgelagerte und zuliefernde Industrie gibt den Menschen Arbeit. Allerdings ist das Südoldenburgische auch ein Zentrum der Massentierhaltung. Vieh macht Mist, viel Vieh macht viel Mist. Aber wohin mit der Gülle? Natürlich auf die Felder. Und mit dem Rest? Er wird, oft über Hunderte Kilometer, quer durchs ganze Land gefahren. Gegner haben das Wort „Gülletourismus“ dafür erfunden.

Lesen Sie auch

In Vechta, 20 Minuten südwestlich von Goldenstedt, hat die Firma Weltec Biopower ihren Sitz. Sie will die Gülleaufbereitungsanlage in Goldenstedt bauen. Weltec-Sprecherin Ann Börries sagt: „Wir reduzieren das Transportaufkommen und helfen kleinen Betrieben.“ Wenn demnächst die Güllemengen reduziert und die Zeiten verkürzt werden, in denen Gülle auf die Felder gebracht werden darf, müssen die Höfe zusätzliche Lagerräume schaffen. Das kostet Geld. Weltec begreift sich als attraktive Alternative. Die Bauern sollen keine zusätzlichen Silos bauen oder die überschüssige Gülle in die weite Welt transportieren müssen, sondern sie einfach nach Goldenstedt bringen. Dort wird laut Weltec über ein aufwendiges und mehrstufiges Verfahren aus der Gülle 60 Prozent Klarwasser, 30 Prozent flüssiges Nährstoffkonzentrat und zehn Prozent fester Dünger gewonnen.

Für Wilfried Janzen hört sich das alles zu schön an, um wahr zu sein. Wenn Janzen, pensionierter Tischlermeister, in seinen Garten tritt, sieht er hinter einem angrenzenden Kartoffelfeld ein Windrad und eine Biogasanlage. Bald soll noch die Gülleaufbereitungsanlage dazu kommen, zu ihr gehören sechs Tanks und eine Halle. Drei der Tanks fassen mehrere Millionen Liter Gülle und Güllekonzentrat. In der Halle, 100 Meter lang, zehn Meter hoch, sollen jährlich 200.000 Tonnen Gülle, Mist und Gärreste verarbeitet werden. Janzens Punkt: „So viel Gülle haben unsere Bauern hier aber gar nicht.“

Ein niedriger Viehbestand bedeutet mehr Verkehr

Tatsächlich gehört Goldenstedt in der Region zu den Kommunen mit dem niedrigsten Viehbestand. Deshalb ist das Einzugsgebiet für die Gülleaufbereitungsanlage nach der ersten Planung von zehn Kilometern inzwischen auf einen Radius von 25 Kilometern erweitert worden. Und das heißt: doch wieder mehr Verkehr, der auch noch von weiter herkommt. Janzen hat das einmal ausgerechnet. Vor ihm liegt ein Zettel, auf dem er mit roter Tinte die Lieferangaben der Firma Weltec in Lkw-Fahrten umgerechnet hat. Janzen kommt auf 86 Lkw, die pro Tag die Anlage an- und von ihr wieder abfahren, in der Hauptsaison könnten es sogar 130 sein, schätzt er. Die meisten Lkw dürften über eine Zufahrtsstraße kommen, die Bauamtsleiter Wübbelmann ein Nadelöhr nennt. „Zu Stoßzeiten gibt es hier schon mal Rückstaus von 300 Metern Länge“, sagt Wübbelmann. Außerdem ist die Strecke für einige Kinder auch Schulweg.

Wenn Wübbelmann sich zu dem Thema äußert, muss er aufpassen, dass er nicht Position bezieht. Er ist Verwaltungsmann, er sollte neutral sein. Die Frage, ob die Anlage kommen soll, ist eine politische. An dieser Stelle kommt Christiane Lehmkuhl ins Spiel. Die Realschullehrerin sitzt für die Interessengemeinschaft (IGG) im Rat der Gemeinde. Die IGG ist hinter der übermächtigen CDU die zweitstärkste Kraft. Noch hat der Rat nicht zum Thema getagt, aber Lehmkuhl und die IGG haben sich schon festgelegt: Sie sind gegen den Bau der Anlage, sie arbeiten mit der Bürgerinitiative um Wilfried Janzen zusammen. Mehr als 700 Einsprüche haben sie bei Goldenstedter Bürgern gesammelt, bei zwei Informationsveranstaltungen haben sie erst 50, dann 120 Leute mobilisiert.

Lesen Sie auch

Die Gemeinde wirbt auf ihrer Homepage mit dem Slogan „Goldenstedt.de … natürlich attraktiv“. Bürgerinitiative und IGG haben Sorge, dass das irgendwann nicht mehr gilt. Aus ihrer Sicht sind viel zu viele Fragen nicht überzeugend beantwortet: Ist die Anlage ­sicher? Wie sehr wird es stinken? Wie weit kann die Anlage ausgebaut werden, wenn das Geschäft erst einmal läuft? Wohin fließt das Wasser, das zwar sauber, aber nicht trinkbar ist, mehrere Zehntausend Liter täglich? Wie groß ist die Gefahr, dass die Lkw gesundheitsgefährdende Keime nach Goldenstedt einschleppen? Weltec sagt: Die Anlage ist sicher. Das Unternehmen verweist auf Geruchs- und Lärmgutachten und darauf, interessierten Bürgern und Ratsmitgliedern beim Besuch einer ähnlichen Anlage in den Niederlanden alles über deren Arbeitsweise verraten zu ­haben. Es ist das für solche Konflikte typische Muster aus Rede und Gegenrede, Angriff und Verteidigung.

Ein falsches Signal

Kommunalpolitikerin Lehmkuhl hält, unabhängig vom Standort, die Anlage an sich für ein falsches Signal. Sie sagt: „Nimmt man solche Anlagen in Betrieb, zementiert man damit das Prinzip der Massentierhaltung.“ Weil man sich dann, meint sie, keine Gedanken mehr machen muss über zu viele Tiere, die zu viel Gülle produzieren. Bauer Dierkes ist da weniger entschieden. Er glaubt, dass die Anlage für kleinere Betriebe durchaus eine Hilfe sein könnte; nicht als Lösung aller Probleme, aber als „ein Baustein“, wie er sagt.

Der Güllestreit in Goldenstedt kann damit auch als ein Richtungsstreit verstanden werden. Es geht um die Frage, welchen Weg die Landwirtschaft in Zukunft einschlagen will. Ist die technische Weiterentwicklung der Schlüssel? Oder ist ein Ende des „Höher, Schneller, Weiter“ in der Agrarproduktion der richtige Ansatz? Wübbelmann, der Erste Gemeinderat, sagt, dass er sich spontan nur an ein Thema erinnern könne, das die Goldenstedter in der jüngeren Vergangenheit ähnlich bewegt habe wie dieses hier. Vor sechs Jahren sollten Flächen für einen Windpark ausgewiesen werden. Es ging damals hin und her. Am Ende wurde das Projekt zu den Akten gelegt.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+