Der Journalist Dr. Friedrich Mielke referierte auf Einladung der Europa-Union im Gasthaus Amtslinde über die Revolten in Nordafrika "Der gute Ruf der Deutschen ist schwer beschädigt worden"

Osterholz-Scharmbeck. Die Revolten in Nordafrika sind auch für Europa ein Problem. Das betonte der Journalist und Dozent Dr. Friedrich Mielke auf einer Versammlung des Kreisverbandes Osterholz der Europa-Union im Gasthaus Amtslinde. Bevor Mielke ans Mikrofon trat, begrüßte der Kreisverbandsvorsitzende Marcus Oberstedt die Gäste mit einem Zitat von John F. Kennedy: "Wer eine friedliche Revolution unmöglich macht, macht eine gewaltsame unvermeidbar." "Der Schutz der Menschenrechte ist eine Verpflichtung der Europäischen Union über ihre eigenen Grenzen hinaus", betonte Oberstedt. Deshalb befremde es ihn sehr, dass sich Deutschland bei der Libyen-Resolution des Weltsicherheitsrates enthalten habe.
08.04.2011, 05:00
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Von Helmut Meinerling

Osterholz-Scharmbeck. Die Revolten in Nordafrika sind auch für Europa ein Problem. Das betonte der Journalist und Dozent Dr. Friedrich Mielke auf einer Versammlung des Kreisverbandes Osterholz der Europa-Union im Gasthaus Amtslinde. Bevor Mielke ans Mikrofon trat, begrüßte der Kreisverbandsvorsitzende Marcus Oberstedt die Gäste mit einem Zitat von John F. Kennedy: "Wer eine friedliche Revolution unmöglich macht, macht eine gewaltsame unvermeidbar." "Der Schutz der Menschenrechte ist eine Verpflichtung der Europäischen Union über ihre eigenen Grenzen hinaus", betonte Oberstedt. Deshalb befremde es ihn sehr, dass sich Deutschland bei der Libyen-Resolution des Weltsicherheitsrates enthalten habe.

Diese Meinung vertrat auch Dr. Mielke. Durch langjährige Aufenthalte in den nordafrikanischen Ländern (unter anderem als Gastdozent an der Uni Riad in Saudi-Arabien) ist er ein exzellenter Kenner der dortigen Mentalität und Lebensumstände. Er freue sich über die Volksbewegungen, wisse aber nicht, was die Bundesregierung getrieben habe, als sie sich bei der Libyen-Resolution herausgehalten habe. "Sie war einfach zu feige, die Intervention mitzutragen", warf er den Berliner Volksvertretern vor. "Bislang hatten die Deutschen in Nordafrika immer einen guten Ruf; der ist jetzt schwer beschädigt worden", sagte Mielke.

Der Referent sprach sich nicht nur für eine Beteiligung an den militärischen Einsätzen aus. "Wir brauchen eine Art 'Marshall-Plan', um in den Ländern die wirtschaftliche Entwicklung voranzubringen. Nur so können dort Arbeitsplätze geschaffen und dadurch die Menschen zum Bleiben veranlasst werden."

Im Moment werde noch die "Festung Europa" zu sehr propagiert. "Der Ruck in Brüssel fehlt noch", klagte Mielke. In Marokko sei durch den König Mohammed VI. ein Entwicklungsprogramm auf den Weg gebracht worden, in dem zum Beispiel in Krankentransporte, Alten- und Krankenpflege oder in Mädchen-Internate investiert werde. Dadurch erhielten junge Leute die Chance auf einen Arbeitsplatz.

"Natürlich will der König so einer Revolution vorbeugen", meinte Mielke. Marokko sei kein besonders demokratisches Land; aber im Vergleich zu den Nachbarländern doch wesentlich freier.

Es gebe in Afrika extrem ausbeuterische Systeme; die Führer plünderten die Länder teilweise regelrecht aus. Dass in islamischen Ländern eine Demokratie nicht umsetzbar sei, hält Mielke für eine Fehleinschätzung. "Natürlich muss bei Hilfeleistungen die Verwendung der Mittel streng kontrolliert werden", antwortete er auf eine besorgte Frage aus dem Zuhörerkreis.

Und bei der Befürchtung eines Besuchers, dass Europa durch einen Aufschwung der armen Länder wirtschaftlich getroffen werden könne, reagierte er sehr emotional: "Was ist denn daran so schlimm? Wenn wir auf einige Prozent unseres Einkommens verzichten müssen, geht es uns immer noch gut, wenn aber den Armen etwas weggenommen wird, verhungern sie", beklagte Mielke die "Schlaraffenland-Mentalität" in Europa.

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