Prozess gegen Högel

Der Oldenburger Sumpf

Im Prozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel geben sich ein Oberarzt und ein Pfleger unwissend. Dabei spricht vieles dafür, dass die beiden Zeugen mehr wissen, als sie vorgeben.
22.02.2019, 22:01
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Der Oldenburger Sumpf
Von Nico Schnurr
Der Oldenburger Sumpf

Ehsan N. sagt über Niels Högel: „Als Högel von der Abteilung wegging, war das aus unseren Köpfen weg.“

Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Es gibt diese eine Anekdote. In diesem an abenteuerlichen Anekdoten nicht gerade armen Prozess ist sie die vielleicht abenteuerlichste. Sollte sich die Szene so zugetragen haben, dann gibt sie eine Antwort auf eine der Fragen, die über dem Verfahren gegen Niels Högel schwebt: Wer hat wann etwas von den Morden des Pflegers geahnt?

Der Angeklagte hat die Szene geschildert, einige Zeugen ebenso. Sie spielt auf einer Treppe, auf der die Pfleger in ihren Pausen rauchen, kurz bevor Högel die Intensivstation 211 verlässt. Es laufen die letzten Wochen des Jahres 2001, und auf der Rauchertreppe trifft Ehsan N. auf Högel. Der Oberarzt mustert den Pfleger. Sein Blick gleitet am Pfleger hinab, bis zur Hüfte. Dann geht er auf Högel zu und greift in dessen Kitteltasche.

Dort steckt eine Spritze, sie ist aufgezogen. Ehsan N. nimmt seine Brille ab und die Spritze aus dem Kittel. Und dann träufelt er die Flüssigkeit aufs Brillenglas. Er will testen, welchen Stoff der Pfleger mit sich trägt. Ist es Kochsalz oder doch Kalium, mit dem Högel zu dieser Zeit tötet? Über den Ausgang dieser Szene gibt es unterschiedliche Versionen. Immer wird deutlich: Ehsan N. muss etwas geahnt haben. So handelt jemand, der einen schweren Verdacht hegt. Was wusste der Oberarzt?

Lesen Sie auch

Freitag, es ist der 13. Verhandlungstag im Verfahren um hundert Patientenmorde, der größten Mordserie der Nachkriegsgeschichte. Ehsan N., 53 Jahre alt, ein Arzt in Jeans und schmal geschnittenem Sakko, blickt ratlos durch seine Kastenbrille. Er will sich nicht an die Szene auf der Rauchertreppe erinnern können. Er sagt nur: „Es ist selbstverständlich, dass ein Brillenträger seine Brille putzt.“

Inzwischen arbeitet der Arzt in den Niederlanden. Ehsan N. scheint auch sonst weit weg, von der Intensivstation, der Zeit mit Högel. Einmal sagt er: „Als Högel von der Abteilung wegging, war das aus unseren Köpfen weg.“ Die auffällig hohen Kaliumwerte vieler Patienten will er zuvor nicht bemerkt haben. Auch von einem Treffen, bei dem Ärzte und Pfleger über die Werte beraten haben, habe er nicht erfahren. In einer Vernehmung hat er der Polizei gesagt: „Die Reanimationen nahmen zu, wenn Högel im Dienst war.“ Vor Gericht will er das so nicht wiederholen. Lieber sagt er Sätze wie: „Ich habe ein verschwommenes Bild, was war und was nicht, auch durch die Manipulation der Medien.“

Eine enge Freundschaft zerbricht

Auspacken oder vergessen? Im Fall Högel zerbrechen an dieser Frage sogar Freundschaften. Am Vortag sitzt Ewald H. am Zeugentisch, 48 Jahre alt, ein Mann mit schmalen Schultern und sanfter Stimme. Als Högel auf der Oldenburger Intensivstation arbeitet, ist auch er dort als Krankenpfleger angestellt. Zu dieser Zeit ist Ewald H. mit einem anderen Kollegen eng befreundet: Frank Lauxtermann.

Für eine Weile wohnen die beiden zusammen, sie spielen in einer Rockband, helfen einander bei Geldnöten. Ewald H. wird Lauxtermanns Trauzeuge. Im März 2001 verlässt Lauxtermann dann das Klinikum, doch heute gilt er selbst für die Zeit danach als einer wichtigsten Zeugen. Nicht weil er so viel weiß. Sondern weil die anderen sagen, sie wissen so wenig. Was er berichtet, das hat Lauxtermann oft nur aus zweiter Hand. Die Quelle: Ewald H., sein damals engster Freund. Manche Zeugen wollen diesen Lauxtermann deshalb als Aufschneider abtun, als Wichtigtuer, der nacherzählt, was er mal irgendwo aufgeschnappt hat. Auch Ewald H. redet heute so über seinen früheren Freund. „Er benutzt ­Stories, um sich zu profilieren und im Rampenlicht zu stehen.“

Lesen Sie auch

Doch es gibt da diese Mails und SMS, sie flimmern nun über die beiden Bildschirme am Kopfende der Weser-Ems-Halle. Es ist ein Austausch unter Vertrauten. Ewald H. schreibt Lauxtermann, nennt ihn „Franky“ oder „Sir“. Sie sind noch Freunde, damals im Herbst 2014, kurz bevor rauskommt, dass Oldenburg von Högels Mordserie betroffen ist. Die Mails und SMS aus dieser Zeit lesen sich wie die Nachrichten von Wissenden.

Ewald H. bestärkt Lauxtermann darin, zur Polizei zu gehen und auszusagen. Er schreibt: „Hut ab vor deiner Entscheidung, da können sich einige eine Scheibe von abschneiden.“ Ein paar Wochen später meldet sich H. erneut bei seinem Freund. Es geht um die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zu möglichen Morden auf der Oldenburger Intensivstation, und Ewald H. verschickt Sätze wie: „Es werden einige mächtig nervös.“ Und: „Es wird alles rauskommen“, „so ist das im Leben immer: Die Wahrheit kommt ans Licht.“ In einer Nachricht vom 7. Dezember 2014 ärgert sich Ewald H. über das Schweigen der anderen im Klinikum: „Was für ein Sumpf.“

Jetzt sitzt Ewald H. vor dem Richter und sagt, sein ehemaliger Freund, zu dem er keinen Kontakt mehr pflege, habe sich in etwas verrannt. Lauxtermann sei merkwürdig geworden, psychisch labil. Er habe nur noch über Högel gesprochen. Seine Nachrichten erklärt Ewald H. nicht. Und da ist noch etwas, das er nicht erklären kann. Der Richter zitiert aus einem Gespräch, das Dirk Tenzer im Jahr 2014 mit Ewald H. geführt hat. Das Versprechen des Klinikchefs damals: Nichts von dem, was H. erzählt, verlässt das Büro. Also sagt der Pfleger Sätze wie: „Immer, wenn Högel da war, gab es Notfallsituationen.“ Und: „Nach Högels Wechsel in die Anästhesie ging es da los.“

Zeugen werden vereidigt

Im vergangenen Jahr gelangt das Protokoll des Gesprächs zur Staatsanwaltschaft. Heute sagt Ewald H. über seine Aussagen gegenüber Tenzer: „Da weiß ich nicht, wie er darauf kommt.“ Überhaupt will Ewald H. von nichts wissen. Sebastian Bührmann kann das nicht glauben. Also vereidigt er den Zeugen. Der Richter betont, dass ein Meineid hart bestraft wird. Dann lässt er Ewald H. schwören.

Am nächsten Tag wiederholt sich die Szene. Bührmann will, dass Ehsan N. aufsteht und die Hand hebt. Doch bevor sich der Arzt erheben kann, bittet sein Anwalt um eine kurze Beratungspause. Es folgen Minuten, in denen es laut wird im Gerichtssaal. Große Aufregung, im Publikum, bei den Journalisten, überall Gerede: Erzählt der Arzt nun doch von der Szene auf der Rauchertreppe?

Lesen Sie auch

Es dauert fast eine Viertelstunde, bis die beiden in den Saal zurückkehren. Und tatsächlich: Ehsan N. will nun noch etwas sagen. Es folgen nur Wiederholungen. Also von vorne: Wieder muss der Zeuge aufstehen. Wieder fährt sein Anwalt dazwischen. Alle setzen sich erneut, Ehsan N. will nun wirklich etwas zur Situation auf der Rauchertreppe beitragen. Dann sagt der Arzt, er hätte Högels Spritze behalten, wenn er sie denn getestet haben sollte. Aber daran kann er sich nicht erinnern. Dann reicht es. Noch einmal steht der Arzt auf, er hebt die Hand, und der Richter fordert ihn auf, zu schwören, nichts als die Wahrheit gesagt zu haben. Ehsan N. schwört.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+