Umzug des Oldenburgischen Staatstheaters "Der Ort passt wunderbar zu dieser Spielzeit"

Oldenburg. Für ein Jahr ist das Oldenburgische Staatstheater in einen ehemaligen Fliegerhorst der Bundeswehr gezogen. Im Gespräch mit WESER-KURIER Online erklärt Opern- und Schauspieldramaturgin Johanna Wall, was für sie den Reiz der neuen Spielstätte ausmacht.
16.09.2010, 06:45
Lesedauer: 3 Min
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Von Thomas Joppig

Oldenburg. Für ein Jahr ist das Oldenburgische Staatstheater in einen ehemaligen Fliegerhorst der Bundeswehr gezogen. Am Wochenende feierte dort mit der Dreigroschenoper das erste Stück der neuen Spielzeit Premiere. Im Gespräch mit Thomas Joppig erklärt Opern- und Schauspieldramaturgin Johanna Wall, was für sie den Reiz der neuen Spielstätte ausmacht.

WESER-KURIER Online: Frau Wall, das Oldenburgische Staatstheater ist für ein Jahr in einen früheren Fliegerhorst gezogen. So eine Flugzeughalle steht ja auch für Aufbruch, für Unterwegssein. Inwieweit passt das zum Theater?

Johanna Wall:Nicht umsonst haben wir unsere neue Spielzeit unter das Motto „Wahlheimat“ gestellt. Das steht auch in großen Lettern an den Toren des Fliegerhorsts. „Wahlheimat“ bezeichnet ja einen Ort, den man sich ausgesucht hat, zumindest für eine Weile. Und dieser zeitliche Aspekt passt gut zum Theater. Wir sind eine vergängliche Kunstform. Ein Theaterabend ist immer einzigartig - wenn er erst mal stattgefunden hat, kann er nicht mehr wiederholt werden. Man hat natürlich eine Inszenierung, und doch ist jeder Theaterabend für sich neu. Das Bewegliche, das Transitorische, wie es immer heißt, liegt uns am Herzen. Wir wollen in Bewegung bleiben - im Kopf, aber auch mit unseren Produktionen. Und zugleich wollen wir auch andere in Bewegung bringen. Insofern passt der Ort wunderbar zu dieser Spielzeit.

Sie sind hier mit der Dreigroschenoper in die neue Spielzeit gestartet. Warum?

Dieses Stück passt perfekt hierher. Am Anfang der Dreigroschenoper heißt es ja, es sei eine Oper, die so opulent und prächtig sei, wie nur Bettler sie sich ausdenken könnten, und doch so billig, dass sie sie sich auch leisten können. Und ein bisschen stimmt das für uns auch. Wir haben diesen Fliegerhorst einfach genommen, wie er war, und gar nicht versucht, da eine aufwändige Bühne zu installieren. Denn die Dreigroschenoper spielt in den armen Vorstädten Londons, teilweise in Pferdeställen oder in Lagerhallen - und so einen Ort haben wir ja auch. Man kann sich hier hervorragend einen Peachum oder Macbeath vorstellen, die ihrem etwas dunklen Gewerbe nachgehen.

Hatten Sie trotzdem Bedenken, dass Ihnen während dieses Jahres im Fliegerhorst auch einige Abonnenten abspringen könnten?

Das war tatsächlich eine unserer großen Ängste. Aber wir haben überhaupt keinen Einbruch bei den Abonnentenzahlen. Unsere drei Schnupper-Sonntage waren mit jeweils ungefähr 500 Zuschauern wirklich gut besucht, und wir haben positive Rückmeldungen auf den neuen Ort bekommen. Die Oldenburger kennen und lieben ihr Großes Haus, aber sie finden es auch spannend, nochmal woanders hinzuschauen. Und wir versuchen, ihnen den Weg hierher so bequem wie möglich zu machen - zum Beispiel durch einen Shuttle-Service.

Wie ist denn überhaupt die Idee entstanden, während der Theatersanierung auf einen Fliegerhorst auszuweichen?

Wir haben eine geeignete Spielstätte gesucht, in der wir vergleichbar große Produktionenaufführen können wie im Großen Haus – also auch Opern. Das wäre auch in einem Zelt möglich gewesen, aber wir sind durch die Stadt gefahren und haben geguckt, was für Gebäude in Frage kämen. Und dann haben wir den Fliegerhorst entdeckt - einen Ort, der einzigartig ist. Und obwohl das Areal so weitläufig und abgeschieden wirkt, kann man es von der Innenstadt aus vergleichsweise schnell erreichen. Scheint es doch Wahnsinn, so hat es doch Methode, könnte man sagen. Denn man verliebt sich auch ein bisschen in einen solchen Ort, der so eine bestimmte Atmosphäre hat. Wir finden es spannend, als Theater so ein ehemaliges Militärgelände zu beziehen und zu schauen: Was passiert eigentlich mit diesem Ort, wenn wir dort als Theaterleute unseren Theatergeist hereinbringen?

Wie haben die Ensemblemitglieder auf den Umzug reagiert?

Die Gründe haben alle verstanden, jeder hier weiß, wofür man so etwas macht. Es ist aber schon ein Jahr, das zusätzliche Anstrengungen mit sich bringt. Schon allein, weil der Weg zur Arbeit länger ist. Allerdings ermöglicht diese Abgeschiedenheit hier auch eine sehr konzentrierte Probenarbeit. Trotzdem freuen wir uns natürlich, wenn wir in unsere schönen neuen Probenräume und in das Große Haus zurückkehren können.

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