Im Seniorenheim wollte er nicht bleiben, nun wird Werner Kreye in seinem Haus rund um die Uhr betreut Der polnische Premiumpfleger

Hatten. Dass er nicht lange bleiben will, wurde Werner Kreye im Seniorenheim schnell bewusst. Sein Bruder kümmerte sich um eine Alternative und wandte sich an eine Agentur, die Pflegekräfte aus Osteuropa vermittelt. Seit August 2010 wohnt Kreye wieder zu Haus. Sein neuer Mitbewohner: Krzysztof Szczepanski aus Polen.
16.05.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Yvonne Nadler

Hatten. Dass er nicht lange bleiben will, wurde Werner Kreye im Seniorenheim schnell bewusst. Sein Bruder kümmerte sich um eine Alternative und wandte sich an eine Agentur, die Pflegekräfte aus Osteuropa vermittelt. Seit August 2010 wohnt Kreye wieder zu Haus. Sein neuer Mitbewohner: Krzysztof Szczepanski aus Polen.

Werner Kreye lacht. Gerade hat Krzysztof Szczepanski mal wieder einen seiner Witze gemacht. "Manchmal ist es etwas zu ruhig hier", sagt er. "Gut, dass die Vögel da sind." Im August 2010 ist Szczepanski in Kreyes Haus in Hatten eingezogen, um den 73-Jährigen im Haushalt zu unterstützen.

Kreye ist Epileptiker und pflegebedürftig. Starke Medikamente gegen die Krämpfe haben sein vegetatives Nervensystem angegriffen. Vor einem Jahr kapitulierte sein Körper vor den starken Nebenwirkungen. Kreye brach zusammen und kam nach einem Krankenhausaufenthalt ins Heim. "Dort gefiel es mir gar nicht", sagt er. Kreye wollte so schnell wie möglich wieder nach Haus.

Angestellt in Polen

Sein Bruder hörte sich um und erfuhr von der Betreuung 24 Nord. Die Agentur vermittelt osteuropäische Pflegehelfer. Sie sind und bleiben bei einem Unternehmen in ihrem Heimatland angestellt und dort versichert. Der Arbeitgeber entsendet sie pro Arbeitsaufenthalt bis zu sechs Monate nach Deutschland. Sieben Tage, nachdem der Bruder angefragt hatte, holte der Pflegehelfer Kreye vom Seniorenheim ab. Der Pflegebedürftige musste sich nun an den permanenten Gast im Haus gewöhnen, Szczepanski daran, dass er nun wieder der Fremde im Ort war. Der 38-jährige Pole hat schon oft seinen Arbeitsort wechseln müssen. "Das ist manchmal schwierig", sagt er.

Mittlerweile hat sich der Tagesablauf der beiden eingespielt. Heute jedoch ist alles etwas anders. Kreye geht zu einer Diamanthochzeit. Szczepanski ist auch eingeladen. Er kommt zu Festen mit. Der Helfer steht dem Pflegebedürftigen 24 Stunden am Tag zur Verfügung. An diesem Morgen wird Kreye von Szczepanski nass rasiert, gebadet, eingecremt. Anschließend zieht der Pflegehelfer dem Senioren die Stützstrümpfe und ein Hemd an. Auch die Krawatte darf nicht fehlen. "Heute mit Schlips, oder?", fragt Szczepanski. Kreye nickt.

Nach einer Studie des Instituts für angewandte Pflegeforschung aus dem Jahre 2009 arbeiten rund 100000 Pflegekräfte aus Osteuropa in Deutschland. Viele davon arbeiten schwarz. Manche sind direkt bei den Familien angestellt. Seit dem 1. Mai dürfen Privatleute die Helfer direkt anstellen und brauchen nicht mehr den Weg über die Zentrale Auslands- und Vermittlungsstelle nehmen. Beata Finkeldey leitet das Vermittlerbüro Betreuung 24 Nord. 60 Pflegebedürftige nehmen die Leistungen mittlerweile in Anspruch. Die Zahl der Anfragen steigt. Das Gesetz zur Arbeitnehmerfreizügigkeit ändert an ihrer Arbeit nichts. Sie befürchtet diesen Weg auch nicht als Konkurrenzmodell. "Die deutschen Familien werden auch weiterhin über Agenturen gehen", sagt sie. Weil es Pflichten wie einen Betrieb anmelden, Sozialversicherungsbeiträge abführen oder Berufshaftpflichtversicherung abschließen erspare.

Seit drei Jahren arbeitet Szczepanski über Betreuung 24 Nord. Bereits im Alter von 20 Jahren kam er aus Polen nach Deutschland, um als Koch zu arbeiten. Danach arbeitete er als Florist und Bestatter. Irgendwann bot er sich als Pflegehilfskraft an. Eine Ausbildung in dem Bereich hat Szczepanski nicht. Das, was er in der Betreuung leisten darf, ist sowieso beschränkt. Er hilft Kreye beim Waschen, Anziehen oder Laufen. Spritzen geben oder Verbände wechseln darf er nicht. In manchen Fällen kommen deutsche Pflegekräfte dann zusätzlich. In anderen Fällen werden sie durch billigere Pflegedienste aus Osteuropa ersetzt.

Zum Frühstück gibt es im Hause Kreye heute Reste von der kalten Platte von gestern. Kreye hatte Geburtstag. Er blättert in der Zeitung. Krzysztof entdeckt sein Horoskop: "Unternehmen Sie etwas mit Ihrem Partner, um wieder zueinander zu finden" steht da. "Mein Partner?" fragt er scherzhaft und deutet auf Kreye.

Kost und Logis frei

2000 Euro kostet Kreye die Betreuung pro Monat, nur ein Bruchteil dessen, was er für eine vergleichbare Leistung an einen deutschen Anbieter zahlen müsste. Pflegekasse und Krankenkasse würden dann aber einen Teil der Kosten übernehmen. Jetzt bekommt Kreye nur das Pflegegeld zusätzlich, rund 400 Euro. Den Rest bezahlt der Pflegebedürftige von seinem Ersparten. Pflegeaufwand, Berufserfahrung, Sprachkenntnis - danach bemisst sich der Preis für einen Pflegehelfer aus Osteuropa. Szczepanski spricht sehr gut Deutsch. Deshalb gilt er als Premiumangebot.

Nach dem Frühstück steht Bewegung auf dem Plan. Erst ein Spaziergang durch den Garten, dann fünf Minuten Rad fahren auf dem Hometrainer. Szczepanski stellt das Fitnessgerät heute etwas leichter ein. "Sonst tut es in den Beinen weh", sagt er und Kreye erwidert. "Na ja, ich will ja auch was merken." Um 8.30 Uhr erledigt Szczepanski ein paar Putzaufgaben. Seinen Lohn zahlt die polnische Firma. Wie viel es genau ist, darf der Pflegehelfer nicht sagen. Kost und Logis in Kreyes Haus sind frei. Szczepanskis Zimmer ist klein. An der Wand hängen ein kleiner Engel aus Stoff und ein Stern. Mehr nicht. Der Pflegehelfer spart auf eine Wohnung in Danzig. Irgendwann werde er dort einziehen und bleiben. "Nicht bald. Aber irgendwann", sagt er. Fast jeden Abend telefoniert er über das Internet mit seiner Mutter und seinen Geschwistern.

In zwei Monaten fährt Szczepanski wieder nach Polen. Kreye wird dann von einem anderen Pfleger aus Osteuropa betreut. Einen Monat bleibt Szczepanski, wie schon einmal im Januar, in der Heimat, dann kommt er wieder zum Arbeiten nach Deutschland - wahrscheinlich zurück zu Kreye.

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