Leben auf Wangerooge Der Reiz der Abgeschiedenheit

1300 Menschen leben in auf Wangerooge – im Winter sind sie unter sich. Warum sich Zugezogene für das Leben in der Abgeschiedenheit entschieden haben, welche Probleme es gibt und was sich ändern soll.
12.03.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Thomas Strünkelnberg

Abgeschiedener geht kaum: Auf Wangerooge sind die Bewohner gerade im Winter unter sich. Von der Nordseeinsel mit rund 1300 Menschen startet mitunter nur eine Fähre pro Tag, wenn sie bei Stürmen nicht sogar ausfällt. Die 26-jährige Annabel Thomas ist aus Hannover in die Abgeschiedenheit gezogen. Die Lehrerin unterrichtet seit einigen Wochen an der Inselschule. „Ich bin einmal auf die Insel gekommen, um mich zu bewerben. Das zweite Mal dann zur Wohnungssuche, da wurde ich schon erkannt: „Ah, Sie sind die neue Lehrerin.“

Für Wangerooge ist Thomas ein Glücksgriff, denn junge Menschen zieht es aufs Festland: Wer Abi machen will, muss aufs Internat, und auch für die Ausbildung gehen viele – vielleicht auch für ein bisschen Abwechslung. Denn ohne Touristen geht es beschaulich zu. Im Winter ist etwa das Kino die meiste Zeit dicht. „Meine Schüler haben mir gleich am Anfang gesagt: Sie brauchen Netflix!“, erzählt Thomas.

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Warum sie sich ausgerechnet hierhin beworben hat, darüber kommt die Lehrerin aber nur kurz ins Grübeln: „Ich bin eh ein Meermensch. Geprägt durch Herbsturlaube in Dänemark, wo nur kaltes, nasses Wetter und Steilküste waren. Da haben wir uns immer wohl gefühlt, wir hatten Zeit als Familie.“ Die Inselkinder findet Thomas erstaunlich offen. „Die sagen: „Heute ist nicht mein Tag. Die Stunde war überhaupt nichts, ich hab nichts verstanden.“ Das würde mir auf dem Festland kaum jemand ehrlich zurückmelden.“ Außerdem arbeiteten die Schüler miteinander statt gegeneinander – „und das jahrgangsübergreifend. In der Großstadt hat man ja eher Grüppchenbildung.“

Bürgermeister Marcel Fangohr (parteilos) sorgt sich etwas um die Inselgemeinschaft. Auch wenn die Einwohnerzahl über die Jahre relativ konstant bleibe, würden die Bewohner im Schnitt älter. „Wir brauchen junge Leute“, sagt er. Solche, die Familien gründeten. „Wichtig ist, dass das dörfliche Gemeinschaftsgefühl erhalten bleibt, dass man miteinander was macht, sich Menschen im Verein engagieren.“ Erst recht, da die Bewohner nicht einfach ins Nachbardorf fahren können.

„Jeder muss sich selbst einbringen“

„Wenn die Urlauber weg sind, gibt es keinen Zumba-Kurs. Jeder muss sich selbst einbringen“, sagt Anja Höneise. Von Hamburg hat es die 36-Jährige nach Wangerooge verschlagen, und dort bringt sie sich ein: Höneise bietet Mutter-Kind-Turnen an. Ihr Mann und sie übernahmen 2011 eine Bäckerei. Auf einer Insel ohne Autos beliefern sie Hotels mit dem Rad. „Wir arbeiten hier mit Urlaubern. Das ist entspannt. In der Stadt heißt es eher: „Wie lange dauert das mit dem Kaffee noch?“

Fachkräftemangel herrscht auf den Inseln dennoch. Norderney will diesen Frühling ein eigenes Jobportal starten. Dort braucht man einem Sprecher zufolge nicht nur Rettungsschwimmer und Zimmermädchen, sondern auch Verwaltungskräfte und Ordnungsbeamte. Spiekeroogs Bürgermeister Matthias Piszczan (CDU) erzählt: „Das Problem ist nicht, dass die Leute nicht kommen wollen, sondern wo sie wohnen können.“ Der Bürgermeister einer der kleinsten selbstständigen Kommunen in Niedersachsen sagt: „Wir haben Großstadtpreise.“

Zufluchtsort für die Reichen, Ferienressort und Naturschutzreservat

Hotelier Detlev Rickmers auf Helgoland hat kürzlich beklagt, die Insel werde zu einer Mischung aus Zufluchtsort für die Reichen, Ferienressort, Museumsinsel und Naturschutzreservat. Damit an Niedersachsens Küste das Inselleben nicht stirbt, plane man von Borkum bis Wangerooge ein Projekt mit der Hochschule in Wilhelmshaven, so Bürgermeister Fangohr: So „wollen wir herausfinden, wie sich die Inseln besser vermarkten können.“ Nicht als Urlaubsziel, sondern Lebensmittelpunkt. Er sucht Menschen, die 10, 20 Jahre bleiben wollen, „die wissen, worauf sie sich einlassen.“

Die Berlinerin Emily Knothe hat es eher zufällig auf die Insel verschlagen. Eine Freundin hatte sie eingeladen, weil Knothe nach dem Master „die Decke auf den Kopf gefallen ist“. Über die Freundin bekommt die 33-Jährige einen Job in einer Strandbar, Blick auf die Nordsee. „Ich dachte, ich bleibe zwei, drei Monate.“ Daraus ist jetzt fast ein Jahr geworden. Für den Geschmack der Berlinerin könnte die Insel mehr kleine Konzerte und Open Mic-Sessions vertragen. Was sie schätzt: die kurzen Wege und mehr Zeit für Freunde. Sogar die ruhigen Monate ohne Touristen hat die Barkeeperin genossen: „Es heißt immer: Im Winter rücken die Insulaner näher zusammen.“ Dann bekommt Knothe am Tresen viele Geschichten zu hören: von vergangenen Stürmen ebenso wie vom Problem mit bezahlbarem Wohnraum.

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