Weyhes Gleichstellungsbeauftragte zieht erste Bilanz / Eigene Erfahrungen mit Benachteiligung "Der Schlüssel zur Freiheit"

Die Aufgaben-Liste von Ülkü Kilic-Walter ist lang. Die 35-Jährige ist seit vier Monaten die Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Weyhe, und sie sprudelt bereits vor Ideen. Die kommen nicht von ungefähr: Die studierte Rechtsanwältin hat ihre persönlichen Erfahrungen mit Benachteiligungen - als Frau und Migrantin.
07.02.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Annika Richter

Die Aufgaben-Liste von Ülkü Kilic-Walter ist lang. Die 35-Jährige ist seit vier Monaten die Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Weyhe, und sie sprudelt bereits vor Ideen. Die kommen nicht von ungefähr: Die studierte Rechtsanwältin hat ihre persönlichen Erfahrungen mit Benachteiligungen - als Frau und Migrantin.

Weyhe. Ülkü Kilic-Walter macht ihren Job mit Begeisterung: "Ich sehe unheimlich viele Möglichkeiten, etwas zu verändern, um Frauen mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen", sagt sie und strahlt übers ganze Gesicht. Seit vier Monaten ist die 35-Jährige die Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Weyhe. Frauen seien nach wie vor gesellschaftlich benachteiligt, Frauen mit Migrationshintergrund gleich doppelt. Kilic-Walter weiß das aus eigener Erfahrung: Sie selbst ist nicht nur eine Frau, sondern hat ebenfalls einen Migrationshintergrund. Darum liegt ihr das Thema Gleichstellung ganz besonders am Herzen.

Kilic-Walters Aufgaben drehen sich also hauptsächlich um Frauen mit und ohne Migrationshintergrund. Das sei ja auch verständlich, schließlich seien die Männer so gut wie nicht benachteiligt, meint sie. Deshalb sei sie noch lange keine "Benachteiligtenbeauftragte". Kilic-Walter bestehe auf den Begriff der Gleichstellungsbeauftragten, denn er beschreibe nicht, dass beide Geschlechtergruppen ab sofort gleich behandelt werden sollten, sondern das große Ziel.

"Man muss sich die Frauen und die Männer wie zwei Sandhaufen vorstellen. Wobei der Frauenhaufen nur halb so groß ist wie der Männerhaufen", sagt Kilic-Walter. "Schaufelt man dann von einem Extrahaufen genauso viel Sand auf den Frauen- wie auf den Männerhaufen, werden die beiden Hügel nie gleich groß, sondern bleiben beide immer auf dem selben Niveau." Darum sei es absolut notwendig, dass zunächst mehr von dem Extra- auf den Frauenhaufen geschaufelt wird. Dabei handele es sich keineswegs um eine Bevorzugung, sondern um eine Angleichung. Aber natürlich müsse man jeden einzelnen Bereich der beiden Geschlechterhaufen gesondert betrachten.

Erfahrungen als Inspiration

Kilic-Walter selbst ist in Deutschland geboren, doch ihre Eltern stammen aus der Türkei. "Meine Mutter ist 1972 zunächst alleine als Gastarbeiterin aus ihrem Dorf in Zentralanatolien nach Bremerhaven gekommen", erzählt die Gleichstellungsbeauftragte. Aus Erzählungen ihrer Mutter, aber vor allem auch aus eigener Erfahrung weiß die 35-Jährige, wie sich die Benachteiligung von Migrantenfamilien anfühlt, welche Auswirkungen mangelnde Sprachkenntnisse und Berührungsängste haben. "Ich habe in einer Parallellgesellschaft gelebt - obwohl ich den Begriff nicht mag", wie sie betont. "Die Gastarbeiterfamilien haben in den günstigen Sozialwohnungen gelebt, wo eine Art ,Gettoisierung' stattgefunden hat." Für sie sei der Besuch des Kindergartens und der Schule ein großes Glück gewesen, weil sie dort auch anderes kennengelernt habe.

"Ich habe mich in der Rolle, die mir als junges Mädchen zugesprochen worden ist, schon benachteiligt gefühlt, weil sie auf klassischen Rollenbildern basierte", sagt Kilic-Walter. "Eine freie Entfaltung war in den konservativen Gesellschaftsstrukturen schwierig. Darum waren das Abitur und das Studium für mich und meine Freundinnen immer der Schlüssel zur Freiheit." Kilic-Walters Studium der Rechtswissenschaften bot ihr die große Gelegenheit, sich unkontrollierter zu entfalten. Doch als die Rechtsanwältin für Ausländer-, Asyl- und Strafrecht ihre Tochter bekam, fühlte sie sich erneut benachteiligt. Spätestens seit sie als Gleichstellungsbeauftragte arbeitet, weiß sie, "wie schwierig wegen der nicht hinreichend vorhandenen Kinderbetreuung der Spagat zwischen dem Berufs- und Familienleben ist."

Ihre eigenen Erfahrungen liefern Kilic-Walter viel Inspiration für ihren Beruf. Zum einen strebt sie eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf an. "Das ist innerhalb der Gemeindeverwaltung ganz gut machbar, weil die Arbeitszeiten relativ flexibel sind. Aber es gibt natürlich auch viele andere Berufe, wo das nicht der Fall ist und wo ich noch ran möchte." Doch ihr Schwerpunkt liegt bislang bei den Migrantinnen: "Ich habe schon Türkinnen, Libanesinnen, Iranerinnen, Syrerinnen, Kurdinnen, Kosovarinnen, Russinnen und viele mehr kennengelernt und eine Bedarfsanalyse gemacht." Dabei kam eine lange Aufgaben-Liste zustande. "Es gibt zum Beispiel einen großen Bedarf an Schwimm- und Fahrradfahrkursen. Viele Frauen kommen aus Ländern, wo es nicht zum kulturellen Leben gehört, diese Dinge automatisch zu erlernen."

Seelische Unterstützung

Auch seelisch will Kilic-Walter die Frauen mehr unterstützen. Sie möchte ein interkulturelles Frauencafé und Gesprächskreise einrichten, in denen die Frauen, über die Phasen ihrer Migration sprechen können, um sie besser zu verarbeiten. "Viele sind aus kleinen Dörfern hierher geflüchtet und haben viel Leid erlebt. Dann kommen sie hier in die Fremde und haben womöglich noch nie eine Stadt gesehen", so Kilic-Walter. "Die Gespräche sollen ihnen helfen, ihre Vergangenheit zu akzeptieren und hier anzukommen, damit sie auch nicht ihre Heimat überidealisieren."

Beim Ankommen soll auch das Erlernen der deutschen Sprache helfen. "Sprache ist der wichtigste Schlüssel für ein Zusammenleben und zur Integration."

Darum stehen im Louise-Ebert-Zentrum (LEZ), dem Frauenzentrum in Leeste, auch ehrenamtliche Deutschlehrer zur Verfügung. Ihre Muttersprache sollen die Migrantinnen aber auch nicht vernachlässigen. "Die muss aufrecht erhalten werden. Das ist wichtig für die eigene Identifikation." Ein sprachlicher Austausch könnte zum Beispiel schon ab dem 10. März beim interkulturellen Frühstück beginnen, das regelmäßig von 11 bis 14 Uhr für Frauen, Männer und Kinder aller Nationen im LEZ stattfinden soll.

Kilic-Walter sprudelt vor Ideen, um ihr großes Ziel zu erreichen: "Trennendes Überwinden, Schwierigkeiten bewältigen und Gemeinsames leben", wie sie es beschreibt. "Wir sind nun mal eine multikulturelle Gesellschaft geworden. Ich möchte Neugier wecken, Gemeinsames fördern und die Menschen füreinander sensibilisieren" - egal, ob ausländisch oder deutsch, ob Frau oder Mann. "Dafür muss aber auch ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden. Und dazu kann ich meinen Teil in Weyhe beitragen."

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