Alles begann in einem Gasthaus Der TV Stuhr wird 100 Jahre alt

Stuhr. Verhundertfacht in 100 Jahren - so könnte man den TV Stuhr im Jubiläumsjahr kurz und knapp beschreiben. Denn gestartet ist der Sportverein 1911 mit 22 Mitglieder, 100 Jahre später sind es heute 2170. Verändert hat sich aber noch viel mehr.
13.01.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Claudia Gilbers

Stuhr. Verhundertfacht in 100 Jahren - so könnte man den TV Stuhr im Jubiläumsjahr kurz und knapp beschreiben. Denn gestartet ist der Sportverein 1911 mit 22 Mitglieder, 100 Jahre später sind es heute 2170. Verändert hat sich aber noch viel mehr, denn aus einer kleinen Gruppe von Männern, die zusammen turnen wollten, ist längst ein Großverein mit vielen Sparten und Sportstätten geworden.

Der 15. Januar 1911 war der Tag, an dem der Turnverein (TV) aus der Taufe gehoben wurde. 22 Männer waren dazu im Gasthaus Lindenhof in Alt-Stuhr zusammengekommen. Das Gasthaus stand etwa dort, wo sich heute die Volksbank befindet. Im Gasthaus wurde auch geturnt. Trotzdem war das Turnen natürlich kein "Kneipensport". Erster Vorsitzender wurde Heinrich Thümler. Das neue Angebot stieß auf großes Interesse. Am ersten Übungsabend schlossen sich eine Woche später zehn weitere Männer dem Verein an. Im April waren bereits 50 Mitglieder aktiv. "Die erste Generation war sehr unternehmungslustig", hat der heutige Pressewart Hermann Meyerholz bei den Recherchen für die Vereinschronik herausgefunden. Die jungen Turner beteiligten sich an zahlreichen Turnfesten.

1914 hatte der Verein schon über 120 Mitglieder. Doch im Ersten Weltkrieg fielen zehn Turner, und 1916 erlag der gesamte Turnbetrieb. Doch noch während des Krieges, am 10. April 1918, veranlasste Heinrich Thümler den Neubeginn des Vereinslebens. Dabei war er selbst gerade erst von der Front zurückgekehrt. Sieben alte und 15 neue Mitglieder traten dem Verein sofort bei, 19 weitere kurz später.

Bereits 1919 öffnete sich der TV Stuhr auch für Frauen. In das Jahr 1919 fällt außerdem der erste Grundstückskauf. Für 1756,80 Reichsmark erwarb man vom Land Oldenburg einen sogenannten Wegerdeplaggen an der Stuhrer Landstraße gegenüber des Kosterkamps. "In mühseliger Eigenleistung der Mitglieder wurde ein Sportplatz daraus", berichtet Meyerholz. Überhaupt hätten die Mitglieder damals viel getan, um Sport zu treiben. Denn als der Platz fertig war, haben sie die Turngeräte zu jeder Übungseinheit mit einem Pferdewagen vom Gasthof hin- und hertransportiert.

In den folgenden Jahren ging es steil bergauf. Neue Mitglieder kamen hinzu - ebenso wie neue Sportarten. Beim TV Stuhr wurde dann auch Schlagball und Schleuderball gespielt. Ende 1922 begann der Verein mit dem Bau seiner ersten Immobilie. Durch einen Anbau an das Wohnhaus der Familie Jüchter, die auch die gesamte Ladenfläche ihres ehemaligen Geschäfts zur Verfügung stellte, entstand an der Stuhrer Landstraße das neue Turnlokal. Fleißigster Turner damals war übrigens Heinrich Stindt. Laut Protokoll der Weihnachtsfeier 1924 hatte er in sieben Jahren keinen Übungsabend ausgelassen.

Da der Sportplatz an der Stuhrer Landstraße sich schnell als ungünstig gelegen erwies, wurde er wieder verkauft. Der Verein erwarb stattdessen für 11040 Reichsmark ein 1,2 Hektar großes Grundstück hinter dem Fuhrunternehmen Karl Buckmann an der Blockener Straße. "Auch diese Weide musste in mühseliger Arbeit mit Pferdegespannen gepflügt, planiert und angesäht werden", berichtet Meyerholz. Doch auch der Platz wurde wieder verkauft und der Erlös der Gemeinde zur Verfügung gestellt, die in der Nähe der Schule gegenüber der Stuhrer Kirche eine Turnhalle bauen wollte. Außerhalb der Schulzeiten sollte der Verein die Anlage nutzen dürfen. Auf dem Grundstück stehen heute das Rathaus und die Turnhalle. Damals wurde es allerdings erstmal nichts mit der Sporthalle, nur ein Sportplatz wurde angelegt. Aus den Jahren 1928 bis 1945 ist wenig über das Vereinsleben bekannt, da viele Unterlagen im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Durch den Krieg gab es schließlich auch gar kein Vereinsleben mehr.

Doch schon bald nach Kriegsende folgte der Neustart. Am 1. März 1946 fand dazu im Gasthaus Nobel eine Versammlung statt. Da das alte Turnlokal durch Bomben zerstört worden war, wurde zunächst im Nobel-Saal weitergeturnt. Ende Januar 1947 gehörten dem Verein 46 Turner und 33 Turnerinnen an. Damals erhielt übrigens noch jedes Mitglied einen Ausweis, in den die Bezahlung des Betrages vermerkt wurde. Der Kassenwart musste bis Mitte der 1960er-Jahre jeden Monat bei allen Mitgliedern vorbeifahren, um den Monatsbeitrag zu kassieren. Erst dann wurde per Überweisung oder Bankeinzug bezahlt.

Die Turner bauen mit

1953 begannen auch endlich die Arbeiten an der neuen Turnhalle an der Blockener Straße. 50 Turner des Vereins halfen beim Ausschachten. Im November wurde die Halle eingeweiht, nach Angaben des Vereins ist sie die erste Halle, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Niedersachsen gebaut wurde. Wieder teilten sich Schule und Verein die Hallenzeiten. "Die Halle löste einen wahren Boom beim TV Stuhr aus, denn die folgenden Jahre zeigten ständig wachsende Mitgliederzahlen und die Gründung von neuen Sparten", sagt Meyerholz.

1962 verstarb der langjährige Vorsitzende Johann Hollwedel und der Lehrer Ludwig Seltenreich stand zunächst an der Vereinsspitze. Seltenreich wurde aber schon 1963 vom Gründungsvorsitzenden Heinrich Thümler abgelöst. Er war bis zu seinem Tod am 3. März 1969 Vorsitzender. Nachfolger wurde Johann Buckmann.

Die Geburtsstunde des Stuhrloop schlug dann 1973. Zuerst wurde in Stuhr nur über fünf Kilometer gelaufen, 1980 lag die maximale Strecke schließlich bei zehn Kilometern. In letztgenanntem Jahr verzeichnete der Stuhrloop mit 621 Teilnehmern auch seinen bisherigen Teilnehmerrekord. In den 70er-Jahren zogen immer mehr Menschen in die Ortsteile Stuhr und Moordeich - dementsprechend platzte auch der Verein bald aus allen Nähten. Da kamen die Pläne der Gemeinde, das Schulzentrum Moordeich zu erweitern, gerade recht. Denn sie sahen auch den Bau einer neuen Halle vor. 1976 wurde die Sporthalle am Neuen Weg eingeweiht. Erstmals mussten die Sportler nicht beim Bau helfen. Ab 1977 stand mit Karin Büntemeyer auch zum ersten und bislang einzigen Mal eine Frau an der Vereinsspitze. Das Sportangebot wurde derweil immer größer. 1978 wurde das Haltungsturnen für Kinder ins Programm genommen, 1980 die Tanzsportabteilung gegründet, "die sich zu einem echten Renner entwickelte", so Meyerholz.

In den 1980er-Jahren hatte der Verein aber auch mit großen Platzproblemen zu kämpfen. Denn auf dem Sportplatz an der Blockener Straße wurde das neue Rathaus gebaut, und die neue Sportanlage Moordeich an der Pillauer Straße war noch nicht fertig. Das hatte im Juni 1985 mit der Einweihung der neuen Anlage mit Außenplätzen und Halle ein Ende. Während die Sportanlage von der Gemeinde finanziert worden war, realisierte der Verein in Eigenregie das Vereinsheim, die Tennisanlage und den Tanzsaal auf dem neuen Gelände. 1985 wurde außerdem Günter Scharf Vorsitzender des Sportvereins.

Die 1980er-Jahre standen zudem ganz im Zeichen von sportlichen Erfolgen. 1981 errang die B-Jugend der Korbballerinnen die erste Landesmeisterschaft. Die erste Herrenmannschaft der Fußballer stieg am Ende der Saison 1989/1990 in die Bezirksliga auf. 1991 zählte der Verein 1750 Mitglieder. Die Korbballerinnen setzten ihre Erfolge fort: Die Damen wurden 1993 niedersächsische Landesmeisterinnen. Noch größer war dann der Erfolg im April 1995, als die Korbball-Schülerinnen sich sogar die Deutsche Meisterschaft erspielten. 1995 wurde außerdem die neue Ballspielhalle auf der Sportanlage eingeweiht. Ermöglicht wurde sie dadurch, dass der Verein sich an der Finanzierung der Gemeinde beteiligte. Den bislang letzten Wechsel an der Vereinsspitze gab es 1997. Seitdem steht Maximilian Wagner dem TV vor.

Im vergangenen Jahrzehnt hielt der Gesundheitssport auch beim TV Stuhr Einzug. 2008 wurde die erste Reha-Sport-Gruppe ins Leben gerufen, mittlerweile gibt es vier Gruppen. Und der Verein bekam wieder mehr Platz, als im Sommer 2010 die neue Einfeld-Sporthalle am Neuen Weg eingeweiht wurde.

Die größte Abteilung sind heute die Fußballer mit rund 500 Aktiven. "Viele Mitglieder machen auch mehrere Sportarten", sagt Wagner. Dass man in eine andere Sportart wechseln kann, sei auch ein Garant dafür, den Mitgliederstamm zu halten. Wagner blickt für den Verein eigentlich positiv in die Zukunft. Sorgenfalten treiben ihm nur die Pläne für die Ganztagsschulen auf die Stirn. Dann könne es schon sein, dass keine Zeit für den Sportverein mehr bleibe.

Ansonsten gilt aber: Wer will, kann mit dem TV Stuhr locker 100 Jahre alt werden - von den Krabbelgruppen für Kleinkinder bis zur Sitzgymnastik für Senioren.

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