Fadime und Stefan Fugmann schauen heute Abend gemeinsam Fußball - leider nicht im Stadion Deutschland oder Türkei? Beides!

Syke. Heute Abend steht im Berliner Olympiastadion ein interessantes und brisantes Fußball-Länderspiel auf dem Programm. 76000 Zuschauer werden auf den grauen Sitzschalen live mitverfolgen, wie Jogis mit dem silbernen Lorbeerblatt ausgezeichneten Kicker gegen die türkische Nationalmannschaft spielen. Deutschland gegen Türkei, das sorgt nicht nur für Spannung, weil die Fußballer aus Istanbul und Ankara ein ambitionierterer Gegner sind als vier Tage später das Team aus Kasachstan. Nein, das Spiel ist auch etwas besonderes, weil die Türken die größte ausländische Volksgruppe in Deutschland sind und weil jeder von uns türkische Freunde, Nachbarn oder Arbeitskollegen hat. Und natürlich gibt es auch türkisch-deutsche Liebesbeziehungen, Partnerschaften und Ehen - und da könnte es heute besonders prickelnd zugehen. So wie bei Stefan und Fadime Fugmann aus Syke.
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Von Karsten Bödeker

Syke. Heute Abend steht im Berliner Olympiastadion ein interessantes und brisantes Fußball-Länderspiel auf dem Programm. 76000 Zuschauer werden auf den grauen Sitzschalen live mitverfolgen, wie Jogis mit dem silbernen Lorbeerblatt ausgezeichneten Kicker gegen die türkische Nationalmannschaft spielen. Deutschland gegen Türkei, das sorgt nicht nur für Spannung, weil die Fußballer aus Istanbul und Ankara ein ambitionierterer Gegner sind als vier Tage später das Team aus Kasachstan. Nein, das Spiel ist auch etwas besonderes, weil die Türken die größte ausländische Volksgruppe in Deutschland sind und weil jeder von uns türkische Freunde, Nachbarn oder Arbeitskollegen hat. Und natürlich gibt es auch türkisch-deutsche Liebesbeziehungen, Partnerschaften und Ehen - und da könnte es heute besonders prickelnd zugehen. So wie bei Stefan und Fadime Fugmann aus Syke.

Er ist Deutscher und riesengroßer aktiver und passiver Fußballfan. Sie hat die türkische Staatsangehörigkeit und ist fußballinteressiert. 'Wenn Deutschland gewinnt, werde ich durch die Wohnung tanzen', erklärt der 45-jährige schmunzelnd. Seine Gattin kneift die Augen zusammen und schaut gespielt böse, sagt aber auch: 'Heute bin ich für die Türkei, ganz klar.'

Droht es da etwa ungemütlich zu werden auf dem gemütlichen Sofa im Fugmannschen Wohnzimmer? Muss einer auf dem Fußboden sitzen oder später vielleicht sogar schlafen? 'Nein, ganz so verbissen sind wir nicht', lachen die beiden. Wobei die sonst gemeinsam geteilte Begeisterung für Werder Bremen heute ruhen wird. 'Am meisten freue ich mich auf Nuri Sahin', meint Stefan Fugmann und erntet nun milde Blicke von der Seite.

Aber die verfinstern sich schnell, denn er prognostiziert weiter: 'Özil macht ein Tor und in der Nachspielzeit trifft Mertesacker.' Die Frau des Hauses lässt da nicht mit sich reden und würde einen deutschen Sieg auch dann nicht akzeptieren, wenn 'Merte' oder, für den unwahrscheinlichen Fall des Einsatzes, Marko Marin das Tor des Tages erzielen würde. In einem sind sie sich aber einig: 'Wir schauen zuhause, allein schon wegen der Kinder. Nur wegen Fußball holen wir keinen Babysitter.' Anders wäre es natürlich, 'wenn ich im Stadion wäre, gemeinsam mit meiner Frau bei so einem Spiel, das wäre ein Traum', so Stefan Fugmann. Doch Tickets waren nicht zu bekommen. Und außerdem hat er an das Olympiastadion schlechte Erinnerungen. 'Ich war da beim Pokalfinale', grinst er süßsauer. Zur Erinnerung. Da bekamen seine Bremer mit 4:0 von Bayern München kräftig was auf die Mütze.

Vielleicht kommt es ja heute zu einem friedlichen Unentschieden - damit könnten beide Teams und auch die Fans leben. Überhaupt sei die Rivalität nicht mehr so groß wie früher, und Stefan und Fadime Fugmann genießen volle Akzeptanz in der jeweils anderen Familie. 'Ich habe zwar auch von einer Person Unverständnis erlebt, aber insgesamt war das okay', erinnert er sich ans Jahr 2002, als sie ein Paar wurden. 'Und in Fadimes Familie bin ich ganz toll aufgenommen worden.' Fadime Fugmann erwidert: 'Das hängt ganz davon ab, wie aufgeschlossen die Eltern sind. Ich bin in Deutschland geboren, da war das natürlich einfacher. Wichtig war, dass Stefan ein Vernünftiger ist und Arbeit hat, weil er so für uns sorgen kann.'

Und was schätzt das grenzübergreifende Paar an der Nationalität des anderen? 'Ich lebe gern in Deutschland', erklärt Fadime und Stefan schätzt den großen Familienzusammenhalt bei den Türken. Das Essen mag er auch, und so gibt es bei Fugmanns auch mal Köfte, Hirsesalat oder Pide - zubereitet aber vom Mann, denn Stefan ist gelernter Koch. Heute Abend wird es aber normales Abendbrot zu normalen Zeiten geben, und bevor die Nationalhymnen erklingen, werden die Kids ins Bett gebracht. Denn die Geschäftsmaschinerie des Fußballs hat sich schon vor längerer Zeit für den Kommerz und gegen Familienfußballfernsehen entschieden - der Anpfiff in Berlin erfolgt erst um 20.45 Uhr.

Und so werden die beiden Töchter ebenso schlafen wie der kleine Fugmann-Sohn Felix, der großer Fußball-Fan ist und bei den Minis des TuS Syke kickt. Er wird trotzdem süß träumen, denn er ist sowieso Fan von Claudio Pizarro, bei dem er vor einigen Monaten bei einer Autogrammstunde mal auf dem Schoß sitzen durfte. Pizarro ist zwar Werderaner, aber eben auch Peruaner. Und heute gibt es nur Deutschland oder Türkei. Oder wie bei Fugmanns beides.

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