Reinhard Schwartz schildert Schülern seine DDR-Erfahrungen / Ausstellung über Oppositionelle

Die Angst prägte sein Leben

In den Fluren der Berufsbildenden Schulen ist noch bis zum 21. November die Ausstellung "Jugendopposition in der DDR" zu sehen. Zur Eröffnung schilderte ein Zeitzeuge die damaligen Lebensumstände.
11.11.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Markwort

In den Fluren der Berufsbildenden Schulen ist noch bis zum 21. November die Ausstellung "Jugendopposition in der DDR" zu sehen. Zur Eröffnung schilderte ein Zeitzeuge die damaligen Lebensumstände.

Osterholz-Scharmbeck. Zum Ende seines Vortrags überwältigten Reinhard Schwartz die Emotionen: Mit stockender Stimme und Tränen in seinen Augen schilderte der 74-Jährige zur Eröffnung der Ausstellung "Jugendopposition in der DDR" im Forum der Berufsbildenden Schulen (BBS) Osterholz die vielen Repressalien, denen er und seine Familie ausgesetzt waren. Auf Einladung des Politikteams der BBS sollte Schwartz den Schülern – von denen viele zum Zeitpunkt des Mauerfalls am 9. November 1989 noch gar nicht geboren waren – als Zeitzeuge die beklemmenden und von Angst geprägten Lebensumstände in der ehemaligen "Deutschen Demokratischen Republik" näherbringen.

"Allein der Name ist schon eine Lüge", eröffnete Schwartz seinen Vortrag vor den knapp 200 Zuhörern, "von Demokratie war dort nie etwas zu spüren." Noch vor Gründung der DDR sei das Leben der Bewohner von Angst geprägt gewesen. Der gebürtige Danziger (Jahrgang 1938) erzählte den Schülern von Bespitzelungen durch die Staatssicherheit (Stasi), seiner Zeit als Schüler und Auszubildender sowie von seiner knapp eineinhalbjährigen Inhaftierung im Stasi-Gefängnis in Erfurt(Thüringen). Gebannt lauschten die 16-bis 20-Jährigen den Ausführungen, zeitweise war es totenstill im Auditorium.

Das Politikteam der BBS um Projektleiter Jürgen Grimm hatte die Ausstellung anlässlich des 23. Jahrestages des Mauerfalls (9. November 1989) organisiert. "Wir wollen unseren Schülern die Geschichte und die damaligen Verhältnisse möglichst plastisch näherbringen", beschreibt Grimm. Insgesamt 18 Stelltafeln mit den Biografien junger Oppositioneller beschreiben eindrucksvoll die Lebenswege derjenigen, die sich gegen das totalitäre Regime aufzulehnen versuchten.

"Die Presse wurde zensiert", berichtete Schwartz, "westliche Musik oder West-Fernsehen waren verboten." Wer sich dem Regime entgegengestellt habe, sei bestenfalls "nur" von seinem direkten Umfeld isoliert und von allen Begünstigungen ausgeschlossen worden. "Viele untreue Staatsbürger landeten in den berüchtigten Stasi-Gefängnissen", so Schwartz. Die Haftbedingungen seien zum Teil miserabel gewesen, "aber am schlimmsten war der psychische Druck, mit dem dort gearbeitet wurde". Er selbst sei 1984 aus seinem Wohnort im thüringischen Sondershausen abgeholt und für 16 Monate "weggesperrt" worden, so Schwartz. "Meine Frau Edith und mein Sohn Enrico-René wurden ebenfalls inhaftiert und gerieten durch mein angebliches Fehlverhalten in Sippenhaft", erklärte der Zeitzeuge seinem jungen Publikum.

Dabei habe er lediglich anno 1980 während der Sitzung eines Gremiums seines Unternehmens laut und deutlich ausgesprochen, "was alle wussten, aber niemand sich traute, laut zu sagen": Die Planwirtschaft nach dem Vorbild der damaligen UdSSR könne nicht funktionieren, die Menschen litten unter der Mangelwirtschaft sowie dem Fehlen ausländischer Devisen und Güter, ließ Schwartz in seiner damaligen Funktion als Diplom-Ingenieur offen verlautbaren. Nur drei Tage später habe er sich dann nur noch als Straßenkehrer betätigen dürfen, sein gesamtes Umfeld habe sich von ihm abgewandt.

Als er sich schließlich knapp dreieinhalb Jahre später geweigert habe, sich für die Stasi in Moskau zu einem Spitzel ausbilden zu lassen, wurden er und seine Familie verhaftet. "Es war die reinste Hölle", schilderte Schwartz den – zum Teil erschrockenen und empörten – Schülern. Erst im Jahr 1986 sei er von der damaligen westdeutschen Regierung gegen die Zahlung von 90000 D-Mark freigekauft worden.

Für die Schüler war der Vortrag überaus aufschlussreich. "Ich kannte die DDR bisher nur aus dem Geschichtsunterricht", meinte zum Beispiel der 18-jährige Fachoberschüler Malte Engelbrecht. Im Anschluss an den Vortrag unterhielt er sich angeregt mit dem Zeitzeugen, "dessen Schicksal mich sehr beeindruckt, aber auch etwas verstört hat". Die Regierung "drüben" sei extrem ungerecht gewesen, urteilte nicht nur der 18-Jährige.

Die Ausstellung "Jugendopposition in der DDR" kann noch bis zum 21. November zu den üblichen Schulzeiten und bei freiem Eintritt besichtigt werden.

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